Christian Keller

„Höhepunkt in der Lieferketten­krise scheint überwunden“

Zum Jahresauftakt ist die Unsicherheit über die Aussichten für die Weltwirtschaft groß. Im Interview spricht Christian Keller, Chefvolkswirt der Großbank Barclays, darüber, was ihm Sorgen macht – und was ihn hoffen lässt.

„Höhepunkt in der Lieferketten­krise scheint überwunden“

Mark Schrörs.

Herr Keller, im Kampf gegen die unerwartet hartnäckige Inflation forcieren viele Zentralbanken, allen voran die US-Notenbank Fed, die Zinswende. Sehen Sie die Gefahr, dass das den globalen Aufschwung abwürgen könnte?

An einer Normalisierung der Geldpolitik geht kein Weg vorbei. Die Fed führt diesen Prozess zu Recht an: Die US-Wirtschaft expandiert, die Arbeitslosigkeit ist auf 3,9% gefallen, die Löhne steigen stark, und die Inflation hat über 7% erreicht. Vor diesem Hintergrund müssen sich die Bewertungen an den Finanzmärkten nun an die steigenden Zinsen anpassen. Dies führt insbesondere zur „Rotation“ aus Anlagen, die von der extrem lockeren Geldpolitik am meisten profitiert haben, wie Technologiewerte. Käme es in der Folge zu größeren Verwerfungen an den Finanzmärkten, könnte sich das dann auch auf die Realwirtschaft negativ auswirken. Eine schrittweise Normalisierung der Geldpolitik sollte diese Gefahr jedoch im Rahmen halten.

Vor allem die Energiepreise sind rasant gestiegen. Das schmälert die Kaufkraft der Haushalte. Droht der erhoffe Konsumboom nach der Pandemie auszufallen?

Der durch höhere Energiepreise bewirkte Kaufkraftverlust könnte sich in der Tat dämpfend für den Konsum auswirken. Viele Regierungen in Europa sind nun bemüht, zum Beispiel durch Subventionen an Energieversorger die Preisanstiege für die Endkonsumenten abzufedern. Zudem haben Haushalte während der Pandemie auch recht hohe Ersparnisse gebildet, die ihnen nun ein gewisses Polster verschaffen sollten. Wir erwarten daher weiterhin solides Konsumwachstum, insbesondere bei den Dienstleistungen, wenn die Covid-Restriktionen in den nächsten Monaten auslaufen.

Wie groß sind die Risiken, die von der Omikron-Variante für die Weltwirtschaft ausgehen?

Die Omikron-Variante verbreitet sich extrem schnell, aber die Krankheitsverläufe sind allgemein wesentlich weniger schwer als bei vorherigen Varianten. Das erlaubt weniger strenge Restriktionen und sollte damit weniger starke Auswirkungen auf die wirtschaftliche Aktivität haben. Im vierten Quartal 2021 und im ersten Quartal 2022 wird das Wachstum weniger stark sein als erwartet. Aber diese Verluste dürften ab dem zweiten Quartal zumindest teilweise wieder aufgeholt werden.

Ein großes Problem sind weiter die globalen Lieferengpässe. Wie schlimm wird es noch?

Die globalen Lieferengpässe sind vielfältig, das macht eine allgemeine Antwort schwierig. Doch einige Indikatoren haben in letzter Zeit leichte Verbesserungen bei Lieferzeiten und In­putkosten in der Industrie angezeigt. Der Höhepunkt in der globalen Lieferkettenkrise scheint überwunden, und wir erwarten eine Normalisierung im Jahresverlauf. Die Lage bleibt aber angespannt. Chinas Festhalten an der „Null Covid“-Strategie, während sich die Omikron-Variante jetzt auch dort verbreitet, ist ein Risiko. Erneute Schließungen von Fabriken oder Häfen in China könnten kurzfristig die globale Lage wieder verschlechtern.

Weltweit ist die Staatsverschuldung in der Pandemie rapide angestiegen. Kommen wir von diesen Schuldenbergen jemals wieder runter – oder sind Schulden gar kein Problem mehr?

Diese Entwicklung wird sich kaum schnell umkehren. Der zu leistende Schuldendienst ist aber sehr gering, weil die Zinsen so niedrig sind. Das langfristige reale Zinsniveau ist seit Jahrzehnten gefallen, getrieben von strukturellen Faktoren wie Demografie und Sparverhalten. Die Zentralbanken haben zudem seit Jahren die Zinsen noch weiter ge­senkt, um so Wachstum anzukurbeln. Das ändert sich nun. Der Zinsanstieg vollzieht sich wahrscheinlich langsam, auch aufgrund der Rückkopplungseffekte: Denn bei hoher Verschuldung – die es ja auch im Privatsektor gibt – können schon geringe Zinsänderungen recht starke Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben.

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