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Conti-Chef wählt lieber Florett als Säbel

Eine komplette Trennung vom Automotive-Geschäft ist nach dem Kapitalmarkttag von Continental vorerst vom Tisch. Ein überstürzter Abschied wäre aus verschiedenen Gründen auch keine gute Idee.

Conti-Chef wählt lieber Florett als Säbel

Continental

Besser Florett
als Säbel

Von Sebastian Schmid

Die Spekulationen schossen schon vor dem Kapitalmarkttag von Continental ins Kraut. Kein Wunder: Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle soll eine Abspaltung des Automotive-Geschäfts, die größte Sparte des Konzerns, angeregt haben. Die Aktie, die auf Zweijahressicht deutlich im Minus liegt, kann Impulse wahrlich gebrauchen. Was nun am Montag den Investoren vorgestellt wurde, ist indes eher eine Modifikation der bestehenden Strategie als eine radikale Neuausrichtung.

Auf eigene Beine soll zunächst der Automotive-Bereich UX gestellt werden. Auf den ersten Blick ist das nicht leicht nachzuvollziehen. In der Display-Technologie zählt Continental zur Weltspitze. So setzt etwa BMW in seinen Modellen auf geschwungene Bildschirme und Head-up-Displays der Hannoveraner. Conti-CEO Nikolai Setzer bescheinigt dem Geschäft gute Aussichten. Was auch sonst? Einem erwarteten Umsatz von 3,5 Mrd. Euro im laufenden Jahr steht ein Auftragsbestand in gut doppelter Höhe gegenüber. Allerdings kann es gut sein, dass das Geschäft zunehmend ein reines Hardware-Business wird, in dem die Integration in Fahrzeugsysteme eine immer geringere Rolle spielt. Damit verlöre die spezielle Expertise von Conti tendenziell an Wert.

Zudem will Conti die Optionen für weitere Teile des Autogeschäfts prüfen, die ein Umsatzvolumen von 1,4 Mrd. Euro aufweisen. Insgesamt wird also hinter knapp ein Viertel der Automotive-Sparte ein Fragezeichen gesetzt. Conti könnte die Abhängigkeit verringern, ohne das Geschäftsfeld mit den nach wie vor besten Wachstumsaussichten ganz abzutrennen.

Weiter auf drei Standbeine zu setzen, ist in einer Transformationsphase für die Industrie ohnehin smarter. Die Geschichte ist gepflastert mit Beispielen von Sparten, die von der grauen Maus zur Ertragsperle wurden – und umgekehrt. Continental selbst kann ein Lied davon singen. Es ist gut 15 Jahre her, dass der Dax-Konzern eine Bank beauftragt hatte, nach Käufern für die Reifensparte und Contitech zu suchen – also ausgerechnet die Sparten, die heute besser laufen. Auch Siemens oder Fresenius haben immer wieder erfahren dürfen, dass ein verändertes Umfeld auch die Aussichten der eigenen Geschäftsfelder drehen kann.

Aber womöglich steckt auch etwas ganz anderes hinter den strategischen Überlegungen. Schließlich hat Continental mit Schaeffler einen Großaktionär, der sich bereits die Ex-Sparte Vitesco einverleiben will. Gut möglich, dass Appetit auf weitere Teile besteht und damit das Management unter Druck steht, den Tisch frisch zu decken.

Eine komplette Trennung vom Automotive- Geschäft ist vorerst vom Tisch. Ein überstürzter Abschied wäre auch keine gute Idee.

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