Trotz wütender Streiks

Britische Wirtschaft schrumpft nicht

Die britische Wirtschaft ist im abgelaufenen Quartal trotz wütender Arbeitskampfmaßnahmen in den Krankenhäusern und bei den Bahngesellschaften nicht geschrumpft.

Britische Wirtschaft schrumpft nicht

Britische Wirtschaft stagniert

Chefvolkswirt der Bank of England sieht keine weiteren Zinserhöhungen – Unternehmensinvestitionen gesunken

Die britische Wirtschaft ist im abgelaufenen Quartal trotz wütender Arbeitskampfmaßnahmen in den Krankenhäusern und bei den Bahngesellschaften nicht geschrumpft. Die Stagnation bedeutet, dass sie dieses Jahr nicht mehr in eine Rezession rutschen wird – es sei denn, die Daten werden nach unten revidiert.

hip London

Die britische Wirtschaft hat im dritten Quartal entgegen anderslautenden Erwartungen die Nulllinie gehalten. Wie das Statistikamt ONS mitteilte, stagnierte das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Volkswirte hatten im Vergleich zum vorangegangenen Dreimonatszeitraum im Schnitt eine Schrumpfung von 0,1% erwartet. Im September expandierte das BIP um 0,2% – trotz erbitterter Streiks im öffentlichen Gesundheitswesen und bei den Bahngesellschaften. Ökonomen hatten lediglich mit Nullwachstum gerechnet.

Das Gesamtbild ist Stagnation, ein Bild, das aus unserer Sicht über das Jahr 2024 hinweg relevant bleiben wird.

James Sproule, Volkswirt bei Handelsbanken

Impfkampagne sorgt für Wachstum

Sowohl im Quartal als auch im September war die in Großbritannien dominante Dienstleistungsbranche der wesentliche Wachstumstreiber. Die Komponente "Menschliche Gesundheitsaktivitäten und Sozialarbeit" steuerte rund ein Drittel zur Expansion des Sektors im September bei. Die jüngste Covid-Booster-Kampagne des National Health Service (NHS) dürfte dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet haben.

Rezessionsgefahr beschworen

Damit wäre theoretisch die Gefahr gebannt, dass Großbritannien noch in diesem Jahr in eine technische Rezession – zwei negative Quartale in Folge – abgleitet. Doch handelt es sich lediglich um eine Erstschätzung, in die längst nicht alle Daten aus dem Erhebungszeitraum eingeflossen sind. Revisionen sind nicht ungewöhnlich. Entsprechend häufig dürfte in den kommenden Wochen die Rezessionsgefahr beschworen werden.

Unternehmensinvestitionen schrumpfen

Die Unternehmensinvestitionen gingen im abgelaufenen Quartal um 4,2% zurück. Sie waren allerdings im Auftaktquartal um 4,0% und im zweiten Quartal um 4,1% gestiegen. Nach dem rasanten Wachstum seit Jahresbeginn sei eine Korrektur bei diesen volatilen Daten vielleicht fällig gewesen, schrieb der HSBC-Volkswirt Chris Hare. Er hält es für bedenklicher, dass die Ausgaben der privaten Haushalte um 0,4% zurückgegangen sind. Vielleicht legten sie vorbeugend Geld zurück. Das werfe vor dem Hintergrund einer schwachen Weltwirtschaft die Frage auf, wo mittelfristig Wachstum herkommen solle. Die Nachfrageschwäche wurde durch bessere Außenhandelsdaten ausgeglichen. Die gingen allerdings in erster Linie auf rückläufige Importe zurück.

Bild der Stagnation

"Unser Eindruck ist, dass sich das BIP flach entwickelt und dass die unvermeidlichen kleinen Variationen, die wir beobachten, zu viel Diskussionen über eine Rezession führen", sagte James Sproule, der für Großbritannien zuständige Volkswirt bei Handelsbanken. "Aber das Gesamtbild ist Stagnation, ein Bild, das aus unserer Sicht über das Jahr 2024 hinweg relevant bleiben wird."

Wachstumshemmnis Inflation

Die hohe Inflation sei das größte Hemmnis für das Wirtschaftswachstum, hieß es in einem Statement von Schatzkanzler Jeremy Hunt. Das hatte er bereits vor einem Jahr genau so gesagt. Die Labour-Finanzpolitikerin Rachel Reeves, die Hunt im Falle eines Wahlsieges aus 11 Downing Street verdrängen würde, wertete die Daten als weiteren Beleg dafür, dass die Wirtschaft unter den Konservativen nicht laufe und dass es arbeitenden Menschen schlechter gehe.

Ein Wachstumshemmnis sind die Zustände im öffentlichen Gesundheitswesen. Ende September befanden sich in England 6,5 Millionen Menschen auf den Wartelisten für Routinebehandlungen – ein neuer Rekord. Premierminister Rishi Sunak hatte die Reduzierung der Wartezeiten in seine Prioritätenliste aufgenommen, kann aber keine Erfolge vorweisen.

Nachdem wir eine restriktive Geldpolitik etabliert haben, ist es nicht der Fall, dass wir die Zinsen erhöhen müssen, um die Inflation zu drücken.

Huw Pill, Chefvolkswirt der Bank of England

Entspannung an der Zinsfront

Zumindest an der Zinsfront mehren sich die Zeichen der Entspannung. Zuletzt deutete Huw Pill, der Chefvolkswirt der Bank of England an, dass keine weiteren Zinsschritte erforderlich sind, um das Inflationsziel von 2,0% binnen zwei Jahren zu erreichen. "Nachdem wir eine restriktive Geldpolitik etabliert haben, ist es nicht der Fall, dass wir die Zinsen erhöhen müssen, um die Inflation zu drücken", sagte er Bloomberg zufolge vor dem Institute of Chartered Accountants in England & Wales (ICAEW). "Die Zinsen auf dem aktuellen restriktiven Niveau zu halten, wird die Inflation weiter drücken."

Zu früh für Zinssenkungen

Noch bewegt sich die Teuerungsrate bei 6,7%. Notenbankchef Andrew Bailey hatte am Mittwoch gesagt, es sei noch zu früh, um über Zinssenkungen zu sprechen. Die Geldpolitiker der Bank of England hatten den Leitzins in der vergangenen Woche auf 5,25% belassen.