Bundesbank

Spekulation um Weidmann-Nachfolge

Die Bundesregierung muss einen Nachfolger finden für Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der Ende des Jahres vorzeitig zurücktritt. Jetzt mehren sich die Spekulationen um einen alten Bekannten bei der Notenbank.

Spekulation um Weidmann-Nachfolge

Von Mark Schrörs, Frankfurt,und Angela Wefers, Berlin

Als Joachim Nagel im Frühjahr 2016 die Deutsche Bundesbank verließ, um zur Förderbank KfW zu wechseln, sagte er mit Blick auf die 17 Jahre bei der Notenbank im Interview der Börsen-Zeitung: „Ich möchte keinen Tag bei der Bundesbank missen.“ Womöglich kommen jetzt noch viele Tage, weil einige Jahre hinzu. Der heute 55-Jährige gilt als ein heißer Anwärter für die Nachfolge von Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der Ende des Jahres vorzeitig aufhört. Die „Financial Times“ bezeichnete ihn jetzt gar als „bevorzugten Kandidaten“ der SPD, die darüber entscheidet. Eine Entscheidung ist aber noch nicht gefallen – und es gibt neben vielen Gründen, die für Nagel sprechen, auch einige Argumente gegen ihn.

Für Nagel spricht sicher, dass er ein erfahrener Währungshüter ist, der in seiner Zeit bei der Bundesbank auch in europäischen und internationalen Notenbankkreisen einen sehr guten Ruf genoss und in der Welt der Geldpolitik bestens verdrahtet ist. Er ist zudem promovierter Ökonom und ein ausgewiesener Kenner der Finanzmärkte – was für die Notenbanken in den vergangenen Jahren im­mer wichtiger geworden ist. Derzeit ist er für die Zentralbank der Zentralbanken BIZ aktiv, eine wichtige Denkschmiede für die internationale Geldpolitik. 2020 war er von der BIZ dorthin gewechselt. Er ist aktuell Vize-Chef der Banking-Abteilung.

Für Nagel spricht zudem, dass er geldpolitisch in das gesuchte Profil passt: Einerseits hat er in seinen 17 Jahren die Bundesbank-DNA verinnerlicht, und er steht für die stabilitätspolitische Orientierung der Notenbank. Immer wieder äußerte er sich durchaus auch kritisch zur ultralockeren Geldpolitik. Zugleich gilt er als pragmatisch und kompromissfähig. Das scheint umso wichtiger, als in den vergangenen Jahren immer wieder deutsche Notenbanker im Streit über die EZB-Politik vorzeitig aus dem Direktorium oder dem Rat der Zentralbank ausgeschieden sind – was in Europa ein Thema ist. Nagel wäre darüber hinaus auch intern sehr gut vermittelbar. Auch in der Bundesbank hatte er sich einen guten Ruf erworben. 2010 war er sogar der Erste, der den Sprung vom Posten des Zentralbereichsleiters – der Ebene unterhalb des Vorstands – in das Führungsgremium schaffte.

Das Prädikat eines Kenners der Finanzmärkte kann auch Finanzstaatssekretär Jörg Kukies für sich reklamieren. Der frühere Goldman-Sachs-Banker – mit einem Master in öffentlicher Verwaltung der Harvard University und einem Ph.D. in Fi­nance von der Universität Chicago – ist in den vier Jahren als Spitzenbeamter im Bundesfinanzministerium zu einem engen Vertrauten des künftigen Bundeskanzlers, Olaf Scholz (SPD), geworden. SPD-Stallgeruch hatte er nicht, als er als Co-Vorstandsvorsitzender und Leiter der Frankfurter Niederlassung von Goldman Sachs im Frühjahr 2018 ins Ministerium wechselte. Erst mit diesem Schritt wurde seine Juso-Vergangenheit breiter publik.

Scholz setzt stark auf Vertraute in seinem Wirkungskreis und Umfeld. Der künftige Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt begleitet ihn schon seit Jahrzehnten in unterschiedlichsten Positionen. Ein Bundesbankpräsident mit guten Kontakten ins Kanzleramt war auch Noch-Amtsinhaber Jens Weidmann, der zuvor die Wirtschaftsabteilung in der Schaltzentrale der Regierung lenkte.

Kukies wurde zwar auch schon als Anwärter auf den Posten des wirtschaftspolitischen Beraters des Kanzlers gehandelt, den nach dem Weggang Weidmanns zur Bundesbank der Ökonom Lars-Hendrik Röller für Kanzlerin Angela Merkel (CDU) innehat. Für Kukies aber wäre es formal ein Abstieg vom Staatssekretär zum Abteilungsleiter – auch mit empfindlichen Einbußen in der Besoldung. Eine vertraute Person an der Spitze der Bundesbank zu etablieren, würde dem Politikstil von Scholz entsprechen. Auf dem internationalen Parkett wie der G20, G7 oder dem Internationalen Währungsfonds (IWF), wo Bundesfinanzminister und Bundesbankpräsident in der Regel gemeinsam unterwegs sind, könnte die SPD mit einem Vertrauten ein Gegengewicht zum künftigen FDP-Finanzminister Christian Lindner aufbauen.

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