Unterm Strich

Die EZB versagt beim Umschaltspiel

In der Inflationsbekämpfung wirkt die EZB orientierungslos. Es fehlt eine transparente Kommunikationsstrategie. Die Fed könnte Vorbild sein.

Die EZB versagt beim Umschaltspiel

Gute Fußballer und gute Notenbanker haben eines gemein: Sie antizipieren die Bewegungen und Reaktionen ihrer Mitspieler. Während es beim Fußball darum geht, den Pass aus dem Mittelfeld in den Lauf eines Stürmers zu spielen, geht es in der Geldpolitik darum, die Akteure an den Märkten auf die Entscheidungen und die Strategie der Notenbank vorzubereiten und damit die Wirkung der Geldpolitik zu verbessern. Wie es um den fußballerischen Sachverstand im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) bestellt ist, soll hier nicht weiter beleuchtet werden. Hinsichtlich der Klarheit ihrer geldpolitischen Strategie und in der Kommunikation mit den Märkten allerdings lässt sich erhebliches Verbesserungspotenzial ausmachen.

Allein die Interpretation von „vorübergehend“ bei der über alle eigenen Prognosen hinausgeschossenen Inflation in Euroland und insbesondere in Deutschland scheint sich im Monatsrhythmus zu wandeln. Wer sich einmal die Mühe macht, im Archiv die Aussagen von EZB-Granden zur Inflationsentwicklung seit Jahresanfang 2021 nachzulesen, dem kommen doch Zweifel, ob die EZB-Geldpolitiker wissenschaftlich noch in der ersten Liga spielen.

Das Umschaltspiel von Deflations- zu Inflationsbekämpfung beherrschen sie offenkundig nicht. Als vor genau einem Jahr die Euro-Inflation im vierten Monat in Folge negativ war und der EZB-Rat vor der Verlängerung und Aufstockung des Notfallanleihekaufprogramms PEPP stand, beherrschte noch die Angst vor weiter sinkenden Preisen und das Abrutschen in eine Deflationsspirale die Debatte (vgl. BZ vom 2.12.2020). Dabei waren damals schon jene „vorübergehenden“ Sonderfaktoren absehbar, die im Laufe des Jahres 2021 die sprunghafte Rückkehr der Inflation bringen sollten. Wie aber will die EZB die langfristigen Inflationserwartungen steuern, wenn ihre Direktoriumsmitglieder selbst auf kurze Sicht mit ihren Annahmen so sehr danebenliegen? Wie steht es um die Glaubwürdigkeit einer solchen Kommunikationspolitik, die als Forward Guidance ja Teil des geldpolitischen Instrumentariums ist?

Vorbild Dot-Plot

EZB-Präsidentin Christine Lagarde beschränkt sich als oberste Notenbankerin der Eurozone kommunikativ nicht auf ökonomische Themen und das Mandat der EZB, sondern positioniert sich zu beinahe allen Fragen der Zeit. In der Gender-Debatte meldet sie sich ebenso zu Wort wie zu Umweltrisiken und Klimawandel. Da entsteht schnell der Eindruck, sie könne alles und nichts, zumal als Quereinsteigerin in die Geldpolitik und Nichtökonomin.

Nähme sich die EZB hier doch ein Beispiel an der US-Notenbank Fed! Dort hat man aus den erratischen geldpolitischen Entscheidungen des sich gern orakelhaft gebenden Alan Greenspan gelernt, der mit Sprüchen wie „Wenn Ihnen meine Aussagen ungewöhnlich klar erscheinen, haben Sie mich zweifellos missverstanden“ zum Mythos wurde. Die Zeit der Mythen – auch die Bundesbank umgab sich einst mit der Aura des Geheimnisvollen und „überraschte“ gerne mal die Märkte – ist gottlob vorbei. Transparenz und Berechenbarkeit heißen die Gebote der Stunde.

So gibt die Fed viermal im Jahr ihr Summary of Economic Projections heraus, das auch ein als „Dot-Plot“ bekannt gewordenes Diagramm der von den Mitgliedern des Offenmarktausschusses und einiger weiterer Fed-Beamten prognostizierten künftigen Zinssätze enthält. Jede Prognose ist im Schaubild mit einem Punkt abgebildet, wobei die y-Achse den Zielzinssatz der Fed Funds Rate darstellt und die x-Achse das jeweilige Prognosejahr. So liegen aktuell für 2021 alle 18 Punkte auf der 0,25-Prozent-Linie. Für 2022 sind dort nur noch neun Punkte, während sechs Punkte im Korridor zwischen 0,25 und 0,5% landen und drei im Korridor zwischen 0,5 und 0,75% liegen.

Das Dot-Plot ist zu einem zentralen Kommunikationsinstrument der Fed geworden und findet an den Märkten große Beachtung. Denn es veranschaulicht die Einschätzung der Fed-Boardmitglieder zur weiteren Zinsentwicklung aktuell und im Zeitablauf, konkret für das Ende der nächsten drei Kalenderjahre und darüber hinaus als längerfristigen Trend. Der Median aller Punkte wie auch die Varianz in den einzelnen Jahren gelten als wichtige Anhaltspunkte. Während beispielsweise der Dot-Plot für 2022 eine Range von 0,25 bis 0,75% ausweist, reicht die Spanne für 2023 schon bis 1,75% mit Schwerpunkt zwischen 1,0 und 1,25%. Für 2024 liegen die meisten Dots einen Prozentpunkt höher bei 2,0 bis 2,25%, längerfristig bei 2,5%.

Eine solche im wahrsten Wortsinn „punktgenaue“ Prognose der für die Geldpolitik Verantwortlichen wäre auch dem EZB-Rat zu empfehlen, um den Märkten die Veränderung ihrer Einschätzung zu kommunizieren. Dann müssten nicht die Notenbanker in Interviews wortreich, aber oftmals nur für EZB-Beobachter verständlich, Veränderungen ihrer Einschätzung kommunizieren. Zumal die Äußerungen von Notenbankern selten konsistent sind und die EZB-Ratsmitglieder mit einem Dunst aus Interviews und Interpretationen nach den regelmäßigen Pressekonferenzen der EZB des Öfteren eine klare Botschaft vernebeln.

Zeit für den Ausstieg

Aktuell bleibt die EZB den Bürgern in der Eurozone und in Deutschland als größtem Land der Währungsunion, die hier aufgrund von Minuszinsen und Inflation derzeit eine reale Entwertung ihrer Sparguthaben und Geldvermögen von mehr als 6% hinnehmen müssen, die Perspektive schuldig. Anstatt die längst überfällige Ausstiegsstrategie aus der ultralockeren Geldpolitik wenigstens anzukündigen und mit einem ersten von vielen weiteren kleinen Schritten Ernsthaftigkeit zu signalisieren, riskiert die EZB einen nachhaltigen Vertrauensverlust der Bürger wie auch der Marktakteure. Einige Interviews hier und dort, bei denen EZB-Präsidentin Lagarde formelhaft bekannte Positionen wiederholt, machen noch keine Kommunikationsstrategie und wirken – um noch einmal das Fußballbild zu bemühen – eher wie unter Druck wahllos übers Feld geschossene Pässe.

c.doering@boersen-zeitung.de

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