Yves Mersch 70
Von Mark Schrörs, FrankfurtEs ist sicher nicht übertrieben, Yves Mersch als Urgestein der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Euro-Geldpolitik zu bezeichnen. Seit mehr als 20 Jahren macht Mersch Geldpolitik im Euroraum – zunächst von 1998 bis 2012 als Zentralbankchef Luxemburgs und EZB-Ratsmitglied und seit 2012 als EZB-Direktoriumsmitglied. Mersch, der am Dienstag seinen 70. Geburtstag feiert, ist damit der einzige Notenbanker, der seit dem Start 1998 ununterbrochen dem EZB-Rat angehört.Geldpolitisch gilt Mersch als Unterstützer des stabilitätsorientierten Kurses der Bundesbank. Viele der beispiellosen Lockerungsmaßnahmen im Kampf gegen die Euro-Schuldenkrise hat er dennoch mitgetragen, darunter auch die Anfang 2015 begonnenen breiten Staatsanleihekäufe (Quantitative Easing) – weil er durchaus das Risiko einer Deflation sah. Auch das jüngste Lockerungspaket von Mitte September, gegen das es im EZB-Rat beispiellosen Widerstand gab, trug Mersch dem Vernehmen nach mit – trotz einiger Bedenken. Die Loyalität zur Institution EZB ist ihm wichtig, was aber nicht heißt, dass er nicht auch einmal anderer Meinung ist als seine Kollegen.Neben der Geldpolitik wird Mersch künftig auch die Bankenaufsicht im Euroraum umtreiben. Anfang Oktober soll er auch formal zum Vizechef der EZB-Bankenaufsicht berufen werden. EZB-Präsident Mario Draghi hatte sich lange schwergetan, im Direktorium einen Nachfolger für Sabine Lautenschläger als SSM-Vize zu finden, als deren fünfjährige SSM-Amtszeit endete. Am Ende fiel Draghis Wahl auf Mersch – auch wenn das Verhältnis der beiden seit langem als, gelinde gesagt, angespannt gilt.Seine Karriere hatte der gelernte Jurist und überzeugte Europäer 1975 bei der Verwaltung des Großherzogtums begonnen. Vorübergehend wurde er von der Regierung zum Internationalen Währungsfonds (IWF) und den Vereinten Nationen entsandt. Nach seiner Rückkehr beriet er den Finanzminister in Fragen internationaler Finanzsysteme und geldpolitischer Beziehungen und handelte später als “Directeur du Trésor” maßgeblich den Maastricht-Vertrag mit aus. 1998 begann er dann als Notenbanker.Geldpolitik und Finanzthemen sind aber bei Weitem nicht das Einzige, für das sich Mersch interessiert oder das ihn umtreibt. Er ist beispielsweise stark an Kunst interessiert, vor allem an moderner Kunst – und so nutzt er denn auch auf Geschäftsreisen freie Minuten gerne einmal für einen Museumsbesuch. Zudem zählt Musik zu seinen Leidenschaften – er hört etwa gerne Jazz. Viele Gedanken macht sich Mersch aber auch über gesellschaftliche Entwicklungen und den Zusammenhalt des Gemeinwesens.Von seinem 70. Geburtstag macht Mersch kein großes Aufheben: Seinen Ehrentag feiert er im Stillen mit seiner Frau – im Urlaub.