Konjunktursorgen reißen nicht ab
Konjunktursorgen reißen nicht ab
IMK: Wachstumsimpulse fehlen – Auftragspolster der Industrie werden dünner – Scope sieht Rating noch nicht in Gefahr
ba Frankfurt
Die Aussichten für die deutsche Wirtschaft haben sich im Verlauf des Sommers immer weiter eingetrübt. Neue Datenveröffentlichungen verstärken die Konjunktursorgen nur noch mehr. So sind die Auftragspolster der Industrie im Juli dünner geworden, der Mittelstand zeigte sich im August schlechter gelaunt und die Rezessionswahrscheinlichkeit ist gestiegen. Etwas Entwarnung kommt von der Ratingagentur Scope, die zwar die Wachstumsprognose für 2023 gesenkt hat, die Spitzenbonität Deutschlands derzeit aber nicht in Gefahr sieht.
IMK: Wachstumsimpulse fehlen
Der Konjunktur fehle es an Wachstumsimpulsen, begründet das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) den Anstieg der Rezessionswahrscheinlichkeit auf 74,0% im September nach 71,5% im Vormonat. "Aus fast allen Richtungen kommen nach wie vor Gegenwinde", erklärte dazu IMK-Konjunkturexperte Peter Hohlfeld. Die erwartete konsumgestützte Erholung der Konjunktur in Deutschland werde sich verzögern und wahrscheinlich erst zum Jahresende beginnen. Zugleich sei die Exportwirtschaft mit einer lahmenden Auslandsnachfrage konfrontiert. Die Lage im Baugewerbe dürfte sich nach der weiteren Erhöhung des EZB-Leitzinses und zunehmender Finanzierungskosten der Bauträger weiter verschärfen. Gleichzeitig leide die Produktion in den energieintensiven Industrien unter anhaltend hohen Energiepreisen, sagte Hohlfeld.
Autobranche belastet
Die Industrie ist seit längerem das Sorgenkind – zwar sind die Auftragspolster noch ordentlich gefüllt, angesichts der sinkenden Auftragseingänge werden sie allerdings zusehends schmäler. Im Juli, so meldet das Statistische Bundesamt (Destatis), ist der preis-, saison- und kalenderbereinigte Auftragsbestand im verarbeitenden Gewerbe um 1,0% im Monatsvergleich gesunken. Im Jahresvergleich betrug das Minus 3,9%.

Den Rückgang im Monatsvergleich erklären die Wiesbadener Statistiker vor allem durch das Absacken der Auftragsbestände in der Automobilindustrie von 2,1%. Ein negativer Einfluss kam aber auch seitens des Maschinenbaus (–0,7%) und der Herstellung von elektrischen Ausrüstungen (–2,2%), etwa von Elektromotoren, Batterien und Haushaltsgeräten. Die Reichweite, also die Zeit, die die Unternehmen bei gleichbleibendem Umsatz theoretisch produzieren müssten, um die bereits vorhandenen Aufträge abzuarbeiten, verharrte bei 7,2 Monaten.
KfW-Ifo-Mittelstandsbarometer gibt abermals nach
Wie frostig die Unternehmensstimmung derzeit ist, zeigt auch das KfW-Ifo-Geschäftsklima. Das Barometer fiel im August das vierte Mal in Folge, und zwar um 2,9 auf –18,7 Saldenpunkte. Dabei wurde vor allem die aktuelle Lage schwächer beurteilt. "Alles in allem wird sich die deutsche Wirtschaft wohl lediglich in Trippelschritten aus dem breiten Konjunkturtal herausarbeiten können", sagte dazu KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib.
Auch Scope erwartet nur eine allmähliche Erholung: Dank höherer Ausgaben von Staat und Verbrauchern werde die Wirtschaft im kommenden Jahr um 1% zulegen. 2023 allerdings rechnet die Ratingagentur mit einem Minus von 0,4%. Im Juli lag die Prognose noch bei –0,1%. "Dies stellt die Kreditwürdigkeit Deutschlands auf kurze Sicht nicht in Frage", stellte Scope klar. Ohne weitere Strukturreformen dürfte das jährliche Wachstumspotenzial bis 2030 im Schnitt "bei bescheidenen 0,7% liegen und damit deutlich unter dem aller anderen Länder mit 'AAA'-Rating". Als größte Wachstumsbremse gilt Scope die Alterung der Gesellschaft.