Geschäfte mit Moskau

Wie Trump und Putin zusammen Geschäfte machen wollen

In der US-Diplomatie geht’s um’s Geschäft. In Russland rennt Trump damit offene Türen ein, da Putin aus der Isolation heraus will. Doch wo zeichnen sich große Deals bereits ab? Und wie weit decken sich die Interessen der beiden wirklich?

Wie Trump und Putin zusammen Geschäfte machen wollen

Wie Trump und Putin zusammen Geschäfte machen wollen

Die USA wollen Russland wieder als Geschäftspartner auf die westliche Bühne zurückholen – Die Arktis und Rohstoffe als Lockmittel – Gegengewicht zu China

Im Unterschied zu den Europäern geht es in der US-Diplomatie recht selbstverständlich auch um Geschäfte. In Russland rennt Trump damit grundsätzlich offene Türen ein, da Putin aus der Isolation herauswill. Doch wo zeichnen sich große Deals bereits ab? Und wie weit decken sich die Interessen der beiden wirklich?

Von Eduard Steiner, Wien

Er ist so gut wie immer dabei, wenn die russischen Diplomaten mit ihren US-amerikanischen Counterparts in Sachen Ukraine-Krieg verhandeln: Kirill Dmitrijew. Der heute 50-Jährige ist zwar selbst kein Diplomat. Aber er vereinigt in seiner Person sonst so ziemlich alles, was es im Gespräch mit Amerikanern eben braucht. Im Alter von 14 Jahren ist er aus der damals gerade zerfallenden Sowjetunion nach Kalifornien geschickt worden, um bald schon an US-Eliteuniversitäten zu studieren. Dass er später bei der US-Bank Goldman Sachs Investmentbanker wurde und bei der Unternehmensberatung McKinsey anheuerte, machte es für Russlands Präsidenten Wladimir Putin nur noch logischer, dem jungen Mann 2011 die Leitung des damals 10 Mrd. Dollar schweren „Russischen Fonds für Direktinvestitionen“ (RFPI) zu übertragen, über den ausländische Co-Investoren in russische Projekte angelockt werden sollten.

Inzwischen ist Dmitrijew Putins Sondergesandter für Investitions- und Wirtschaftskooperation. Und als solcher war er eben nicht nur bei den bahnbrechenden Gesprächen zwischen Moskau und Washington im Februar in Riad dabei. Er begleitete Putin auch zum Gipfel mit US-Präsident Donald Trump Mitte August nach Alaska. Abgesehen von seinem fließenden Englisch sei es nämlich so, dass Dmitrijew die amerikanische Mentalität verstehe, erklärte kurz vor Kriegsbeginn einer seiner ehemaligen Geschäftspartner im Gespräch mit der „Börsen-Zeitung“.

Und worin äußert sich diese Mentalität in der Diplomatie? „Während die europäische Diplomatie meist moralisch überladen ist, ist die US-amerikanische immer von wirtschaftlichen und Sicherheitsinteressen begleitet“, sagt Gerhard Mangott, Experte für Internationale Beziehungen und den post-sowjetischen Raum an der Universität Innsbruck, zur „Börsen-Zeitung“: „Unter Trump wurde sie noch pragmatischer, weil das State Department an Einfluss verloren hat. Man kann sie auch opportunistisch nennen“.

Bogen über Riad gespannt

Die Russen haben das offenbar längst kapiert. Nicht nur, dass sie mit Dmitrijew eine Person in der ersten Reihe haben, die wisse, wie man gemeinsame Projekte anschiebe, sagt Thomas Jäger, Professor für Internationale Politik an der Universität Köln: „Sie haben den Köder für wirtschaftliche Kooperationen schon in Riad ausgelegt, weil sie wissen, wie die USA darauf reagieren. Der Bogen spannt sich von Riad bis nach Alaska“.

Nicht nur Dmitrijew spielt auf dieser Klaviatur, auch Putin selbst beherrscht sie. Nicht zufällig hat er direkt vor dem Alaska-Gipfel ein Dekret unterzeichnet, das westlichen Investoren die Rückkehr in das Öl- und Gasprojekt Sachalin-1 auf der Pazifikinsel Sachalin nördlich Japans ermöglicht. Das Dekret zielt auf den US-Konzern ExxonMobil, der vor dem Ausbruch des Ukraine-Krieges mit 30% an Sachalin-1 beteiligt war und sich dann mit einem Verlust von 4,6 Mrd. Dollar zurückgezogen hatte. Russland hat den Anteil nie an inländische Bieter veräußert, sondern ihn ganz offenbar als Karte für einen späteren Tauschhandel aufbewahrt. Und dass es um einen Tausch geht, wurde im Dekret selbst genannt: Eine zentrale Voraussetzung für die Rückkehr nämlich ist, dass sich die entsprechenden Konzerne aktiv für die Aufhebung von Sanktionen einsetzen, die sich negativ auf das Projekt auswirken.

Die USA setzen auf Russland

Gewiss, das ökonomische Spiel zwischen USA und Russland, das bereits seit dem Frühjahr läuft, steht noch ganz am Anfang. Und wie es ausgeht, ist alles andere als klar. Denn die USA setzen Russland bei den Ukraine-Verhandlungen mit ihrer Doppelstrategie auch unter Druck. So hat Washington diesen Mittwoch die Zölle für Indien auf 50% erhöht, um den bevölkerungsreichsten Staat der Welt zu einer Reduktion der Öleinkäufe in Russland zu zwingen und Putins Kriegsmaschinerie damit zu schaden.

Auf der anderen Seite freilich sind im amerikanisch-russischen Prozess der Annäherung über die Wirtschaft bereits viele Bälle in der Luft, während die Europäer in Ermangelung eigener diplomatischer Initiativen gegenüber Russland auch wirtschaftlich keine neuen Fäden spinnen können und stattdessen ausschließlich mit neuen Sanktionen drohen.

Wie sehr Russland und die USA auf dem Alaska-Gipfel auch wirtschaftlich um einander buhlten, zeigt ein Bericht der Nachrichtenagentur Reuters mit Verweis auf Insider. Ihnen zufolge sei am Rande des Trump-Putin-Treffens nicht nur Russlands Einladung zu Sachalin-1 besprochen worden, sondern gleich eine ganze Reihe von möglichen Energiegeschäften, mit denen die USA ihrerseits Russland zu einem Einlenken im Ukraine-Krieg bewegen wollten.

US-Kauf von Atom-Eisbrechern?

Konkret habe man etwa die Möglichkeit diskutiert, dass Russland US-Ausrüstung für seine Flüssiggasprojekte – allen voran das Projekt Arctic LNG 2 auf der gasreichen Halbinsel Jamal – kaufe. Auch sei im Gespräch gewesen, dass die USA im Gegenzug Atom-Eisbrecher in Russland zukaufe, zumal Russland über die einzige diesbezügliche Flotte verfüge, die einen ganzjährigen Schiffsverkehr durch die Nordostpassage zwischen Atlantik und Pazifik ermögliche. Die Gespräche darüber hätten schon vor dem Gipfel begonnen, als der US-Gesandte Steve Witkoff in Moskau gewesen sei. Einem Insider zufolge habe Trump in Alaska eigentlich ein Investitionsgeschäft verkünden wollen.

Dazu ist es bekanntlich nicht gekommen. Und doch ging es atmosphärisch nach dem Gipfel munter weiter. Am 22. August teilte Putin mit, dass Russland mit den USA die Möglichkeit einer Kooperation in der Arktis und auf Alaska diskutiere. In der Arktis nämlich würden sich bedeutende Vorräte an Rohstoffen befinden, so der russische Präsident. Überhaupt würden sich auf Alaska und in der Arktis die Interessen der USA und Russlands überschneiden, sagte Putins Berater Jurij Uschakow, schon vor dem Gipfel.

Großes Spielfeld Arktis

Die Arktis steht gewissermaßen als großes Spielfeld im Raum. Russland selbst hat ja 2020 eine neue Strategie verabschiedet, wie es die dortige Infrastruktur, Rohstoffgewinnung und Schifffahrt entwickeln will. Doch stößt es im Alleingang an seine Grenzen. Wie bei der Förderung von Flüssiggas und beim Sahalin-1-Projekt leidet Russland unter den westlichen Sanktionen und unter dem Rückzug westlicher Unternehmen. „Die Arktis ist zu wichtig für eine Politik im Stil des Kalten Krieges. Russland und die USA müssen eine gemeinsame Basis finden“, sagte daher auch Kirill Dmitrijew bereits im März.

Die USA und Russland tragen mit ihren Angeboten und Interessensbekundungen bereits dick auf. Dies springt umso mehr ins Auge, als die USA – im Unterschied zu Europa – schon vor dem Krieg wenig wirtschaftliche Verflechtungen mit Russland hatten und diese mit Kriegsbeginn nahezu auf null reduziert hatten. Und es springt umso mehr ins Auge, als die Motive für die Kooperation durchaus unterschiedlich sind: Russland will Sanktionen loswerden, die USA aber wollen Russland aus der wirtschaftlichen Umklammerung durch China lösen und wieder nach Westen ziehen. Russland wisse das nur zu genau und wiege die Amerikaner daher in dieser Illusion, sagt Politologe Jäger.

Wie dem auch sei: Trump selbst will vor den wirtschaftlichen Deals jedenfalls den Frieden in der Ukraine. „Es gibt keinen Deal, bis es einen Deal gibt“, sagte er nach dem Alaska-Gipfel. Da beißt selbst Kirill Dmitrijew sich die Zähne aus.

est Wien
Von Eduard Steiner, Wien