Konjunktur

Industrie kappt Produktion kräftig

Für die deutsche Wirtschaft ist es im März dick gekommen: Produktion unerwartet kräftig gedrosselt, überraschend schwache Auftragseingänge, Exporte weit unter den Prognosen, die Einzelhandelsumsätze stark im Minus. Und die Aussichten werden wieder trüber.

Industrie kappt Produktion kräftig

Industrie kappt Produktion kräftig

Rezessionssorgen kochen wieder hoch – Rückgang breit basiert – Sentix-Konjunkturindex sinkt

ba Frankfurt

Ein unerwartet kräftiger Produktionsrückgang der deutschen Industrie lässt die Rezessionssorgen wieder hochkochen. Zuvor sind schon weitere Daten deutlich schwächer als prognostiziert ausgefallen. Und nun zeigt auch noch das im Mai gesunkene Sentix-Konjunkturbarometer von den sich eintrübenden Aussichten.

Die deutsche Industrie hat die Produktion im März unerwartet kräftig gedrosselt: Damit ist ein konjunkturell unerfreulicher März zu Ende gegangen, denn auch bei den Einzelhandelsumsätzen, den Exporten und den Auftragseingängen hatte das Statistische Bundesamt (Destatis) überraschend schwache Ergebnisse gemeldet. Dies schürt erneut Rezessionssorgen, zumal die Sentix-Konjunkturerwartungen, das früheste Stimmungsbarometer für Mai, von einer „signifikanten Frühjahrsmüdigkeit“ zeugt, wie das Analysehaus mitteilte – und zwar nicht nur in Deutschland, sondern im gesamten Euroraum.

Im März ist die Gesamtfertigung im produzierenden Gewerbe so stark gesunken wie seit einem Jahr nicht mehr. Destatis meldet ein Minus von 3,4%, während Ökonomen einen Rückgang um 1,3% erwartet hatten. Damit ist aber nur ein Teil der Produktionszuwächse von 3,7% im Januar und revidiert 2,1 (zunächst: 2,0)% im Februar wieder egalisiert. Laut Destatis ergab sich im ersten Quartal ein Anstieg von 2,5% zum Vorquartal. Verglichen mit März 2022 verzeichnen die Wiesbadener Statistiker ein Fertigungsplus von 1,8%.

Der Produktionsrückgang im März war breit basiert – allein die Energieerzeugung legte zu, und zwar um 0,8%. Das Baugewerbe, das schon seit einiger Zeit unter den sich verschärfenden Kreditkonditionen infolge des beispiellosen Zinserhöhungszyklus der Europäischen Zentralbank (EZB) und den gestiegenen Energie-, Material- und Personalkosten leidet, fertigte 4,6% weniger als im Vormonat.

Energiepreise deutlich spürbar

Die Industrie im engeren Sinne stellte 3,3% weniger her. Laut Bundeswirtschaftsministerium meldete insbesondere der gewichtige Bereich Kfz und Kfz-Teile eine kräftige Abnahme um 6,5%, während der ähnlich große Maschinenbau ein “spürbares Minus” von 3,4% verzeichnete. Die besonders energieintensiven Wirtschaftszweige haben ihren Ausstoß fast durchweg heruntergefahren: Bei den Herstellern chemischer Erzeugnisse waren es 2,0%, im Bereich Papier und Pappe 3,4% sowie bei der Metallerzeugung und -bearbeitung 4,0%. Gegen den Trend legte nur der Bereich Kokerei und Mineralölverarbeitung mit 1,5% im Monatsvergleich etwas zu. Laut Destatis haben die energieintensiven Industriezweige insgesamt die Produktion im März um 3,3% im Monatsvergleich heruntergefahren. Im Vergleich zum März 2022, der noch vergleichsweise wenig durch die starken Energiepreissteigerungen infolge des Ukraine-Kriegs geprägt war, war das Niveau 12,9% niedriger. 

Das Bundeswirtschaftsministerium zeigte sich gleichwohl zuversichtlich: „Die Stimmung in den Unternehmen hat sich zuletzt weiter verbessert, was für eine konjunkturelle Erholung im weiteren Verlauf des Jahres 2023 spricht.“ Ökonomen sind spürbar skeptischer: „Selbst abnehmende Materialengpässe und gesunkene Energiepreise können die getrübte Weltkonjunktur und die schleppende Nachfrage im Inland nicht ausgleichen“, urteilt Jupp Zenzen, Konjunkturexperte der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Anstelle der erhofften Erholung drohe der Industrie „eher Stillstand“. Der allgemeine Zinsanstieg dürfte Investitionspläne zudem bremsen, mahnte Alexander Krüger, Chefvolkswirt der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank. „Dem guten Jahresstart wird nun allenfalls ein So-lala-Quartal folgen.“ Für LBBW-Analyst Elmar Völker könnte sich „die vorsichtige Erleichterung, welche nach der Stagnation der deutschen Wirtschaft im ersten Quartal aufkam – technische Rezession vermieden! – mithin als voreilig erweisen“. Die Produktionsdaten unterstrichen, dass „Rezessionsgefahren mitnichten gebannt sind“.

Ähnlich sehen das auch die 1.276 monatlich von Sentix befragten Investoren. Der in vielen Euro-Ländern ohnehin verhaltene Frühjahrsaufschwung weiche einer signifikanten Frühjahrsmüdigkeit. Der Gesamtindex für Euroland fiel im Mai um 4,4 auf –13,1 Punkte. Vor allem die Erwartungskomponente gab nach – um 6,0 auf –19,0 Punkte und damit den tiefsten Stand seit Dezember 2022. Das Thema Energiemangellage bleibe ein Dauerbrenner, die Inflation sei hartnäckig hoch und hemme die Konsumlaune, während die Bevölkerung mit drohenden Zwangsinvestitionen in ihre Heizungsanlagen verunsichert werde. „Der Mix sorgt für eine schlechte Wirtschaftsstimmung“, hieß es bei Sentix.

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