Notiert inTokio

Das 2024-Problem

Japans Regierung will den Job von Liefer-, Lastwagen-, Taxi- und Busfahrern durch eine Begrenzung von Überstunden angenehmer machen, damit mehr Menschen diese Arbeit annehmen. Aber dieses Vorgehen scheint nach hinten loszugehen.

Das 2024-Problem

Notiert in Tokio

Das 2024-Problem

Von Martin Fritz

Wie Deutschland ist auch Japan aufgrund seiner alternden Gesellschaft von einem Mangel an Facharbeitern betroffen – nur eben auf speziell japanische Weise. Zum Beispiel bei Fahrern von Liefer- und Lastwagen sowie Bussen und Taxen. Diese Jobs sind wegen der schlechten Arbeitszeiten und geringen Bezahlung seit jeher nicht populär. Die Regierung will diese Arbeit nun attraktiver machen. Daher erlaubt sie ab April 2024 nur noch 960 Überstunden jährlich – eine Obergrenze, die für andere Branchen schon länger in Kraft ist. Aber die Maßnahme droht nach hinten loszugehen.

Denn weniger Überstunden bedeutet weniger Lohn, so dass noch mehr Fahrer in andere Branchen abwandern könnten. Zwar sind auch beim neuen Deckel im Fall einer Fünftagewoche immer noch vier Überstunden täglich (!) zulässig. Aber die Fahrer verdienen mit 4,5 Mill. Yen (rund 30.000 Euro) schon heute 4% weniger als der Durchschnitt aller Branchen, obwohl sie rund 20% länger arbeiten. Ein Lkw-Fahrer muss täglich knapp zwei Stunden mehr als der nationale Durchschnitt schuften.

Zudem sind 98% der 62.000 Güterunternehmen Kleinbetriebe, die unter einer dünnen Kapitaldecke und neuerdings unter rekordhohen Kraftstoffpreisen leiden. Wenn diese Firmen zum Ausgleich für die verringerten Überstunden mehr Fahrer engagieren müssen, um den bisherigen Umfang an Lieferungen zu erfüllen, schreiben sie schnell rote Zahlen und müssen schließen. Höhere Preise können sie bei dem harten Wettbewerb nämlich kaum durchsetzen.

Die Begrenzung der Überstunden weckte daher Befürchtungen, die der Einzelhandel und die Logistik unter dem Schlagwort „2024-Problem“ zusammenfassten: Wenn alle Lkw-Fahrer weniger arbeiten und ein Teil davon womöglich ganz aufhört, dann wird nach Angaben der Studiengruppe für nachhaltige Logistik des Handelsministeriums die Transportkapazität aller Lastkraftwagen voraussichtlich um rund 14% sinken. Und das Nomura Research Institute schätzt, dass Lkw-Fahrer im Jahr 2030 im Vergleich zum Stichjahr 2015 geschätzte 35% weniger Fracht transportieren.

Verbände wie die Japan Trucking Association warnten deshalb davor, dass die Obergrenze ohne geeignete Lösungen jene Dienstleistungen beeinträchtigen könnte, die für die Verbraucher längst zu einem bequemen Lebensstandard gehören, etwa die Lieferung von frischen Meeresfrüchten, Obst und Gemüse oder generell von online bestellten Waren am selben oder nächsten Tag. Dann droht ein ökonomischer Dominoeffekt für Landwirte, Geschäfte und Gastronomen, deren Geschäfte von solchen raschen Zustellungen abhängen.

Premierminister Fumio Kishida schnürte daher nun ein Bündel von Maßnahmen, damit diese Szenarien nicht eintreffen. „Das Logistik-Reformpaket muss dringend umgesetzt werden“, feuerte Kishida seine eigene Regierung an. Dazu gehören Anreize für höhere Löhne von Lkw-Fahrern, der Einsatz von mehr autonomen Transportfahrzeugen, die Einführung eines speziellen Arbeitsvisums für Ausländer, die als Fahrer in Japan arbeiten sollen, und die Verlagerung von Frachtverkehr auf Schiffe und Schienen.

Der größte Bahnbetreiber JR East führte im Juni bereits erste Tests mit seinen Shinkansen-Superschnellzügen durch, die bisher nur Personen transportieren. Dass die Frachtpakete auf den Passagiersitzen gestapelt werden müssen, erschwert jedoch ein schnelles Ein- und Ausladen. Die Japan Trucking Association wiederum rät den Verbrauchern, Lieferboxen in Wohnanlagen zu nutzen, in denen die Fahrer die Pakete zur Selbstabholung durch die Mieter bereitstellen können. Dafür sollen solche Konsumenten als Anreiz geldwerte Punkte erhalten.

Im Taxibereich werden sogar heilige Kühe geschlachtet: So brachte Digitalminister Taro Kono erneut die Zulassung von Mitfahrdiensten wie Uber ins Spiel. Und das Höchstalter für Taxifahrer wird nun von 75 auf 80 Jahre erhöht!