LeitartikelUS-Immobilienmarkt

Ein Kompromiss mit positiven Folgen

Der US-Immobilienmarkt steht an einem Scheideweg. Ein historischer außergerichtlicher Vergleich beendet nämlich die überzogenen Maklerprovisionen und wird der Wirtschaft einen kräftigen Impuls geben.

Ein Kompromiss mit positiven Folgen

US-Immobilienmarkt

Kompromiss mit positiven Folgen

In den USA wird das Ende überhöhter Provisionen für Immobilienmakler der Wirtschaft einen Impuls verleihen.

Von Peter De Thier

Der Besitz eines Eigenheims war schon immer ein unverzichtbarer Bestandteil des „American Dream“. Etwa zwei Drittel der privaten Haushalte in den USA leben in einer Immobilie, die ihnen gehört. Bei den meisten Eigentümern handelt es sich um die wichtigste Investition, die sie jemals tätigen werden. Deren Wert wirkt sich auf das Konsumverhalten der Besitzer und somit die Gesamtwirtschaft aus. Doch der Besitz des eigenen Hauses hat einen Preis, denn im Schnitt halten Eigentümer nur zwölf Jahre an einer Immobilie fest und werden bis zum Lebensende vier bis fünf verschiedene Häuser besessen haben. Selten hinterfragen Eigentümer aber, warum sie mit jedem Verkauf einen beträchtlichen Teil des Kapitals, das ihnen die Wertsteigerungen beschert haben, an Maklerunternehmen abtreten müssen. 

Dieser umstrittene Brauch wird als Folge eines historischen Vergleichs zwischen Klägern und der National Association of Realtors (NAR), dem Dachverband der Immobilienmakler, bald der Vergangenheit angehören. Seit Jahrzehnten ist in der Branche eine Regel in Stein gemeißelt, die nichts anderes als eine wettbewerbswidrige Preisabsprache ist. Demnach zahlen Hauseigentümer 6% des Brutto-Verkaufspreises an die beteiligten Immobilienmakler. Wer den Verkäufer vertritt, kassiert ebenso 3% wie der Makler, der einen Kunden vermittelt. Da das durchschnittliche Eigenheim in den USA etwa 418.000 Dollar wert ist, müsste der Besitzer beim Verkauf den Maklern 25.000 Dollar überlassen, für Durchschnittsverdiener circa ein halbes Jahresgehalt, das ansonsten in den Konsum oder die Ersparnisbildung fließen könnte.

Schadenersatz in Millionenhöhe

Verhandlungen über die Höhe der Provision waren bisher praktisch ausgeschlossen. So konnte die NAR aufgrund ihrer faktischen Monopolstellung unabhängige, preisgünstigere Makler aus dem Markt verdrängen. Attraktive Immobilien, bei denen Verkäufer weniger als 6% zahlen wollten, verschwiegen Makler, weil es ihnen darum ging, ihre Provision zu maximieren. Die Gegenleistung für die hohen Gebühren: Die Makler machen ein paar Renovierungsvorschläge und verhandeln mit Kollegen, die Interessenten zur Besichtigung bringen. Dann schauen sie zu, während Eigentümer und Käufer vor einem Notar die Vertragsdokumente unterschreiben. Harte Arbeit, die Sachverstand und gründliche Recherche erfordert, argumentiert die NAR. Schnell verdientes und oft großes Geld für relativ wenig Einsatz, bemängeln hingegen Kritiker der Maklerbranche.  

Der Klage aus dem US-Staat Missouri lag eine zwingende Logik zugrunde. Die Eigentümer argumentierten, dass sie nicht 3% ihres Verkaufspreises einem Makler überweisen sollten, der im Auftrag des Käufers einen niedrigeren Preis durchgesetzt und somit gegen ihre Interessen gehandelt hat. Das sah die Jury ähnlich und verdonnerte die NAR wegen illegaler Preisabsprachen zu 1,8 Mrd. Dollar Schadenersatz. Der Vergleich lautet nun auf weniger als ein Viertel dieser Summe. Auch verbietet der Kompromiss Maklerunternehmen, Provisionssätze verbindlich vorzuschreiben und billigeren Konkurrenten Zugang zu dem „Multiple Listing Service“ zu verwehren, einer Datenbank, die sämtliche zum Verkauf angebotenen Immobilien enthält.   

Wertsteigerung der Immobilien

Unmittelbare Nutznießer der Einigung sind Hauseigentümer. Denn die niedrigeren Provisionen stellen eine Wertsteigerung ihrer Immobilie dar. Studien haben ergeben, dass Konsumenten je 1.000 Dollar an Wertsteigerung bei ihrer Immobilie 80 Dollar mehr ausgeben. Somit würden 15.000 Dollar an gesparten Maklergebühren bedeuten, dass 1.200 zusätzliche Dollar in den Kauf von Bekleidung, Restaurantbesuche, Urlaube oder Freizeitaktivitäten fließen. Der kumulative Vermögenseffekt würde einer Wirtschaft, die zu 70% vom Privatkonsum lebt, einen kräftigen und nachhaltigen Impuls geben. Leidtragende werden hingegen die Makler sein, von denen Hunderttausende der Branche den Rücken kehren könnten. Sie werden jenen Konkurrenten, die zu einem niedrigeren Preis dieselbe Leistung bieten, den Vortritt lassen.  Das ist gut so, denn in einer freien Marktwirtschaft sollten Angebot und Nachfrage, nicht wettbewerbswidrige Absprachen den Preis diktieren.

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