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Hellofresh-Chef lässt Rocket cool abtropfen

Von Ulli Gericke, Berlin Börsen-Zeitung, 6.5.2017 Dominik Richter gibt sich ganz cool. "Wir entscheiden im dritten Quartal, ob wir 2017 profitabel sein wollen", zeigt sich der Gründer und CEO von Hellofresh selbstbewusst. Tatsächlich liege der...

Hellofresh-Chef lässt Rocket cool abtropfen

Von Ulli Gericke, BerlinDominik Richter gibt sich ganz cool. “Wir entscheiden im dritten Quartal, ob wir 2017 profitabel sein wollen”, zeigt sich der Gründer und CEO von Hellofresh selbstbewusst. Tatsächlich liege der Deckungsbeitrag vor Marketing- und Verwaltungsausgaben gut fünf Jahre nach Gründung des Kochboxlieferanten bei 30 %, assistiert CFO Christian Gärtner. Unter Berücksichtigung des Erstkundendiscounts und allgemeiner Kosten bleibe eine Differenz von 13 %. Für eine anhaltend rasche Kundenakquise kalkuliert das Berliner Start-up etwa 20 % Marge ein – womit das Ergebnis, wie in all den Jahren bisher, in die Verlustzone abtaucht. Würde Richter aber die Aufwendungen bei der Neukundenanwerbung kappen, könnte er damit das Ergebnis problemlos in die schwarzen Zahlen hieven. “Ist das so?”Entspannt zeigt sich der 31-Jährige auch bei den Finanzen. Nachdem Hellofresh zu Jahresbeginn beim Staatsfonds QIA aus Katar 70 Mill. Euro eingesammelt hatte und vom schon bisher engagierten britischen Fonds Baillie Gifford zusätzliche 15 Mill. Euro, hatten die Berliner per Ende März 133 Mill. in der Kasse. Damit sei der Finanzbedarf fürs Erste gedeckt. Ein möglicher Börsengang hat für Richter folglich keine Priorität – vielleicht, vielleicht aber auch nicht, lautet die schulterzuckende Antwort. Dass der Mehrheitsaktionär Rocket Internet seit Jahren auf ein IPO dringt, ist ihm angeblich neu. “Ist das so?”, fragt er verschmitzt – und gibt damit lässig zu Protokoll, dass die Start-up-Schmiede trotz ihrer 53 % an Hellofresh bei ihm wenig zu sagen hat.Im Grunde wiederholt sich damit eine Situation, wie es sie schon Ende 2015 gab. Einen Tag vor Abgabe des Börsenprospekts vertagte das potenzielle Einhorn seinen Gang aufs Parket. Weil das Kapitalmarktumfeld so schlecht sei, hieß es damals offiziell. Tatsächlich gab es aber einen Streit im Aktionariat. Während Rocket-Chef Oliver Samwer eine Marktkapitalisierung weit jenseits der 3 Mrd. Euro durchsetzen wollte, hätten Analysten und Investoren zu verstehen gegeben, dass diese Erwartung hoffnungslos überzogen sei. Es folgte das immer wieder gleiche Statement von Richter: Ein Börsengang wäre schön. Aber Hellofresh brauche ihn nicht zwingend. Ob jetzt, in einem halben oder ganzen Jahr oder in drei Jahren sei egal. Das jetzige Kapitalmarktumfeld sei zwar besser als vor knapp zwei Jahren – “aber das hat keine Auswirkungen für uns.” Der sonst so Ungeduldige kann offensichtlich auch geduldig sein. Profit – oder auch nichtDominik Richter hat schon als Student zwei Start-ups gegründet, bevor er mit 23 an der privat finanzierten Wirtschaftshochschule WHU – Otto Beisheim School of Management einen Abschluss in International Business machte und an der London School of Economics ein Jahr später einen Master in Finance. Anschließend arbeitete er einige Monate bei Goldman Sachs, bevor er gemeinsam mit dem heutigen COO Thomas Griesel Hellofresh gründete. “In den zehn Jahren davor habe ich unter anderem an anderen Start-ups gebastelt, zwei Studiengänge absolviert und als Trader, Schauspieler, Investmentbanker, Fußballprofi, Start-up-Investor, Kongressorganisator und als Direktvertriebler gearbeitet”, hatte der bei persönlichen Angaben äußerst verschlossene Münchener vor Jahren dem Online-Magazin “Gründerszene” verraten.Inzwischen ist Hellofresh in zehn Ländern aktiv, liefert monatlich elf Millionen Mahlzeiten aus, erlöste damit 2016 einen (binnen Jahresfrist fast verdoppelten) Umsatz von 597 Mill. Euro bei einem bereinigten Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 83 Mill. Euro. Verglichen mit dem Vorjahr wurde die operative Verlustmarge damit von 28 % auf 14 % halbiert. Die Zahl der Kunden, die wöchentlich ein Paket mit frischen Lebensmitteln zum Selberkochen erhalten, lag zu Jahresultimo bei 857 000 – gut ein Drittel mehr als zwölf Monate zuvor. Recht ungewöhnlich für ein deutsches Unternehmen – und besonders für ein hiesiges Start-up: Etwa die Hälfte der Kunden und der Erlöse stammen aus den USA, wo die Berliner 2016 eine Investitionsoffensive gestartet hatten, um die Verpackungszentren so weit als möglich zu automatisieren. Ähnlich hohe Investitionen stehen im laufenden Jahr nicht an – was die Kostenbelastung deutlich mindert.2017 will Richter die Zahl “seiner” IT-Experten verdoppeln, um eine größere Flexibilität zu erreichen und die Rezepte und damit auch die Inhalte der Kochboxen individueller nach persönlichen Vorlieben zu gestalten. Und irgendwann im dritten Quartal will er dann auch entscheiden, ob Hellofresh im laufenden Jahr profitabel sein wird.