„Die Unsicherheit bleibt auf Dauer“
Im Gespräch: Matthias Blum
„Die Unsicherheit bleibt auf Dauer“
Der Außenhandelsexperte des Chemieverbands über den Handelsdeal mit den USA und dessen Auswirkungen auf die Unternehmen
Die erratische Zoll- und Wirtschaftspolitik bedeutet nach Meinung von VCI-Außenhandelsexperte Matthias Blum ein hohes Maß an Unsicherheit. Und die belaste die Firmen der Chemie und Pharmaindustrie zusätzlich zu den direkten und indirekten Zöllen, die sie auf Exporte in die Vereinigten Staaten zahlen müssen.
Von Detlef Fechtner und Lisa Schmelzer
Europas Chemie- und Pharmaunternehmen bekommen den handelspolitischen Streit zwischen der EU und den USA nicht allein durch Zölle auf ihre Produkte zu spüren – sondern auch durch Planungsunsicherheit und Dollar-Schwäche. Was die Betroffenheit der Industrie diesseits des Atlantiks angeht, vergleiche er sie gerne mit konzentrischen Kreisen, erklärt der Außenhandelsexperte des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), Matthias Blum, im Gespräch mit der Börsen-Zeitung. „Zunächst einmal, das ist der erste enge Kreis, bekommen die Firmen die Zölle direkt zu spüren“, erläutert Blum. Das gelte für die Pharmaindustrie in stärkerem Ausmaß, denn deren Ausfuhren seien deutlich größer als die Exporte der Chemie. Der zweite Kreis bezeichne dann die indirekte Betroffenheit von Zöllen für andere Branchen. Denn die Chemieunternehmen lieferten ja Produkte beispielsweise für die Auto- oder die Elektronikindustrie. Der dritte Kreis stehe in diesem Bild dann für die strukturellen Auswirkungen, etwa die Folgen der erratischen Zoll- und Wirtschaftspolitik der USA, die ein hohes Maß an Unsicherheit bedeute. Viele warteten daher erst einmal ab. Leider schwinde der Glaube, dass Ruhe einkehrt. „Vielmehr erwarten viele: Die Unsicherheit bleibt auf Dauer“, sagt der VCI-Fachmann. Und schließlich gebe es noch einen vierten Kreis: Trump sorge für eine Schwächung des Dollar. Aus Sicht europäischer Exporteure bedeute das eine zusätzliche Erschwernis, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Mittlerweile liege zwar die Gemeinsame Stellungnahme der EU und der USA vor, das Joint Statement. Trotzdem gebe es noch den ein oder anderen erklärungsbedürftigen Punkt. „Der Nebel hat sich also etwas gelichtet, aber noch nicht vollständig verzogen“, erklärt Blum.
Dass die EU mit den USA einen Deal erzielt und sich nun auch auf ein Joint Statement verständigt habe, „ist zumindest insofern positiv, als dass ein gegenseitiges Hochschaukeln von Zöllen und Gegenzöllen vermieden wurde“, betont der Außenhandelsexperte. Und sicherlich profitierten europäische Unternehmen an der ein oder anderen Stelle, weil direkte Wettbewerber etwa aus der Schweiz oder aus Indien noch ungünstigere Bedingungen für den Export in die USA hätten.

picture alliance/dpa | Uwe Anspach
Die Firmen der deutschen Chemiebranche zahlen aktuell auf Exporte von vielen Waren den Basiszoll von 15%. Gleichzeitig gibt es Ausnahmen für Produkte der chemischen und pharmazeutischen Industrie – „und wir arbeiten daran, den Umfang der Ausnahmen noch zu erweitern“, berichtet Blum. Für eine Reihe von chemischen Produkten gilt ein Zollsatz unterhalb der 15%, nämlich in Höhe der Meistbegünstigungsklausel der Welthandelsorganisation WTO. Die liegen dann beispielsweise in einem Fall bei 6,5%, in einem anderen Fall bei 2,1% und wieder in einem anderen Fall bei 0%. „In anderen Worten: Die Zölle für Chemie- oder Pharmaprodukte liegen, wenn man einen Durchschnitt nimmt, zwar unter 15%, aber deutlich höher als vor der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump“, fasst Blum die aktuelle Situation zusammen.
Unsicherheit bei Pharmaprodukten
In einigen Warengruppen werde es noch Bewegung geben. Beispielsweise dann, wenn die USA ihre Untersuchungen gemäß Section 232 zur nationalen Sicherheit für Pharmaprodukte abschließe. Dann drohten höhere Zollsätze. „Wir hoffen sehr, dass dann für Exporte aus Europa die Deckelung bei 15% greifen wird“, sagt Blum und ergänzt: „Und wir hoffen, dass die USA keine Kreativität in Form von neuen Zöllen entwickelt, die über den Basiszollsatz dann doch hinausgehen.“
Der Aufwand sei enorm, um mit den sich stetig ändernden Zollansagen klar zu kommen. Auch die US-Zollbehörden müssten mit der Dynamik erst einmal Schritt halten – eine Herkulesaufgabe. Und für die Chemieunternehmen sei der Anpassungsaufwand erheblich. Vor allem, weil sich an jede Verfahrensfrage ja auch viele strategische Fragen anschlössen, etwa, ob eine Firma ihr Werk in Mexiko nun stärker oder weniger stark nutzen sollte, um zollschonend in die USA zu exportieren.
Kein „Treck nach Westen“ erwartet
„Sicherlich zielt Donald Trump mit den Zöllen darauf, mehr Unternehmen zu bewegen, in den USA zu investieren und zu produzieren“, meint Blum. Ob das gelingen werde, lasse sich noch nicht sagen. Investitionsplanungen seien sehr langfristig. „Und gerade im Pharmabereich ist es alles andere als trivial, eine Produktionsstätte irgendwo anders zu eröffnen, weil komplizierte Zulassungsverfahren zu absolvieren sind“, so der Außenhandelsexperte.
Zudem sei es teuer, in den USA zu investieren. Die Kosten dort seien relativ hoch, für das Fachpersonal oder den Bau der Anlagen. Zudem seien die Investitionskosten aktuell schwer zu prognostizieren. „Deshalb rechnen wir vorerst nicht mit einer Welle von Umsiedelungen in die USA“, sagt Baum: „Wir erwarten keinen Treck nach Westen.“
Was die Finanzierung der Transformation angehe, werde es schwieriger. In den USA, weil Förderungen gestutzt werden. Und in Europa, „weil wir uns in einem Dickicht von Regelungen verheddert haben und die Energiekosten zu hoch sind.“ Die anhaltenden geopolitischen Spannungen machten das Navigieren für die VCI-Mitgliedsunternehmen zusätzlich schwieriger. „Der gestiegene Druck auf die Exporte durch die Zölle macht Reformen vor der eigenen Haustür noch dringlicher“, unterstreicht Blum: „Wir brauchen niedrigere Energiepreise und eine Entschlackung der Vorgaben des Green Deal.“
Monitoring hilft
Der VCI erwartet enorme Turbulenzen bei den Welthandelsströmen. Und es gebe das eine oder andere Unternehmen, das melde, man müsse bestimmte Entwicklungen sorgsam beobachten. Aber noch werde nicht über signifikantes Umlenken von Warenströmen berichtet. Gleichwohl sei es gut, dass die EU ein Monitoring-Instrument etabliert habe, um sofort reagieren zu können, falls China oder eine andere Volkswirtschaft den europäischen Markt mit eigenen Produkten flute.