Konjunktur

Volkswirte rechnen mit Inflation als Dauergast

Die Inflation in Deutschland und im Euro-Währungsraum wird sich nach Meinung der Chefvolkswirte von Commerzbank, DekaBank und des Instituts der deutschen Wirtschaft über Jahre hinaus hartnäckig zeigen. Gleichzeitig stimmen die Aussichten für das Potenzialwachstum sorgenvoll.

Volkswirte rechnen mit Inflation als Dauergast

Volkswirte rechnen mit Inflation als Dauergast

Prognosen sehen Teuerung mittelfristig oberhalb des EZB-Ziels – Niedriges Potenzialwachstum schürt Sorgen um Wohlstand

fed Frankfurt

Die Inflation in Deutschland und im Euro-Währungsraum wird sich nach übereinstimmender Einschätzung der Chefvolkswirte bei der mittlerweile 32. Auflage des Finanzmarkt Round Table des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) als hartnäckig erweisen und dürfte auch mittelfristig das Ziel der Europäischen Zentralbank von 2% überschreiten. „Die Inflation ist gekommen, um zu bleiben“, erklärte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Er rechnet mit einem langfristigen Einpendeln nahe der 3%-Marke. Die „neue Welt“ – nach der langen Phase niedriger Zinsen und geringen Preisauftriebs – sei gekennzeichnet durch eine dauerhaft höhere Inflation. Dies wertet der Commerzbank-Ökonom als späte Reaktion „auf eine lange Zeit zu lockerer Geldpolitik“.

Restriktive Geldpolitik

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka Bank, äußerte die Erwartung, „dass die Inflation bis Ende der Zwanziger Jahre ein Dauergast bleibt“. Inflation werde in den nächsten Jahren ein Schlüsselthema. Auch Kater prognostiziert Teuerungsraten zumindest leicht oberhalb der 2%-Marke für die kommenden Jahre. Und schließlich geht auch Markus Demary, Senior Economist am Institut der deutschen Wirtschaft (IW), davon aus, dass der Preisauftrieb in Form einer „moderaten Inflation“ noch einige Zeit bleiben wird. Die Europäische Zentralbank wird nach seiner Einschätzung darauf mit einer restriktiven Geldpolitik antworten. Insofern rechnet er mit einer Rückkehr „in die alte Welt zu Zeiten der Bundesbank“, als sie darum bemüht war, eine oft höher als gewünschte Inflation durch einen strengen geldpolitischen Kurs zu bremsen.

Risiko der Stagflation

Beunruhigend sei, dass die Inflation begleitet werde von niedrigem Potenzialwachstum. Kater sprach im Ausblick auf die nächsten Jahre von einer möglicherweise „stagflationären Welt“. In dieser Welt gerate das Thema der Teuerung womöglich sogar in den Hintergrund gegenüber einer nur noch bedingten Ausweitung des Produktionspotenzials. „Ich glaube daher, dass uns in den nächsten Jahren eher Wohlstandsfragen beschäftigen“, prognostizierte Kater.

Michael Hüther, Direktor des IW, erklärte, die Bundesregierung müsse sich angesichts der Aussicht eines Wachstumspotenzial in Deutschland von lediglich 0,5% die Frage stellen, wie sie Investitionen anschieben und private Investitionen steuerpolitisch flankieren wolle. Es gehe nicht um Konjunkturfeinsteuerung, stellte Hüther klar. Aber wegen „der extrem schwachen Wachstumsperspektiven“ bis zum Ende des Jahrzehnts und gleichzeitig wegen des etwas höheren Inflationsdrucks stelle sich durchaus die Frage nach der Rolle der Finanzpolitik zur klugen Beeinflussung der Potenzialentwicklung der Volkswirtschaft. Eine politische Antwort hänge mit dem Arbeitskräftereservoir durch gezielte Einwanderungspolitik zusammen. Zugleich müsse sondiert werden, mit welchen Investitionen die Politik dazu beitragen könne, den Kapitalstock zu stärken. Wie Kater bekräftigte auch Hüther seine Sorge vor einer Stagflation, ausgelöst vom preistreibenden Zusammenwirken von demographischer Entwicklung, Dekarbonisierung und Deglobalisierung und gleichzeitig den rückläufigen Produktivitätssteigerungen.

KI braucht Zeit

Zurückhaltend bewerteten die Volkswirte die vielfach geäußerten Erwartungen eines Produktivitätssprungs durch Künstliche Intelligenz (KI). Hüther erinnerte daran, dass man bisher noch zu wenig wisse über die Durchwirkungen von generativen KI-Anwendungen. Erste Studien wiesen darauf hin, dass textbasierte Tätigkeiten deutlich beschleunigt werden können. Daran schließe sich aber die Frage an, inwieweit das makroökonomisch zum tragen komme. Was etwa sei der Produktivitätsfortschritt, wenn ein Wirtschaftsprüfer in der Zeit, in der er bisher nur Stichproben nehmen konnte, künftig eine Vollprüfung durchführen könne, weil sich Daten viel schneller verarbeiten lassen.

Commerzbank-Chefökonom Krämer erklärte, Künstliche Intelligenz biete die Möglichkeiten, die Tätigkeiten der „white collar worker“, also die Schreibtischarbeit, zu revolutionieren. Insofern habe Künstliche Intelligenz zwar durchaus ein riesiges Potenzial. Aber die Wirtschaftsgeschichte zeige anschaulich, dass es immer erst einige Zeit dauere, bis dieses Potenzial gehoben werde und bis sich Innovation in betriebliche Prozesse übersetze. Deka-Chefvolkswirt Kater gab schließlich zu bedenken, dass technologische Fortschritte in der Datenverarbeitung möglicherweise einen Anreiz für Gesetzgeber darstellen könnten, zusätzliche Regulierungsvorgaben zu machen, weil deren Erfüllung in Zeiten von Künstlicher Intelligenz einfacher falle.