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VW-Patriarch mit bleibenden Verdiensten

Von Carsten Steevens, Hamburg Börsen-Zeitung, 28.8.2019 Er galt als begnadeter Ingenieur und hat aus dem Wolfsburger Autobauer Volkswagen einen Weltkonzern geformt, der heute vom Ducati-Motorrad bis hin zu Lastwagen der Marken MAN und Scania das...

VW-Patriarch mit bleibenden Verdiensten

Von Carsten Steevens, HamburgEr galt als begnadeter Ingenieur und hat aus dem Wolfsburger Autobauer Volkswagen einen Weltkonzern geformt, der heute vom Ducati-Motorrad bis hin zu Lastwagen der Marken MAN und Scania das volle Sortiment an Straßenfahrzeugen bietet und 660 000 Mitarbeiter beschäftigt: Ferdinand Piëch ist tot. Der gebürtige Wiener, der von 1993 bis 2002 Vorstandsvorsitzender und anschließend bis April 2015 Aufsichtsratschef von Volkswagen war, starb im oberbayrischen Rosenheim im Alter von 82 Jahren.Der Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche, der nach einem Maschinenbau-Studium in Zürich und einigen Jahren bei Porsche 1972 zu Audi kam und dort aufstieg, hat Volkswagen bestimmt wie kaum ein anderer vor ihm und darüber hinaus auch die deutsche Autoindustrie maßgeblich geprägt. Bevor er 1993 als Nachfolger von Carl Hahn den Vorstandsvorsitz bei Volkswagen übernahm, profilierte sich Piëch bei Audi in der technischen Entwicklung. Auch wenn nicht alle Initiativen ein Verkaufserfolg wurden, trugen Innovationen wie die Aluminiumkarosserie in Leichtbauweise, der permanente Allradantrieb und der TDI-Motor mit Dieseldirekteinspritzung zum Aufbau der Tochter als Premiummarke und als Rivale von BMW und Mercedes bei. 1988 rückte Piëch, drittes Kind des Wiener Anwalts Anton Piëch und von Ferdinand Porsches Tochter Louise, an die Audi-Spitze. “Fugen-Ferdl”Bei VW, zum Start von Piëch in Wolfsburg tief in der Verlustzone, gelang es dem neuen Vorstandschef, durch Optimierung bei Produktion und Beschaffung, durch weitreichende Restrukturierungsmaßnahmen bald schwarze Zahlen zu schreiben. Prägend für die Ära Piëch wurden ein hoher Qualitätsanspruch – seine Detailversessenheit brachte ihm dem Spitznamen “Fugen-Ferdl” ein – sowie der Einstieg in das hochpreisige Luxus- und Sportwagensegment mit Marken wie Bugatti, Lamborghini und Bentley sowie in das Lastwagen- und Motorradgeschäft. Dabei zeigten Entwicklungen wie der Drei-Liter-Lupo und der Prototyp eines noch verbrauchsärmeren Fahrzeugs immer wieder auch das Bestreben, mit technischen Innovationen Grundlagen für den wirtschaftlichen Erfolg der Zukunft zu legen. Nicht alles ging dabei mit wirtschaftlichen Erfolgen einher – wie die Entwicklung des 2016 eingestellten Oberklassemodells Phaeton zeigte.Vorhaben setzte Piëch in aller Regel mit genauem Plan und mit Ausdauer durch. Sein Harmoniebedürfnis sei dabei begrenzt, sagte er einmal. Bernd Pischetsrieder etwa, sein Nachfolger als VW-Vorstandschef, den Piëch selbst von BMW aus München nach Wolfsburg geholt hatte, demontierte der Machtmensch aus Salzburg. Anfang 2007 wechselte der als “Ziehsohn” geltende Martin Winterkorn von der Audi-Spitze auf den Chefsessel bei Volkswagen. Als Vorstandschef von VW könne man nicht gegen die Arbeitnehmer agieren, so Piëch gegenüber einem Journalisten, die Vertragsverlängerung sei eine “offene Frage” – kurz darauf war das Schicksal von Pischetsrieder in Wolfsburg besiegelt. Abrupter Abschied Wie auch in späteren Jahren noch, nutzte der VW-Aufsichtsratschef lapidare Äußerungen, auch nur wenige Worte dazu, um sich durchzusetzen und um Managerkarrieren zu beenden. So ging Piëch im April 2015 für Außenstehende überraschend auch auf Abstand, um diesen als seinen Nachfolger an der Spitze des Kontrollgremiums zu verhindern. “Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.” Mit diesem Satz, mit dem ihn der “Spiegel” zitierte, leitete Piëch jedoch zugleich sein abruptes Ende im VW-Konzern ein. Der mächtige Betriebsratschef Bernd Osterloh und die IG Metall sowie das mit 20 % an VW beteiligte Land Niedersachsen stützten Winterkorn. Piëch gab den Aufsichtsratsvorsitz am 25. April 2015 auf und zog sich zurück. Dass schließlich doch nicht Winterkorn, sondern der langjährige VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch im Oktober 2015 an die Aufsichtsratsspitze rückte, lag am Dieselabgasskandal, der kurz zuvor bekannt wurde und für den Winterkorn als Vorstandschef die Verantwortung übernahm, obwohl er sich, wie er bei seinem Rücktritt erklärte, “keines Fehlverhaltens bewusst” sei.Mit seinem Abgang als VW-Aufsichtsratsvorsitzender zog sich Piëch auch weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Das Aufsichtsratsmandat bei der VW-Mehrheitsaktionärin Porsche SE behielt er noch bis Ende 2017. Kurz vor seinem 80. Geburtstag am 17. April 2017, der anders als zehn Jahre zuvor ohne Feierlichkeiten blieb, hatte Piëch bereits den Großteil seines Aktienpakets an Mitglieder der Familien Porsche und Piëch abgegeben, von denen er sich aber offenbar ebenfalls entfremdete. Kritiker sehen in der von Piëch etablierten und von Winterkorn fortgesetzten Führungskultur, die keinen Widerspruch duldete und ein Klima der Angst schuf, einen Grund für den Abgasskandal, der Volkswagen inzwischen rund 30 Mrd. Euro kostet. Im Zuge des seit 2015 forcierten Umbruchs in Richtung Elektromobilität und Zukunftstechnologien hat der Konzern auch frühere Maßstäbe verabschiedet und sich neue Leitsätze für die Unternehmenskultur gegeben. Zu diesen gehören unter anderem: “Wir agieren ehrlich, offen und aufrichtig statt hintenherum”, “Wir führen unser Unternehmen dezentral statt zentralistisch” und “Technologisch stehen wir eher für Drei- statt für Zwölfzylinder”. Fahnen auf HalbmastZum Gedenken an Ferdinand Piëch setzte Volkswagen in verschiedenen VW-Werken Fahnen auf Halbmast. Aufsichtsratschef Pötsch erklärte, Piëch habe als leidenschaftlicher Manager, genialer Ingenieur und als visionärer Unternehmer Automobilgeschichte geschrieben. Die Entwicklung des Automobils, der Industrie und vor allem von Volkswagen zum globalen Mobilitätskonzern habe er maßgeblich gestaltet, vorangetrieben und geprägt. “Unser Unternehmen und seine Menschen haben Prof. Piëch unendlich viel zu verdanken.” Herbert Diess, seit Juli 2015 bei Volkswagen und seit April 2018 an der Vorstandsspitze, sagte, Piëch habe Qualität und Perfektion bis ins Detail in den Automobilbau gebracht und tief in der Volkswagen-DNA verankert. “Ich schaue mit Dankbarkeit und großem Respekt auf seine Lebensleistung.”Auch Familiensprecher würdigten das Lebenswerk des Verstorbenen. “Wir trauern mit der Familie um Ferdinand K. Piëch, den außergewöhnlichen Manager und Ingenieur, den Strategen und ganz einfach auch den Auto-Enthusiasten, der er zeitlebens war”, so Wolfgang Porsche, Aufsichtsratschef der in Stuttgart ansässigen Porsche SE. Das “Erbe unseres Großvaters Ferdinand Porsche” habe man zusammen “erfolgreich weitergeführt”. Hans Michel Piëch, stellvertretender Chef des Porsche SE-Kontrollgremiums, sagte, das Lebenswerk seines Bruders reiche weit über die Unternehmen hinaus, für die er tätig war. “Er hat die deutsche Automobilindustrie geprägt wie kein Zweiter.” “Beiträge unvergessen”Für Niedersachsen sagte Ministerpräsident und VW-Aufsichtsratsmitglied Stephan Weil, Piëch habe sich um Volkswagen und damit auch um Niedersachsen “große und bleibende Verdienste erworben”. Der langjährige Erfolg von Volkswagen sei nicht zuletzt Piëch zu verdanken. In Niedersachsen seien viele Tausend sichere und gut bezahlte Arbeitsplätze und leistungsfähige wirtschaftliche Strukturen geschaffen worden, “die bis auf den heutigen Tag die wirtschaftliche Grundlage unseres Landes prägen”. Die Beiträge von Ferdinand Piëch für diese Entwicklung seien unvergessen. “Dass die langjährige gute Zusammenarbeit mit dem Land Niedersachsen im Jahr 2015 unter schwierigen Bedingungen beendet werden musste, habe ich sehr bedauert”, so der SPD-Politiker. Der Verband der Automobilindustrie (VDA), deren Vizepräsident der frühere VW-Chef von 1992 bis 2002 war, erklärte, die Verdienste Piëchs um den Verband und die deutsche Autoindustrie blieben unvergessen.