Persönliche Interaktion bleibt unentbehrlich

Bereits im Jahr 2020 sagte Bill Gates voraus, dass mehr als die Hälfte der Geschäftsreisen dauerhaft verschwinden und ein Drittel der Büropräsenz ebenfalls wegfallen würden. Hybride Modelle von Geschäftsreisen sind auf dem Vormarsch.

Persönliche Interaktion bleibt unentbehrlich

Die Covid-19-Pandemie hatte die Geschäftsreisebranche 2020 radikal einbrechen lassen. Waren es 2019 noch rund 195 Millionen Geschäftsreisen, sank das Volumen nach Angaben des Verbandes Deutsches Reisemanagement im Corona-Hauptjahr auf rund 33 Millionen und stieg auch 2021 nur moderat auf etwa 41 Millionen. Die Umstellung auf Videokonferenzen und Heimarbeit hatte nicht nur erstaunlich schnell geklappt, sondern funktioniert seitdem auch weiterhin gut. Schnell wurde deutlich, dass die solchermaßen erzwungenen Reise-Verhaltensänderungen zu einem dauerhaften Kulturwandel führen würden.

Doch wie sieht es abgesehen von den Fahrten zur Arbeit im Bereich der Dienstreisen aus? Nach Angaben des Luftfahrtverbandes IATA (International Air Transport Association) werden die Nettoverluste der Fluggesellschaften weltweit für das vergangene Jahr voraussichtlich noch 6,9 Mrd. Dollar betragen. Dies ist nicht nur eine deutliche Verbesserung gegenüber den Verlusten der Branche von 137,7 Mrd. Dollar im Jahr 2020 und 42,1 Mrd. Dollar im Jahr 2021, sondern liegt auch unter einer früheren Schätzung des für 2022 erwarteten Verlusts von 9,7 Mrd. Dollar.

Für 2023 rechnet die IATA bereits mit einer Rückkehr in die Gewinnzone. Demnach werden die Fluggesellschaften in diesem Jahr voraussichtlich bei einem Umsatz von 779 Mrd. Dollar einen globalen Nettogewinn von 4,7 Mrd. Dollar erwirtschaften. Das ist angesichts geopolitischer Unsicherheiten, eines sich verlangsamenden globalen Wirtschaftswachstums sowie den hohen Kerosinpreisen erstaunlich.

Auch die Pandemie, obwohl noch nicht ganz vorbei, hat im dritten Covid-Winter trotz der erneuten Ausbrüche in China offensichtlich einen Großteil ihres Bedrohungspotenzials verloren. Aber während sich der Trend zum hybriden Arbeiten mit einem Mix aus Heimarbeit und Büroanwesenheit im öffentlichen Personennahverkehr und auf den Straßen deutlich bemerkbar macht, lässt all dies noch keine hinreichenden Rückschlüsse darauf zu, wie sich der Dienstreiseverkehr langfristig entwickeln wird.

Bill Gates behält recht

Bereits im Jahr 2020 sagte Bill Gates voraus, dass mehr als die Hälfte der Geschäftsreisen dauerhaft verschwinden und ein Drittel der Büropräsenz ebenfalls wegfallen würden. Vieles spricht dafür, dass er damit recht behalten wird. Ein wichtiger Nebeneffekt der Tatsache, dass immer weniger Arbeitnehmer bereit sind, dauerhaft ins Büro zurückzukehren, ist das von den Unternehmen in diesem Zusammenhang entdeckte beträchtliche Einsparpotenzial. Na­türlich werden die Büroflächen in der Stadt nicht verschwinden, aber viele Betriebe haben sie bereits so weit reduziert, dass schon nicht mehr alle Mitarbeiter gleichzeitig vor Ort arbeiten könnten.

Ein kultureller Bewusstseinswandel und eine infolgedessen entstandene und sich verschärfende Nachhaltigkeitsgesetzgebung wird darüber hinaus nicht nur die stationären Arbeitsmodelle beeinflussen, sondern auch das dienstliche Reisen. War die Einhaltung von ESG-Kriterien (Um­welt-, Sozial- und Un­ternehmensführungsas­pekte) zu Be­ginn vielerorts nur ein schmuckvolles Etikett, so ist daraus inzwischen ein knallharter Wettbewerbsfaktor geworden. Unter diesen Gesichtspunkten scheinen die klassische Geschäftsreise, bei der die Dauer des Fluges die der Besprechungen deutlich übersteigt, sowie das prestigeträchtige Meilensammeln auf breiter Front der Vergangenheit anzugehören.

Darüber hinaus gibt es jedoch auch längerfristige, strukturelle Veränderungen im globalen Dienstreiseverhalten. Gemeint sind kleinere Unternehmen, die dennoch überregionale Absatzmärkte haben. Diese sind oft dezentral organisiert und unterhalten Vertriebseinheiten in der jeweiligen Absatzregion, Dienstreisen mit Flug und Übernachtung fallen seltener an. Werden diese dennoch nötig, stehen den Unternehmen vergleichsweise limitierte Budgets zur Verfügung. Aufgrund dieser bereits vor der Pandemie gültigen Rahmenbedingungen – Dienstreisen nur wenn unbedingt nötig bei kleineren Etats je Einheit – ist davon auszugehen, dass sich dieses Segment sehr viel schneller erholt und die pandemieinduzierten Einbrüche so teilweise kompensiert werden können.

Touristische Elemente

Klar ist, dass es auch weiterhin Bereiche geben wird, in denen die Anwesenheit wichtig ist. So lassen sich bei wichtigen Verkaufspräsentationen Argumente im persönlichen Gespräch nicht nur überzeugender vortragen, sondern auch frei von Übertragungsproblemen oder sonstigen potenziellen Störungen. Auch gibt es Situationen, in denen persönliche Treffen gesetzlich vorgeschrieben sind oder vom Kunden gefordert werden. Schließlich werden auch Führungskräfte von Unternehmen mit dezentralen Standorten oder andere Mitarbeiter mit repräsentativen Verpflichtungen weiterhin regelmäßig auf Geschäftsreisen gehen müssen.

Zudem werden sich vermutlich auch die Interaktionsmodelle insgesamt ändern. Die Heimarbeit hat dazu geführt, dass der Bedarf an zumindest gelegentlichen Zusammentreffen in größerer Gruppe gestiegen ist. Es mag banal klingen, aber ansonsten wäre es möglich, bestimmte Kollegen über Monate oder sogar Jahre nicht zu sehen, da man sich im Büro nicht mehr über den Weg läuft. Personalabteilungen sind sich der Wirkungen bewusst, die persönliche Kontakte auf den Menschen als soziales Wesen haben und versuchen darauf zu reagieren. Etwa mit Retreats, worunter man Zusammenkünfte außerhalb des Firmengeländes versteht, die Urlaubselemente mit Meetings und Workshops verbinden.

Ein weiterer Trend, der durch Pandemie und Telearbeit verstärkt wurde, wird als Workation – eine Kombination aus Arbeit (Work) und Urlaub (Vacation) – oder Bleisure (aus Business und Leisure) bezeichnet. Beides meint eine Geschäftsreise, die mit touristischen Aktivitäten und Urlaubselementen kombiniert wird. Nicht zu vergessen ist auch die Vielzahl an Konferenzen und Messen, die während der Lockdowns ausgefallen sind oder nur virtuell stattfinden konnten. Doch auch zusammengenommen werden diese Entwicklungen den Rückgang des Dienstreisevolumens wohl nicht vollständig kompensieren.

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