London

Der neue Puritanismus

Militante Klimaschützer haben sich durchgesetzt: Mit dem Royal Opera House trennt sich eine weitere Londoner Kultureinrichtung vom Sponsor BP. Für die Einnahmeausfälle kommen sie nicht auf.

Der neue Puritanismus

Das Royal Opera House hat sich vom Sponsor BP getrennt, der dem Opernhaus seit 1988 zur Seite stand. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, lautete zuvor das Motto. Der Ölkonzern ermöglichte schließlich Tausenden im ganzen Land, Opern- und Ballettaufführungen über Großbildschirme kostenlos mitzuverfolgen. Philanthropie ist immer auch eine Art von Ablasshandel. Dann begannen Anhänger der Weltuntergangssekte Extinction Rebellion, statt gut bewachter Konzernzentralen weiche Ziele wie Museen aufs Korn zu nehmen.

Im Royal Opera House störten Umweltaktivisten schon vor Jahren Aufführungen, um gegen BP zu protestieren. Am Ende mit Erfolg: Beide Seiten hätten sich geeinigt, den Ende 2022 ausgelaufenen Vertrag nicht zu verlängern, verlautbarte nun das Opernhaus. Zuvor hatten bereits die Royal Shakespeare Company und die National Portrait Gallery ihre Beziehungen zu dem Ölkonzern beendet, der ihnen jahrzehntelang finanziell unter die Arme gegriffen hatte. Das Unternehmen hatte unter anderem Tickets für Jugendliche subventioniert.

„Wir werden gerade Zeugen einer seismischen Verschiebung in der Kultur, einer fast völligen Ablehnung der Marke BP und des klimazerstörenden Geschäfts, für das sie steht“, behauptet Chris Garrard, Direktor der Initiative Culture Unstained. „Indem es für die Finanzierung durch fossile Brennstoffe den Vorhang fallen lässt, kann das Royal Opera House nun eine Führungsrolle dabei spielen, die Kultur jenseits des Öls zu schaffen, die wir so dringend benötigen.“ Nun rücken British Museum und Science Museum ins Visier solcher Vorkämpfer für eine unbefleckte Kultur. Denn beide Einrichtungen wollen bislang partout nicht auf Sponsorengelder verzichten, nur weil ihnen radikale Klimaaktivisten ein Reinheitsgelübde auferlegen wollen. „Die beiden Museen sind nun zunehmend isoliert“, frohlockte die „Guardian“-Journalistin Esther Addley. Bis zum 19. Februar läuft der bestehende Fünfjahresvertrag zwischen BP und dem British Museum noch. Die aktuelle Ausstellung „Hieroglyphs“ ist die letzte, die darunter fällt.

Was die neuen Puritaner nicht verstehen, ist, dass sie für ihren Kampf gegen die Öl- und Gasbranche das falsche Schlachtfeld gewählt haben. Gut, auf den Großbildschirmen stand BP. Aber wer mit ihrer Hilfe eine Theateraufführung sah, wird sich an den Namen des Sponsors am wenigsten erinnern. Das gilt auch für Ausstellungen. Kulturelle Einrichtungen sind nicht nur in Großbritannien auf Einnahmen in jeder Form angewiesen, insbesondere wenn sie, wie die beiden genannten Museen, keinen Eintritt von ihren Besuchern verlangen. Die Pandemie ist zwar offiziell vorbei, wirkt sich aber immer noch auf die Besucherzahlen aus. Steigende Lebenshaltungskosten führen dazu, dass viele Menschen weniger Geld für kulturelle Aktivitäten wie Theaterbesuche übrig haben. Die Energiekosten schießen nicht nur für private Haushalte nach oben, sondern auch für gemeinnützige Einrichtungen. Es ist nicht billig, wenn ein Museum Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit für Kunstwerke konstant halten will. Daneben steigen auch alle anderen Kosten, die mit der Aufrechterhaltung des Betriebs verbunden sind. Die öffentlichen Kassen sind leer. Das Royal Opera House verlor im November vergangenen Jahres gut 2 Mill. Pfund seiner Förderung durch den Arts Council England.

Bislang war der Ablasshandel in Form von Sponsoring für kulturelle Einrichtungen eine gute Sache. Allerdings ist der Ansturm nicht so groß wie auf die Ablassbriefe der katholischen Kirche, als man noch glaubte, durch ihren Erwerb die Zeit im Fegefeuer verkürzen zu können. Von den neuen Puritanern gibt es keine Antworten darauf, wie künftig Tickets für Jugendliche subventioniert oder aufwendige Ausstellungen finanziert werden sollen. Es ergießt sich kein warmer Regen über die Rechtgläubigen, wenn sie ihre gute Gesinnung nur laut genug zum Ausdruck bringen. Kann es sich die öffentliche Hand leisten, freigiebiger zu werden, sollte sie die von ihr geförderten Einrichtungen vor der Mittelvergabe an ihre eigentlichen Aufgaben erinnern: Theaterstücke aufzuführen, Konzerte abzuhalten und Ausstellungen zu zeigen.

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