KI: Zwischen Jobkiller und Produktivitätsmonster
Künstliche Intelligenz: Zwischen Jobkiller und Produktivitätsmonster
Wirtschaftsnobelpreisträger Johnson sieht vor allem Berufseinsteiger betroffen – Sorge vor noch mehr gesellschaftlicher Polarisierung und Ungleichheit
Von Stephan Lorz, Frankfurt
Bislang hat noch jeder technologischer Strukturwandel zu einer Verdrängung von Arbeitnehmern aus angestammten Jobs geführt. Diese Tätigkeiten wurden daraufhin von einer Maschine übernommen oder sind komplett weggefallen, weil sich die Prozesse verlagert haben. Das war bei der Einführung des mechanischen Webstuhls der Fall, bei der Dampfmaschine; und zuletzt auch bei der Automatisierungswelle in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Strukturwandel durch die Digitalisierung ist noch im Gange. Folgen: Die Arbeitslosigkeit stieg, die Löhne kamen unter Druck.
Nach Jahren zeigte sich dann, dass sich auch neue Angebote etabliert haben. Zudem wurden etablierte Produkte billiger, sodass sich diese mehr Menschen leisten konnten. Die Anforderungen an die Arbeitnehmer hinsichtlich Ausbildung und Fertigkeiten wurden zwar höher, doch war das meist auch mit höheren Löhnen verbunden, was wiederum die Kaufkraft gestärkt hatte.
Strukturen ändern sich
Auf der Nobelpreisträgertagung in Lindau zeigte der prämierte Ökonom Simon H. Johnson auf, wie sich seit 1940 in den USA die Erwerbstätigenstruktur verändert hat: Der Beschäftigungsanteil an der Volkswirtschaft fiel in der Landwirtschaft bis 2018 von knapp 19% auf gerade 2% zurück, der in der Industrieproduktion von rund 27% auf nur noch etwa 8%. Dafür hat sich der Jobanteil anderswo erhöht: bei Dienstleistungen, beim Bau, in den Mobilitätsbranchen, für (studierte) Spezialisten und im Management. Mehr als 60% der Jobs in den USA des Jahres 2018 gab es 1940 noch gar nicht.
Neue „gute“ Jobs?
Allerdings, so zeigt Johnson auch auf, habe diese Entwicklung bereits seit etwa 1980 im Zuge der Digitalisierung und Globalisierung nachgelassen. Neue „gute“ Jobs, also jene mit hohen Verdiensten, seien kaum mehr geschaffen worden. Sie wurden in andere Länder ausgelagert, oder die Produktivitätsgewinne durch den Einsatz von Maschinen seien so groß gewesen, dass dafür bestehende Arbeitsplätze hätten abgebaut werden können.
KI als Kostensenker
Seine große Sorge ist nun, dass der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Wirtschaft dazu führt, dass sich diese Entwicklung eher noch verstärkt. Zumal von Unternehmensseite aktuell vor allem darauf geachtet werde, menschliche Arbeit möglichst umfassend zu ersetzen, kritisiert Johnson und spricht von der „Cut and Paste-Politik“. Das sei auch vom Design der Software her so vorgesehen, wie es die Techkonzerne vorgeben, weil Kostenersparnis sich auch leichter verkaufen würde.
Nach seinen Worten sei es aber „fundamental“, dass sich dieser Ansatz ändert. KI müsse eher als „Pro-Worker-KI“ eingesetzt werden mit Blick auf neue Produkte, weil es ansonsten zu großer Verarmung komme, was wiederum den Absatz der Güter und Dienstleistungen senke, was letztlich auch den Techkonzernen schaden würde. Das Vorgehen der KI-Anbieter und der die Technik nutzenden Unternehmen erinnert Johnson an die koloniale Ausbeutung, als reiche Länder ihre Kolonien zum Aufbau des eigenen Wohlstands hergenommen hätten. Der Aufstieg Großbritanniens und der Wohlstandszuwachs seiner Bürger sei schließlich nicht nur durch Seemacht und industrielle Revolution zu erklären.
Jüngere vor allem betroffen
Das Problem – auch für die KI-Industrie – ist aber nun, dass nach Analysen von Johnson der Einsatz von Künstlicher Intelligenz vor allem jene betrifft, die später eigentlich zu ihren Anwendern und Nutzern werden sollen: die Mittelschicht, Berufseinsteiger, jüngere Menschen. Fallen die mangels Finanzkraft aus, müsse man sich fragen, ob Produktivitätszuwachs für sich genommen überhaupt einen Wert darstellt, ohne die gesellschaftliche Strukturen mit Blick auf künftige Verbraucher ebenfalls in den Blick zu nehmen. Obendrein stellt sich dann auch die Frage, wie Johnson anklingen ließ, wer die KI in den Unternehmen letztlich beaufsichtigen, korrigieren und sinnvoll einbetten kann, wenn es niemand mehr gibt, der die Wertschöpfung auch „ganz unten“ erlebt und verstanden hat sowie die nötigen Fertigkeiten mitbringt, weil das jetzt die KI übernimmt.