Notiert in Frankfurt

Die neuen Halbstarken

Nirgendwo wird so viel geschimpft und geflucht wie im Straßenverkehr. Die Aggressivität verlagert sich in Städten wie Frankfurt allerdings zusehends von der Straße auf den innerstädtischen Radweg. Längst tobt hier der Kampf zwischen Lastenrädern, E-Rollern und E-Bikes – und natürlich den traditionellen Radlern.

Die neuen Halbstarken

Notiert in Frankfurt

Die neuen Halbstarken

Von Detlef Fechtner

Eine alte Wanderlegende geht wie folgt: Im Jahr 2006 sind im US-Bundesstaat Florida drei Menschen im Straßenverkehr gestorben – durch Pistolenschüsse. Diese – im wahrsten Sinne des Wortes – Räuberpistole wird deshalb von so vielen Menschen bis heute weitererzählt, weil fast jeder schon einmal Situationen im Straßenverkehr erlebt hat, bei denen irgendein Autofahrer oder Fußgänger wie ein HB-Männchen durch die Decke gegangen ist. Nirgendwo wird so viel geschimpft und geflucht wie hinterm Steuer – egal ob über Sonntagsfahrer, über Drängler oder über Raser.

Die Aggressivität im Straßenverkehr verlagert sich in Städten wie Frankfurt allerdings zusehends von der Straße auf den innerstädtischen Radweg. Denn dort ist die Zeit des friedlichen Nebeneinanders von Holland-Radlern und Mountain-Bikern mittlerweile Geschichte. Längst tobt hier der Kampf zwischen Lastenrädern, E-Rollern und E-Bikes – und natürlich den traditionellen Radlern.

So wie die Trucker sich als Könige der Landstraße gebärden, so führen sich manche Fahrer oder Fahrerinnen eines Urban Arrow Family, eines Bakfiets Wide oder eines Babboe Carve – also der verschiedenen Zweirad-Silberpfeile – wie die Regenten des Radwegs auf. Durch den gestreckten Bug, in dem wahlweise Kinder, Hunde oder Bierkästen transportiert werden, wirken die rollenden Laster robust und unverletzbar und flößen den anderen Verkehrsteilnehmern mächtig Respekt ein. Derweil schlängeln sich E-Roller eng an Radlern vorbei und nutzen ihre raschere Beschleunigung an Ampeln aus, um sich vorbeizudrängeln. Oft mit zwei Passagieren, manchmal sogar mit drei Fahrgästen beladen lautet ihre unausgesprochene Botschaft: Aus dem (Rad-)Weg, hier kommen wir!

Die eigentlichen Halbstarken im täglichen Kräftemessen auf dem städtischen Asphalt sind freilich weder elektronische Kindertaxis noch überladene E-Scooter. Die echten Radwege-Rowdys nämlich sind weder 35 Jahre alt noch zweimal 17 Jahre alt, sondern gehören eher den Ü60 an. Unterstützt durch einen Turbo-Motor mit teilweise dreistelligen Newtonmetern Drehmoment und hochgetunten Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 30 Stundenkilometern zischen regelmäßig Rentner auf E-Bikes auf dem Radweg am Peloton der muskelkraftbetriebenen Räder vorbei – und erzwingen dabei oft waghalsige Ausweichmanöver aller anderen.

Das gilt umso mehr, wenn Alkohol im Spiel ist. Ein ernst gemeinter Tipp unter Freunden: Wer zur Feierabendstunde durch die Mainauen ins Rudererdorf fährt oder auf den Radwegen rund um Alt-Sachsenhausen unterwegs ist, der ist gut beraten, rechtzeitig auf die Seite auszuweichen, wenn hinter oder vor ihm eine Kolonne apfelweinseliger Pensionäre auf Elektrorädern auftaucht. Denn aufs E-Bike traut sich mancher noch in einem Zustand, in dem er sein Auto schon nicht mehr aufgeschlossen bekäme.

Was Wunder, dass die Zahl der Unfälle mit Pedelecs stetig steigt. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass es immer mehr elektrobetriebene Fahrräder gibt – einer von Eon in Auftrag gegebenen Umfrage zufolge besaß im vergangenen Jahr bereits fast jeder vierte Bundesbürger ein E-Bike. Daneben gilt als Grund für die steigenden Unfallzahlen aber auch die Selbstüberschätzung der Fahrer, die beispielsweise vergessen, dass ihr Gefährt gut und gerne 20 Kilo wiegt, die man im Falle eines Falles mit abbremsen muss.

Das Gerangel auf dem Radweg wird übrigens nur noch getoppt durch die Auseinandersetzungen im Streit um den geeigneten Fahrrad- oder Rollerparkplatz. Meist sind alle Straßenlaternen im Nordend oder Westend bereits am frühen Abend komplett belegt, wenn alle Welt in Kneipen und Restaurants aufbricht. Lastenräder blockieren Bürgersteige, E-Roller machen den Spaziergang über den Opernplatz zum Slalomlauf. Immer häufiger sind es daher nicht die Autofahrer, sondern Radler, die viel zu spät erscheinen, weil sie am Ende so lange brauchten, um einen Parkplatz zu finden.