Im BlickfeldHalbleiterindustrie

Südkorea will Chipdominanz mit Megacluster sichern

Scharfe Konkurrenz aus China und Taiwan zwingt Samsung Electronics und SK Hynix zu Investitionen von über 400 Milliarden Euro in neue Fabriken.

Südkorea will Chipdominanz mit Megacluster sichern

Südkorea will Chipdominanz mit Megacluster sichern

Scharfe Konkurrenz aus China und Taiwan zwingt Samsung Electronics und SK Hynix zu Investitionen von mehr als 400 Mrd. Euro.  

Von Martin Fritz, Tokio

In ihrer Geschichte fühlten sich die Koreaner immer als „Krabbe unter Walen“, die gegen Großmächte in der Nachbarschaft ums Überleben kämpfte. So ergeht es Südkorea auch heute noch als erfolgreiche Industrienation: Diesmal fürchtet man, dass die eigene Halbleiterindustrie im Machtkampf der Wale China, Taiwan und USA untergeht. Südkorea exportierte 2022 Halbleiterwaren für 129 Mrd. Dollar, ein Anteil von 19% an den Ausfuhren. Eine Verringerung der nationalen Produktion würde die Wirtschaft hart treffen. „Korea steht an vorderster Front bei Halbleitern, was ökonomische Chancen erzeugt, aber auch verwundbar macht“, sagt Troy Stangarone vom Korea Economic Institute in Washington.

Die Sorge, ins Hintertreffen zu geraten, treibt Südkorea zu gigantomanischen Investitionen. Im Süden der Hauptstadt Seoul soll das weltgrößte Cluster für Halbleiter entstehen. Zusammen mit den nationalen Platzhirschen Samsung Electronics und SK Hynix fördert der Staat dort Investitionen von 622 Bill. Won (434 Mrd. Euro) bis 2047, etwa mit Steueranreizen. Präsident Yoon Suk-yel will extra die Atomenergie ausbauen, um den Energiebedarf des Halbleitersektors zu decken. Die nationale Selbstversorgung mit wichtigen Halbleitermaterialien und -ausrüstungen soll schon bis 2030 von 30% auf 50% steigen.

Samsung und SK Hynix dominieren mit einem Weltmarktanteil von über 60% schon länger die Produktion von Dram- und Nand-Speicherchips. Die extremen Speicherdichten erfordern immer höhere Investitionen, so dass auf diesem Sektor die Marktführung recht sicher ist. Doch schneller und stärker wächst der Bedarf an Prozessoren, die für Anwendungen der künstlichen Intelligenz maßgeschneidert sind. Marktführer Nvidia lässt seine KI-Prozessoren vor allem von TSMC herstellen, aber von diesem Kuchen möchte Samsung sich ein größeres Stück abschneiden. Dafür will der Konzern den Konkurrenten TSMC in der Waferproduktion bis 2030 überholen und dabei mehr Marktanteile erobern.

Fläche von 30.000 Fußballfeldern

Das geplante Cluster in Südkorea umfasst mehrere Industriezonen in der Provinz Gyeonggi mit einer Gesamtfläche von 21.000 Hektar, so groß wie fast 30.000 Fußballfelder. Zu den bestehenden 19 Fertigungsanlagen sollen bis 2047 weitere 16 hinzukommen, darunter drei für Forschungszwecke. Davon werden drei Werke und zwei Forschungsfabriken bis 2027 fertiggestellt. Nach Angaben des Industrieministeriums wollen Samsung und SK Hynix dort schon 2030 monatlich 7,1 Millionen Wafer produzieren. „Wenn wir den Bau des Halbleiter-Megaclusters zu einem früheren Zeitpunkt abschließen, werden wir die weltweit führende Wettbewerbsfähigkeit im Chipsektor erreichen“, erklärte Industrieminister Ahn Duk-geun.

Samsung Electronics will 500 Bill. Won (349 Mrd. Euro) in das Projekt investieren, davon 360 Bill. Won für sechs neue Produktionsstätten in Yongin 33 Kilometer südlich von Seoul. Vor einem Jahr hatte der Weltmarktführer für Speicherchips noch von einer Gesamtinvestition von 300 Bill. Won bis 2042 gesprochen. Weitere 120 Bill. Won fließen in den Bau von drei neuen Fabriken im Produktionskomplex Pyeongtaek und drei Forschungsfabriken in Giheung. SK Hynix wird nach offiziellen Angaben 122 Bill. Won (85 Mrd. Euro) für den Bau von vier neuen Fabriken in Yongin bereitstellen.

Auf diese Weise wappnet sich Südkoreas Halbleiterindustrie gegen die wachsende Konkurrenz aus China, Taiwan und den USA. Letztere fördern mit Subventionen von 52,7 Mrd. Dollar aus dem „CHIPS and Science Act“ die Ansiedlung von Halbleiterwerken. Daher baut Samsung bereits eine 17 Mrd. Dollar teure Chipfabrik in Texas. Auch TSMC verschärft die Rivalität: Quasi vor der Küste von Südkorea errichten die Taiwanesen in Kumamoto auf der japanischen Hauptinsel Kyushu gleich zwei Chipwerke, die Sony, Toyota und Denso beliefern sollen. Dazu baut TSMC weitere Werke in Dresden sowie im US-Bundesstaat Arizona, um Samsung auf Distanz zu halten.

Gleichzeitig forciert China den Aufbau einer eigenen Halbleiterindustrie, nachdem die USA die Halbleiterexporte im Highend-Bereich stark beschränkt haben. Mit dem verstärkten Export von Solarpanelen, Windturbinen, Elektroautos, Akkus und nun auch Chips will Präsident Xi Jinping die chinesische Wirtschaft ankurbeln. Daher fließen hohe Subventionen in den Chipsektor.

Einem Bericht des Marktforschers IJIWEI zufolge wird sich Chinas Halbleiterkapazität in den nächsten 5 bis 7 Jahren mehr als verdoppeln. 60% der Extrakapazitäten könnten laut einer Barclays-Prognose innerhalb der nächsten drei Jahre in Betrieb genommen werden. Wegen der US-Beschränkungen für den Maschinenexport kann China jedoch nicht die modernsten Chips herstellen. Jedoch könnte Chinas Überproduktion die Preise von Brot-und-Butter-Chips für Autos, Haushaltswaren und Konsumgeräten drücken und damit nicht chinesischen Herstellern erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten bereiten.

Nachfrage nach KI-Prozessoren

Die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz und die starke Nachfrage nach speziellen Prozessoren für das Trainieren von generativen Sprachmodellen erzeugt zusätzliche Nervosität bei den südkoreanischen Herstellern. OpenAI-Chef Sam Altman sucht derzeit Geldgeber für angeblich 5 bis 7 Bill. Dollar, um die KI-Chipproduktion zu erhöhen und die Abhängigkeit von Nvidia zu verringern. Altman besprach seine Pläne im Januar bereits mit Top-Managern von Samsung und SK Hynix, von TSMC sowie mit Softbank-CEO Masayoshi Son. Dabei soll es um Dutzende von neuen Chipfabriken gehen, was die südkoreanischen Expansionspläne dramatisch in Frage stellen würde.

Die USA beherrschen nach Angaben des Marktforschers Bloomberg Intelligence fünf der zehn Stufen der Liefer- und Produktionskette für Chips, darunter Etching, Beschichtung und Dotierung, während Japan und die Niederlande die übrigen Bereiche wie Waferreinigung und Lithografie kontrollieren. Damit hängt Südkoreas Schlüsselrolle als Chiphersteller von Technologien, Materialien und Fachwissen ab, die hauptsächlich den USA und ihren Verbündeten gehören.

Von Martin Fritz, Tokio

Dank einer unbefristeten Sondergenehmigung sind südkoreanische Hersteller von den US-Beschränkungen für China bisher ausgenommen, sie dürfen Ausrüstung und Maschinen für ihre bestehenden Fabriken dorthin importieren. Davon profitieren das Samsung-Werk für Nand-Speicherchips in Xian und die Nand-Fabrik von SK Hynix in Dalian. Doch die südkoreanischen Zweifel an einer rentablen Produktion in China wachsen. Mehrmals musste SK Hynix schon dementieren, es plane den Verkauf des Werks in Dalian, weil dessen Modernisierung nicht vorankommt. Das Werk hatte man erst im Dezember 2020 für 9 Mrd. Dollar von Intel übernommen.

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