Brembo legt mit der Oberklasse zu
Der italienische Bremsenanbieter Brembo ist mit seiner Ausrichtung auf Luxusautoanbieter als Kunden zuletzt gut gefahren. Neben dem Gros der Formel-1-Teams setzen etwa Porsche, Daimler, BMW und Tesla auf die Bremsscheiben aus Italien.- Herr Bombassei, Brembo hat die Krisenjahre bestens überstanden und erwartet in diesem Jahr sowohl einen Rekordumsatz als auch einen Rekordgewinn. Wie lautet Ihr Erfolgsrezept?Wir haben im ersten Halbjahr 2016 den Umsatz um 10,5 % auf 1,15 Mrd. Euro und den Nettogewinn um knapp 43 % auf 127 Mill. Euro erhöht. Die Ebit-Marge hat sich innerhalb eines Jahres von 11,7 auf 15,1 % erhöht. Analysten erwarten für 2016 einen Nettogewinn bis zu 240 Mill. Euro. Das ist eine realistische Zahl. Ausschlaggebend für den Erfolg ist zweifellos unsere globale Wachstumsstrategie. Wir haben im Krisenjahr 2009, obwohl der Umsatz um ein Viertel zurückfiel, rund 600 Mill. Euro investiert. Vor allem im Ausland, in Länder, in die auch die deutsche Automobilindustrie ihre Produktion ausgelagert hat. Wir haben sozusagen unsere Kunden wie Daimler, BMW und andere ins Ausland begleitet. Allerdings ist unsere ausländische Produktion vorrangig für die Auslandsmärkte bestimmt.- In welchen Ländern haben Sie Ihre neuen Standorte aufgebaut. Werden Sie auch in Afrika investieren?In den letzten Jahren haben wir unsere Investitionen in China, Indien, den USA und Polen erweitert. In dieser Woche eröffnen wir ein neues Werk in Mexiko. Insgesamt haben wir Produktionswerke in elf verschiedenen Ländern. Afrika steht derzeit nicht auf unserer Investitionsliste. Die Automobilindustrie fokussiert sich dort primär auf das untere und mittlere Segment doch wir sind primär im höheren Preissegment zu Hause. Ich will jedoch nichts ausschließen. Sollte etwa BMW, Mercedes, Porsche oder ein anderer im Oberklassesegment tätiger Autobauer nach Afrika gehen, dann werden wir diesen Standort auch in Betracht ziehen.- Deutschland war bislang Ihr wichtigster Auslandsmarkt. Nun rücken die USA an erste Stelle. Hat das mit Dieselgate zu tun?Keineswegs. Wissen Sie, dass Volkswagen nach der Diesel-Affäre mehr Pkw in Italien abgesetzt hat als im Jahr zuvor? Aber wir sind ohnehin auf ein anderes Marktsegment fokussiert als VW. Die deutschen Automobilmarken zählen zu unseren wichtigsten Kunden. Aber wir beliefern inzwischen die deutschen Autobauer mit unseren Bremsen auch direkt an ihren ausländischen Standorten, wo wir ebenfalls präsent sind. Das wirkt sich natürlich auf den Umsatz in Deutschland aus. Wir haben allerdings auch von der Pkw-Hochkonjunktur am US-Markt profitiert. Unser neues Werk in Mexiko, das wir in dieser Woche eröffnen, beliefert auch Tesla.- Ist die Brembo-Erfolgsgeschichte auch darauf zurückzuführen, dass der Italienmarkt nur mehr einen geringen Teil Ihres Umsatzes ausmacht und Sie die Wachstumskrise hier nicht so sehr zu spüren bekamen?Der Anteil des Binnenmarktes liegt nur noch bei 12,5 %.- Sie sind in den vergangenen Jahren mehrere Joint Ventures mit deutschen Unternehmen eingegangen. In Indien haben Sie inzwischen die Anteile von Bosch am gemeinsamen Unternehmen übernommen. Sie betreiben auch seit 2009 ein Joint Venture mit SGL Carbon.Es handelt sich um ein paritätisches Joint Venture und so soll es auch bleiben. Wir haben zwei Produktionswerke, eines in Meitlingen und eines in Bergamo, wo die innovativen Karbonkeramik-Bremsscheiben hergestellt werden.- Wie sehen Sie die Zukunft im Automobilbereich?Dem Elektroauto gehört die Zukunft, daran hege ich keinerlei Zweifel. Wir sind für diesen Markt gerüstet und etwa der einzige Bremsen-Lieferant für den US-Hersteller Tesla. Was das autonom fahrende Auto betrifft, so kann ich mich mit dieser Idee nicht ganz anfreunden. Auch weil ich selbst liebend gern Auto fahre. Und was die Robotik im Pkw-Bereich betrifft, so war ich positiv überrascht, zu hören, dass bei Mercedes-Benz neuerdings Roboter wieder von Arbeitern ersetzt werden. Ich plädiere für eine verbesserte Ausbildung unserer Arbeitskräfte.- Analysten erwarten eine Dividendenerhöhung 2017. Welchen Anteil hat die Ausschüttung am Gewinn?Derzeit 30 %. Wir haben keine Dividendenerhöhung vorgesehen, aber es ist zu früh, um Angaben über 2017 zu geben.- Die Brembo-Aktie hat in den letzten zwölf Monaten bei einer äußerst flauen Entwicklung der Börse kapp 50 % zugelegt. Spiegelt die Kursentwicklung die Geschäftsentwicklung wider?Ja, laut Analysten haben die Kurse noch mehr Potenzial. Im Oktober wurden wir erstmals in den FTSE MIB Blue Chips Index aufgenommen.- Die Familie Brembo hält noch mit 51 % die absolute Mehrheit des mit über 3 Mrd. Euro kapitalisierten Unternehmens. Soll das auch in Zukunft so bleiben?Ich habe nicht die geringste Ambition, dass sich dies ändert.- Dem italienischen Familienkapitalismus wurde schon des Öfteren der Tod vorhergesagt. Aber Ihr Unternehmen ist ein Aushängeschild für den Familienkapitalismus. Wie sehen Sie die Zukunft?Ich sehe keinen großen Unterschied zum italienischen Familienkapitalismus und jenen in anderen Ländern. Wir haben rechtzeitig investiert und der Globalisierung Rechnung getragen. Der wichtige deutsche Markt wurde für uns zum Heimmarkt. Auch investieren wir kräftig in Forschung und Entwicklung. Brembo wird von Managern und nicht von der Familie geleitet. Aber so wie wir gibt es zahlreiche ähnliche Familienunternehmen in Italien, ich denke etwa an Campari oder Luxottica, an Barilla oder Ferrero. Richtig ist, dass hier zahlreiche Kleinunternehmen nicht mit der Globalisierung Schritt hielten, nicht genügend investierten und somit an Wettbewerbsfähigkeit verloren haben. Italiens Unternehmen müssen wachsen.- Ist die Fremdfinanzierung ein Problem für Italiens Unternehmen?Sie sind mit ihrer Finanzierung noch sehr von den Banken abhängig. Doch in letzter Zeit zeigen sich neue Alternativen zu Bankfinanzierung, etwa Fonds oder das Börsensegment für Kleinunternehmen AIM.- Italiens Wirtschaft wächst langsamer als die Wirtschaft in anderen Industriestaaten. In jüngster Zeit ist eine Debatte zwischen Politik und Institutionen ausgebrochen, ob das BIP 2017 nur 0,8 % oder 1 % wächst. Was ist Ihre Meinung?Ich finde es einen Wahnsinn, wenn sich Politiker und Parlamentarier tagelang einzig damit beschäftigen, ob das Wachstum 0,8 oder 1 % ausmacht. Vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen im Nahen Osten, vor den Auswirkungen des Brexit und den Präsidentenwahlen in den USA konzentrieren sich Italiens Politiker voll auf Dezimalstellen beim Wachstum und auf die bevorstehende Volksabstimmung über die Verfassungsreform.- Werden Sie für die Verfassungsreform stimmen?Auf jeden Fall. Es ist eine einmalige Chance zum Aufbrechen verkrusteter Strukturen. Zudem würden mit der Abschaffung des “perfekten Zweikammersystems” die Gesetzgebung beschleunigt und 500 Mill. Euro an Kosten gespart.- Befürchten Sie eine Regierungskrise, falls die Verfassungsreform nicht durchgeht?Ich befürchte vor allem weniger Stabilität in der Politik, was sich laut den internationalen Investoren auf die Finanzmärkte auswirken könnte. Bereits derzeit steht Italien still. Investoren warten nach ihren eigenen Angaben auf den Ausgang der Volksabstimmung, um sich hier zu engagieren. Auch das angepeilte Comeback von italienischen Wissenschaftlern und Forschern würde durch eine Absage zur Verfassungsreform gebremst werden.—-Das Interview führte Thesy Kness-Bastaroli.