Im BlickfeldDeutsch-ukrainische Wirtschaftsbeziehungen

Investitionen in Zeiten des Krieges

Etwa 2.000 deutsche Unternehmen sind in der Ukraine aktiv. Nur wenige haben das Land nach dem russischen Überfall verlassen. Mittlerweile steigt auch das Interesse in Investitionen.

Investitionen in Zeiten des Krieges

Investitionen in Zeiten des Krieges

Etwa 2.000 deutsche Unternehmen sind in der Ukraine aktiv. Nur wenige haben das Land nach dem russischen Überfall verlassen. Mittlerweile steigt auch das Interesse wieder, die Geschäfte weiter auszubauen und neu zu investieren – allen Problemen zum Trotz.

Von Andreas Heitker, Berlin

Wenn Reiner Perau sein aktuelles Leben in Berlin und Kiew vergleicht, sieht er erst einmal gar nicht so große Unterschiede. Der Volkswirt pendelt zwischen den knapp 1.400 Kilometer auseinanderliegenden Städten, seit er zu Jahresbeginn die Leitung der Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer übernommen hat. „An der Oberfläche ist das Leben in Kiew extrem normal“, berichtet Perau im Gespräch. Dies ändere sich zwar, wenn es vor allem nachts immer wieder Luftalarm gebe und die Flugabwehr russische Raketen und Drohnen abschieße. Damit gingen die Menschen aber sehr unterschiedlich um.

In der Ukraine herrscht seit mehr als 600 Tagen Krieg. Vor allem an der Front im Donbass und im Süden sterben jeden Tag Menschen. Immer wieder beschießt Russland auch ukrainische Städte. Die Sicherheitslage hat sich aber deutlich verbessert, seit die vor allem aus dem Westen gelieferten Schutzschirme installiert wurden. Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft hält das Kriegsrisiko vor allem in den westlichen und mittleren Landesteilen mittlerweile für „beherrschbar“. Und auch Perau ist der Meinung, dass die Sicherheitslage Geschäftsreisen in die meisten ukrainischen Gebieten zulasse.

Hohe Anpassungsfähigkeit

Sicher ist, dass sich die ukrainische Wirtschaft widerstandsfähig zeigt. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) ist nach Kriegsausbruch um 29% nach unten gerauscht. In diesem Jahr wird aber schon wieder ein kleines Wachstum erwartet. Die Regierung erwartet ein Plus von 4%. Nicht von ungefähr berichtet der Risikoanalyst Florian Otto von der Beratungsfirma Control Risks, der kürzlich mit einer Wirtschaftsdelegation in die Ukraine gereist war, von dortigen Unternehmen, die sich durch "ein erstaunliches Maß an Anpassungsfähigkeit und Innovationskraft" auszeichneten. Die Risiken im Land müssten ohnehin sehr differenziert betrachtet werden, sagt Otto. Es komme immer auf Region und Geschäftsmodell an.

Rund 2.000 deutsche Unternehmen sind in der Ukraine aktiv. Kaum eines hat den Standort nach dem russischen Überfall im letzten Jahr aufgegeben. Nicht einmal Betroffene wie Knauf. Der Baustoffhersteller aus dem Unterfränkischen hatte in den ersten Kriegsmonaten eine Gipsplattenfabrik im Donbass durch russischen Beschuss verloren. Er will im Westen des Landes nun ein neues Werk bauen. Die Handelskammer in Kiew registriert allgemein ein großes Interesse von deutscher Seite an neuen Investitionen.

Beispiel Bayer: Der Konzern investiert weitere 60 Mill. Euro in sein Saatgutwerk in der Nähe der ukrainischen Hauptstadt. Derzeit wird unter anderem ein dritter Trockner installiert, der das Produktionspotenzial um 50% erhöhen soll. Geplant sind auch zwei Bunker, um die Sicherheit für die Mitarbeiter zu erhöhen. Mit bis zu 1.500 zusätzlichen Mitarbeitern plant der Konzern durch diese Investitionen, sagt Oliver Gierlichs, CEO von Bayer Ukraine, im Gespräch. Ein Rückzug aus dem Land sei nie ein Thema gewesen. „Die Ukraine ist nach wie vor ein interessantes Land für Investitionen“, sagt Gierlichs, der selbst in Kiew wohnt. Im Saatgutsektor gehe es um den ukrainischen Markt, aber zunehmend auch um Exporte in den Westen.

Der Krieg hat die Handelszahlen natürlich beeinflusst: 2022 blieben die deutschen Importe aus der Ukraine mit gut 3,1 Mrd. Euro noch einigermaßen stabil. Die Exporte gingen allerdings um 11% auf 4,8 Mrd. Euro zurück. In den ersten acht Monaten 2023 stiegen die Ausfuhren dann wieder sprunghaft um 52% – hier schlagen insbesondere die Lieferungen deutscher Rüstungsgüter zu Buche.

Der Außenhandel sortiert sich aktuell an verschiedenen Stellen neu: Ukrainische Unternehmen suchen neue Märkte und Absatzwege. Laut Kiewer Regierung liefen 2021 lediglich 22% der Exporte über Westeuropa. In diesem Jahr sind es fast 57%. Allerdings sorgt die Situation an den EU-Außengrenzen immer wieder für Frust. Auch deutsche Unternehmen wie Leoni klagen über Wartezeiten für Lkw bei der Ausreise nach Polen von mittlerweile acht bis zehn Tagen. Der Automobilzulieferer, der 5.000 Mitarbeiter in der Ukraine beschäftigt, konnte nach Kriegsausbruch zunächst keine Kabelbäume mehr an seine deutschen Kunden liefern. Die Produktion wurde aber nur nach zwei Wochen wieder angefahren. Eine Just-in-Time-Lieferung bei diesen Grenzbedingungen ist heute aber kaum mehr möglich.

Exportkreditgarantien gelockert

Die Bundesregierung versucht derzeit mit verschiedenen Instrumenten, die wirtschaftlichen Beziehungen aufrechtzuerhalten, insbesondere über Investitions- und Exportkreditgarantien, die – ungewöhnlicherweise – trotz des Krieges beibehalten wurden. In den letzten Monaten hat das Wirtschaftsministerium hier noch einmal nachgesteuert, etwa durch die Verbesserung der Deckungskonditionen: Unter anderem sind nun keine Bankgarantien mehr notwendig. Auch die Investitionsgarantien wurden ausgeweitet: Abgesichert werden heute Eigentumsschäden bis hin zum Vollverlust sowie bestimmte Zahlungsrisiken.

Dass auch Schäden durch Kampfhandlungen abgedeckt werden, bezeichnet Julia Braune als "starkes Signal". Die Chefin der bundeseigenen Außenwirtschafts-Gesellschaft GTAI (Germany Trade and Invest) verweist darauf, dass neben schon vergebenen Garantien aktuell weitere 30 Projektanträge und 70 Voranfragen vorlägen. Immer mehr Investitionsvorhaben würden veröffentlicht. Deutlich mehr Nachfrage von Unternehmensseite registriert seit dem Sommer auch Edna Schöne, Executive Board Member beim Kreditversicherer Euler Hermes, der seit letztem Jahr unter Allianz Trade firmiert. Im kurzfristigen Handelsgeschäft seien 2023 schon 200 Limite gezeichnet, und es gebe ein neues Deckungsvolumen von 140 Mill. Euro – deutlich mehr als 2022.

"Wir sind auf einem wirklich guten Weg", sagt Schöne. Vor dem Krieg war die Ukraine für die damalige Euler Hermes einer der Top-10-Märkte, in dem 500 Mill. Euro abgesichert wurden. Auch heute steht das Unternehmen zusammen mit den Kollegen aus Polen innerhalb von Westeuropa noch an der Spitze, wenn es um Absicherungen in der Ukraine geht. Die europäischen Exportkredit-Agenturen überlegen derzeit, wie sie im Austausch gemeinsam noch mehr Projekte in der Ukraine verwirklichen können.

Der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal auf dem Wirtschaftsforum in Berlin (picture alliance/dpa | Kay Nietfeld)

Die politische Führung in Kiew versucht aktuell vieles, um EU-Unternehmen von den Potenzialen des ukrainischen Marktes zu überzeugen und sie zu animieren, mit Investitionen nicht auf ein Ende des Krieges zu warten. Zum Deutsch-Ukrainischen Wirtschaftsforum, an dem am letzten Dienstag in Berlin rund 500 Interessierte teilnahmen, war eigens Regierungschef Denys Schmyhal mit vier seiner Minister angereist. Schmyhal versprach eine "Politik der maximalen Investitionserleichterungen". 

Seine Regierung hat einige Fokusbranchen ausgemacht, in denen Investoren aus dem Westen ein besonderer roter Teppich ausgerollt wird. Dazu gehört die Bauwirtschaft, ohne die ein Wiederaufbau von Gebäuden und Infrastruktur im gewünschten Umfang kaum möglich ist. Dem Land fehlt unter anderem eine eigene Glasproduktion. Nach offiziellen Angaben fehlen aber auch Zement-Kapazitäten von etwa 3 Mill. Tonnen pro Jahr. Bei Beton sind es sogar 10 Mill. Tonnen.

Bau, Militär, Energie

Geplant ist auch, die heimische Rüstungsindustrie kräftig ausbauen, was längst nicht nur mit dem aktuellen Krieg zu tun hat. In Kiew ist die Rede von einem "Wachstumsmotor", zu dem sich der Sektor mittelfristig entwickeln soll. Als beispielhaft gilt das im Mai auf den Weg gebrachte Joint Venture von Rheinmetall und dem Staatskonzern Ukrainian Defense Industry JSC. Dieses war Mitte Oktober von den ukrainischen Behörden registriert worden und soll künftig vor Ort bei Wartung, Montage, Produktion und Entwicklung von Militärfahrzeugen tätig sein. In Berlin fand vor einigen Tagen ein (Frühstücks-)Treffen von 25 weiteren deutschen Defence-Unternehmen mit dem ukrainischen Minister für strategische Industrien, Oleksandr Kamyshin, statt, der nun weitere Markteintritte erwartet.

Auch der Energie- und Rohstoffsektor bietet nach Meinung vieler Experten ein großes Potenzial für einen Ausbau der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen. Dabei geht es um Erdgasgeschäfte und mittelfristig um die Lieferung von grünem Wasserstoff, aber auch um kritische Rohstoffe. Die Ukraine hätte etwa Titan, Lithium oder andere seltene Erden im Angebot. Viele neue Projekte werden derzeit auch im Erneuerbaren-Bereich rund um Windkraft, Solar und Biomasse initiiert.

Auf Haushaltshilfen angewiesen

Die Frage ist aber, wie das ukrainische Energiesystem dem weiteren gezielten Beschuss der russischen Streitkräfte standhält. Im letzten Winter zählte Kiew 300 Treffer, die etwa die Hälfte der Infrastruktur zerstört haben – die zum Teil aber schnell repariert wurde. Dass die Energieversorgung weitgehend stabil blieb, bezeichnete Wirtschaftsminister Robert Habeck vor einigen Tagen noch als "menschengemachtes Wunder".

Neben der Energieinfrastruktur und unzähligen Wohngebäuden hat die Ukraine im bisherigen Kriegsverlauf auch schon rund 400 Schulen und 800 Gesundheitseinrichtungen wiederhergestellt. 17 zerstörte Brücken sind wieder befahrbar. Bei 53 weiteren laufen die Arbeiten noch. 150 Kilometer Schienenwege wurden repariert. Doch können Unternehmen bei ihren Investitionsentscheidungen darauf setzen, dass dies so weitergeht und die Infrastruktur im Land hält?

Die Ukraine wird auf jeden Fall ganz unabhängig vom weiteren EU-Beitrittsprozess auch in den nächsten Jahren noch viele Milliarden an Haushaltshilfen nötig haben. Hier sind vor allem EU und G7 gefragt. Hinzu kommen aber auch Engagements wie von deutscher Seite das der KfW, die schon seit den 1990er Jahren im Land aktiv ist. Über die KfW-Entwicklungsbank laufen aktuell unter anderem 31 Finanzierungsprojekte im Umfang von 1,26 Mrd. Euro. Dabei geht es ganz konkret um die Aufrechterhaltung staatlicher Funktionen und Infrastruktur-Nothilfe – elementare Maßnahmen für jedes weitere Wirtschaften auch in Kriegszeiten.