Ruth Brand, Destatis

„Zu Recht hohe Ansprüche“

Die neue Destatis-Chefin berichtet im Interview über ihren Neustart in Wiesbaden und wie wichtig es ist, das bestmögliche Verhältnis zwischen Aktualität und Genauigkeit in der amtlichen Statistik zu erreichen.

„Zu Recht hohe Ansprüche“

Alexandra Baude.

Frau Brand, wie war die Rückkehr zum Statistischen Bundesamt (Destatis) für Sie? Sie haben sich den Start wohl reibungsloser vorgestellt als mit der verschobenen Veröffentlichung der Inflationsdaten.

So vertraut mir das Statistische Bundesamt aus meiner langjährigen Tätigkeit bereits war, so aufregend war es für mich, als Präsidentin hierher zurückzukehren. Ich wurde unglaublich freundlich aufgenommen. Die neuen und alten Kolleginnen und Kollegen haben mir den Start sehr erleichtert. Dann gleich die Verschiebung der vorläufigen Inflationsrate zu begleiten, hätte ich mir so natürlich nicht ausgesucht. Aber entscheidend ist ja, dass wir die Situation zusammen gemeistert haben und die Daten nun wieder in der gewohnten Qualität und Aktualität bereitstellen können. Es hat mir auch direkt wieder gezeigt, wie wichtig unsere Daten sind und dass die Öffentlichkeit zu Recht hohe Ansprüche an uns hat.

Wie stark ist die Inflationsrate aktuell verzerrt durch die staatlichen Maßnahmen in der Energiekrise, insbesondere durch die Gas- und Strompreisbremsen?

Die Entwicklung der Verbraucherpreise belastete auch zum Jahresbeginn die privaten Haushalte sehr. Die staatlichen Entlastungsmaßnahmen dämpfen dabei die Inflationsrate. Der Entlastungseffekt durch die Gas- und Wärmepreisbremse liegt rechnerisch bei der Inflationsrate bei etwa 0,5 bis 0,75 Prozentpunkten, bei der Strompreisbremse deutlich unter 0,25 Prozentpunkten. Diese Effekte lassen sich aber nicht von anderen Preiseffekten trennen. Andere Effekte können die Entlastung aus den Preisbremsen überkompensieren, so konnten wir im Januar regional sogar Erhöhungen bei den Energieträgern feststellen.

Der EZB-Rat fordert, die Kosten für Wohneigentum in die Berechnung des Harmonisierten Verbraucherpreisindex einfließen zu lassen. Kommt das und wenn ja, wann?

Die Preisentwicklung für selbst genutztes Wohneigentum ist im nationalen Verbraucherpreisindex enthalten, seit der Basis 2020 sogar als eigene Position (Unterstellte Miete). Aber es stimmt, im europäisch harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) gibt es eine solche Position nicht. Der HVPI wird verwendet, um die Inflationsraten in den europäischen Staaten miteinander vergleichen zu können, und ist entscheidend für die Geldpolitik. Innerhalb Europas gibt es noch konzeptionelle Abstimmungen zu der Frage, wie die Kosten für selbst genutztes Wohneigentum abgebildet werden sollten – auch vor dem Hintergrund, dass sich der Wohnmarkt in Europa zwischen den einzelnen Staaten und Regionen sehr unterschiedlich gestaltet.

Destatis hat während der Corona-Pandemie mit dem Dashboard Deutschland und experimentellen Indikatoren Statistik für die breite Öffentlichkeit etwas greifbarer und auch schneller sichtbar gemacht. Was sind da die nächsten Pläne?

In der Pandemie waren die experimentellen Daten gut geeignet, um schnell Informationen bereitzustellen. Dazu haben wir Datenquellen gesucht, die schnell verfügbar und trotzdem aussagekräftig sind. Im Dashboard Deutschland haben wir zuletzt mit dem „Pulsmesser Wirtschaft“ ein neues Tool veröffentlicht, das durch die übersichtliche Zusammenstellung verschiedener Quellen einen Gewinn an Aktualität bringt. Beide Produkte werden aktuell weiterentwickelt, um auch künftig auf alle Herausforderungen reagieren zu können. Wichtig ist außerdem die Erhöhung der Aktualität und Reaktionsfähigkeit der „normalen“ amtlichen Statis­tiken.

Seit Mitte 2020 wird das BIP bereits 30 Tage nach Quartalsende veröffentlicht. Hat es sich bewährt, die Daten zwei Wochen früher als zuvor zu veröffentlichen? Ginge es auch noch schneller?

Die Veröffentlichung des BIP bereits 30 Tage nach Quartalsende hat sich aus unserer Sicht bewährt. Gerade in Krisen werden aktuelle, faktenbasierte Wirtschaftsdaten benötigt. Aber es hat sich auch gezeigt, was der Preis einer früheren Veröffentlichung ist: häufigere und stärkere Revisionen. Wir versuchen also, bei unseren Berechnungen das bestmögliche Verhältnis zwischen Aktualität und Genauigkeit zu erreichen. Darum haben wir die BIP-Schnellschätzung vor der Veröffentlichung auch intensiv getestet, analysiert und stetig verbessert. Und ja, theoretisch ginge es noch schneller, aber schneller bedeutet auch weniger Datengrundlagen, mehr Schätzanteile und damit eine geringere Genauigkeit, die unseren Anforderungen bisher einfach nicht genügt.

Das BIP gilt nicht allen als der perfekte Gradmesser dafür, wie es einer Volkswirtschaft geht. Was für eine Alternative könnten Sie sich vorstellen?

Das BIP ist in erster Linie ein Maß für die wirtschaftliche Leistung eines Landes. Wie gut es einer Gesellschaft geht, kann das BIP nicht abbilden, und das soll es auch gar nicht. Wenn die Wirtschaft wächst, bedeutet das, dass den Menschen mehr Güter zur Verfügung stehen. Aber für das Wohlergehen einer Gesellschaft spielen auch andere Aspekte eine Rolle: Umwelt, Bildung, Gesundheit, Freiheit und vieles mehr. Um ein umfassendes Bild zu erhalten, sind Indikatorensysteme am besten geeignet. Als Beispiel möchte ich die Nachhaltigkeitsindikatoren nennen. Sie sollen das BIP aber nicht ersetzen, sondern ergänzen.

Destatis ist im Januar 75 Jahre alt geworden. Welchen Geburtstagswunsch haben Sie für „Ihre“ Behörde?

Ich wünsche mir auch zukünftig eine gute Balance aus Veränderung und Beständigkeit: Dass wir als Institution beweglich bleiben und den Veränderungen und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft lösungsorientiert und innovativ begegnen. Und dass wir andererseits beständig und mit relevanten Daten zur demokratischen Willensbildung und zu faktenorientierten Entscheidungen beitragen.

Die Fragen stellte

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