KommentarSiemens Energy

Ein Drahtseilakt

Ein Verlust von 4,6 Mrd. Euro ist eine Hausnummer. Vorstandsvorsitzender Christian Bruch ist der richtige Mann für den schwierigen Drahtseilakt, der nun vor Siemens Energy liegt. Der Konzern muss kapitalschonend wachsen.

Ein Drahtseilakt

Siemens Energy

Ein Drahtseilakt

Von Michael Flämig

Ein Verlust von 4,6 Mrd. Euro ist eine Hausnummer. Vorstandsvorsitzende sind schon für weitaus geringere Fehlbeträge in die Wüste geschickt worden. Wer aber das vierte Verlustjahr in Folge abliefert und in dieser Zeit mehr als 7 Mrd. Euro versenkt hat, wer zudem den Staat um Milliarden-Bürgschaften bitten muss, der hat normalerweise keine Chance, Aufsichtsräte und institutionelle Investoren gnädig zu stimmen.

Anders Christian Bruch. Der Vorstandsvorsitzende von Siemens Energy durfte am Mittwoch die Jahreszahlen präsentieren, ungeachtet des wochenlangen Tauziehens um Staatshilfe und des Absturzes des Aktienkurses. So seltsam es klingen mag: Der ausbleibende Rauswurf ist kein Drahtseilakt entscheidungsscheuer Aufseher, sondern ein wohldurchdachter Entschluss.

Bruch kommuniziert überzeugend, und dies ist im Kraftwerksgeschäft mit den vielen Kontakten in die Politik ein echtes Asset. Der frühere Linde-Manager kennt sich mittlerweile in der Energiebranche exzellent aus und hat kompetente Leute an die Schalthebel der Konzern-Macht gebracht. Als Spezialist im Anlagenbau kniet er sich tief in die Probleme des Windgeschäfts hinein, das branchenweit in einer tiefen Krise steckt und dessen zusätzliche hausgemachte Probleme aus der Zeit vor Bruchs Amtszeit rühren. Kurz: Bruch macht einen richtig guten Job. Wer also sollte es besser können?

Sicherlich gibt es diskutable Punkte: War es klug, kurz vor dem Auffliegen der Qualitätsprobleme den Windspezialisten Siemens Gamesa komplett zu übernehmen? Wohl kaum, hat sich nachträglich gezeigt. Aber mit dieser Fehleinschätzung steht Bruch nicht allein da. Investoren und auch diese Zeitung haben für eine Komplettübernahme plädiert. Der eigentliche Fehler ist schon beim Gamesa-Einstieg gemacht worden. Diese Transaktion fiel in die Zeit, als der heutige Energy-Aufsichtsratschef Joe Kaeser an der Spitze von Siemens stand.

Klar aber ist: Andauernde Verluste, mögen sie auch weitgehend unvermeidlich sein, sind trotzdem Mist. Siemens Gamesa muss zeigen, dass sich die Sparte schrittweise aus dem Schlamassel herausarbeitet. Negative Überraschungen sind verboten. Währenddessen darf Bruch das übrige Geschäft nicht aus den Augen verlieren. Dessen relative Stärke bewahrt den Konzern vor weit unangenehmeren Szenarien.

Siemens Energy arbeitet nun einen riesigen Auftragsberg ab. Dies ist toll, bindet aber viel Liquidität. Hier steht der wirkliche Drahtseilakt bevor: das Gleichgewicht zwischen Wachstum und Kapitalversorgung zu wahren.

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