Notiert in London

Viel besser als Kedgeree

London ist ein Zentrum der modernen indischen Küche geworden. Mit Fusion-Gerichten aus der Kolonialzeit wie Coronation Chicken oder Kedgeree und dem populären Chicken Tikka Masala hat das nichts zu tun.

Viel besser als Kedgeree

NOTIERT IN LONDON

Viel besser als Kedgeree

Von Andreas Hippin

Kennen Sie Kedgeree? Wer noch nicht irgendwo mit diesem Gericht der kolonialen Fusion Cuisine traktiert wurde, sei gewarnt. Es handelt sich zumeist um ein undefinierbares Geröstel aus bereits gekochtem Reis, Eiern, Fisch, Butter und Petersilie, das durch reichlich Currypulver unkenntlich gemacht wurde. Für die Resteverwertung ist es ideal. Deshalb taucht es wohl auch öfters auf den Speisekarten von britischen Pubs auf.

Es handelt sich um eine stark abgewandelte Version eines traditionellen Gerichts namens Khichdi, das sich einst bei den britischen Kolonialherren großer Beliebtheit erfreute. In der viktorianischen Zeit wurde Kedgeree zum Frühstück serviert.

Coronation Chicken Vol-au-Vents bei einem Empfang in Sandringham vor dem „Platinum Jubilee“. Photo: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Joe Giddens

Poulet Reine Elizabeth

Ähnlich verfremdet wird die indische Küche durch Coronation Chicken (Poulet Reine Elizabeth), ein gelbes Fleischgericht, das 1953 zur Krönung von Elizabeth II serviert wurde. Es kommt in den verschiedensten Formen auf den Tisch, unter anderem als Belag in den pappigen dreieckigen Sandwiches, die sich Angestellte als Teil ihres „Lunch Deals“ – Sandwich, Getränk und eine kleine Tüte Chips – im nächstgelegenen Mini-Supermarkt holen. Auch Chicken Tikka Masala, das von britischen Lieferdiensten meistgeorderte Curry-Gericht ist alles andere als authentisch.

Chicken Tikka Masala im Mecca Bingo Luton, England, Photo: picture alliance / Photoshot | -

Dabei hat man in London die Möglichkeit, sich von den besten indischen Chefs bekochen zu lassen. Bei den National Curry Awards wurde dieses Jahr „The Lane“ im Stadtteil Wanstead als Restaurant des Jahres ausgezeichnet. Asif Iqbal von der Manjal Restaurant Group holte den Titel „Koch des Jahres“. Er hat sich auf die Küche des indischen Südens und von Sri Lanka spezialisiert. Die Gruppe hat eine Niederlassung im Bankenviertel Canary Wharf, wo auch die indischen Restaurantketten Chai-ki und Dishoom vertreten sind.

Tooting lockt

Noch schwören viele auf die Curryhäuser in der Brick Lane. Wer allerdings keine Lust auf überhöhte Preise und Touristenhorden hat, sollte sich auf den Weg nach Tooting machen. Entlang der High Street dieses Viertels, aus dem der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan stammt, finden sich zahlreiche gute Restaurants und Imbisse, die Gerichte aus Sri Lanka anbieten. Wer mit der Northern Line zum U-Bahnhof Tooting Broadway fährt, kommt mitten im Geschehen an. Es empfiehlt sich allerdings, nicht darauf zu bestehen, so scharf zu essen wie die Einheimischen. In der Regel hat das Restaurantpersonal ein Gespür dafür, was der Gast verträgt. Die Mahlzeit sollte schließlich ein Genuss sein und nicht zur „Hot Chip Challenge“ werden. Natürlich gibt es auch gehobene indische Küche, innovative Chefs, die sich auch auf dem Subkontinent einen Namen gemacht haben.

Essen mit Stern

Tamarind und Zaika waren 2001 die ersten indischen Restaurants in Großbritannien, die einen Michelin-Stern erhielten. Mittlerweile wird der Markt für noble Mahlzeiten von zwei Gruppen dominiert: MW Eat, zu der unter anderem Amaya und Chutney Mary gehören, und JKS Restaurants, das unter anderem Brigadiers und das ganz ausgezeichnete Trishna im Portfolio hat.

Genuss und Selbstkasteiung

An Menschen, für die Genuss ohne Selbstkasteiung undenkbar geworden ist, wendet sich eine Initiative von Hilton. Sie weist als erste Hotelkette in Großbritannien auf den CO2-Fußabdruck der von ihr angebotenen Gerichte hin. Ein Ribeye-Steak aus heimischer Aufzucht schlägt demnach mit 8,1 kg zu Buche, der „Smash Burger“ mit 6,1 kg. Das ist wesentlich mehr als die Treibhausgasbelastung durch ein „Post Fish Finger Sandwich“, die auf 0,6 kg veranschlagt wird.

Man könnte Rindfleisch natürlich ganz von der Karte nehmen, aber dann würden die Hotelgäste wohl anderswo essen. Also belässt man es beim erhobenen Zeigefinger. Doch ignoriert Hilton eine Chance auf mehr Erlös. Würde man schuldbewussten Fleischessern die Möglichkeit geben, ihre Emissionen durch Ablasszertifikate aus dem freiwilligen Heißlufthandel auszugleichen, bliebe am Ende noch mehr Geld in der Kasse.