Notiert in FrankfurtAdvent

Ein Lichtlein brennt

In Frankfurt hat wieder die Zeit des "Wemmerns" begonnen: Wemmer uns nischt mehr sehn, wünsch ich ein gesegnetes Fest. Im Bankenviertel ist längst nicht so viel los wie auf dem Weihnachtsmarkt. Da kostet die Tasse Glühwein dieses Jahr im Schnitt 4 Euro.

Ein Lichtlein brennt

Notiert in Frankfurt

Ein Lichtlein brennt

Von Detlef Fechtner

Claus Weselsky und die Gewerkschaft der Lokomotivführer haben auch dann dieser Tage Einfluss auf das Alltagsleben in Frankfurt, selbst wenn sie gerade einmal nicht streiken. Denn allein die Androhung der GdL, den Schienenverkehr unter Umständen vor Weihnachten noch einmal lahmzulegen, hat zahlreiche Beschäftigte im Bankenviertel dazu veranlasst, keine Präsenztermine mehr in Frankfurt zu verabreden, sondern wie in den Zeiten der Corona-Pandemie auf Formate des Online-Austauschs auszuweichen – sicher ist schließlich sicher. Das wiederum hat zur Folge, dass sich rund um Taunusanlage und Neue Mainzer Straße derzeit nicht ganz so viele Finanzprofis drängeln wie sonst üblich – und dass nicht nur auf dem Adventskranz, sondern auch in manchem Bankhochhaus, gegenwärtig nur ein Lichtlein brennt.

Ganz anders natürlich ist die Lage zwischen Liebfrauen- und Römerberg, zwischen Paulskirche und Schirn. Auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt herrscht bereits am frühen Nachmittag hektische Betriebsamkeit. Wer mit von der Partie sein möchte, darf allerdings das Portemonnaie nicht zu Hause vergessen haben. Denn für die Tasse Glühwein – bekanntermaßen eher auf Basis von billigem Lambrusco aus der Papiertüte als auf Grundlage von Châteauneuf-du-Pape hergestellt – werden in dieser Weihnachtsmarkt-Saison an den meisten Verkaufsständen 4 Euro fällig. Und die Rindswurst vom Schwenkgrill kostet einen Fünfer, die weihnachtliche Currywurst mit Spekulatius-Crumble sogar noch etwas mehr.

In Frankfurt hat die Zeit des "Wemmern" begonnen – auf diesen Begriff wurde an dieser Stelle bereits einmal vor zwei Jahren hingewiesen. In dieser Zeit des Jahres enden nämlich Gespräche an der Straßenecke oder in der Teeküche in Rhein-Main regelmäßig mit dem Wort "Wemmer": "Wemmer uns nischt mer sehn, wünsch isch schon mal gesegnetes Fest!"

Dass mittlerweile der Countdown zu den Festtagen läuft, ist erstens daran zu erkennen, dass auf den Mittagstisch-Menükarten der hiesigen Innenstadt-Metzgereien wieder "Saftiges Wildschweingulasch" und "Zarter Gänsebraten" to go auftauchen. Zweitens, weil das elektronische Postfach vollläuft mit Werbemails für Abnehmpillen, um sich präventiv für den kalorienstarken Weihnachtsbraten mit Knödeln zu rüsten. Und drittens, weil sich auf den Spielplänen von Jahrhunderthalle Höchst und Festhalle wieder die Magic Shows der Ehrlich Brothers und von Nicolai Friedrich abwechseln mit dem Phantom der Oper, dem Musical Schneekönigin oder den Ballettabenden Schwanensee und Nussknacker. Da muss Weihnachten doch vor der Türe stehen.

Für viele bedeutet die Adventszeit nicht so sehr Besinnung, sondern vielmehr Rückblick – und das gilt nicht nur für die Mitarbeitenden in der Bilanzbuchhaltung. Noch ist das Jahr nicht vorbei, da häufen sich die Anmerkungen in Gesprächen, dass in diesem Jahr nicht alles so gelaufen ist, wie man es sich eigentlich gewünscht habe, geschäftlich und privat. Stellvertretend für viele persönliche Retrospektiven: "Ich hatte mir am Jahresanfang vorgenommen, 2023 mindestens fünf Kilo abzunehmen. Jetzt sind es nur noch neun."

Mit dem Rückblick verbunden richtet mancher natürlich auch schon jetzt die Perspektive auf das kommende Jahr. Im Kauderwelsch der Kommunikationsabteilungen börsennotierter Unternehmen taucht bei der Aussicht auf das Jahr 2024 stets und ständig das Wort "Herausforderungen" auf. Hand aufs Herz, Journalisten können den Begriff nicht leiden und reden lieber von "Problemen".

Beim Ausblick auf 2024 fühlen sich einige angesichts von geopolitischen Katastrophen, klimatischer Risiken und ernüchternder Wirtschaftsdaten an Karl Valentin erinnert: Die Zukunft war früher auch besser. Oder an den früheren Bankenaufseher Jochen Sanio, der einst – angesprochen auf den Zustand des heimischen Bankensystems – gesagt hat: Das Jahr ist doch gar nicht so schlecht gelaufen, zumindest verglichen mit dem nächsten Jahr.

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