Elektrotechnikkonzern

ABB zeigt sich krisenresistent

ABB hat auch im dritten Quartal den Wachstumskurs beibehalten und steuert nun direkt auf ein hervorragendes Jahresergebnis zu. Das Unternehmen profitiert offensichtlich in hohem Maße vom anhaltend guten Investitionsklima in der Öl- und Gasindustrie bzw. von den hohen Energiepreisen.

ABB zeigt sich krisenresistent

ABB zeigt sich krisenresistent

Industriekonzern präsentiert trotz zunehmender geopolitischer Spannungen robuste Zahlen – Starke Nachfrage aus der Öl- und Gasindustrie

ABB hat auch im dritten Quartal den Wachstumskurs beibehalten und steuert nun direkt auf ein hervorragendes Jahresergebnis zu. Das Unternehmen profitiert offensichtlich in hohem Maße vom anhaltend guten Investitionsklima in der Öl- und Gasindustrie sowie von den hohen Energiepreisen.

dz Zürich

"Kein Krieg ist gut für das Geschäftsklima", sagte ABB-Chef Björn Rosengren am Mittwoch auf einer Telefonkonferenz, in der er Journalisten den abermals erstaunlichen Leistungsausweis des Konzerns im dritten Quartal darlegte. Dieser gehöre absolut zu den besten in der Geschichte des Unternehmens, konstatierte der CEO.

Nahost-Konflikt tangiert kaum

Auf eine Frage zu den möglichen Folgen des eskalierenden Konfliktes im nahen Osten zeigte sich Rosengren fast ein wenig ratlos. Der Krieg sei verheerend und schlimm für die Betroffenen, aber ABB sei mit ihren rund 100 Mitarbeitenden in Israel kaum tangiert. Offenbar hat Rosengren auch keine Angst davor, dass die "vielen Projekte", die der Konzern in den Golfstaaten wie Saudi-Arabien verfolgt, durch die überaus angespannte Situation in der Region gefährdet sein könnten.

Tatsächlich scheint die fragile geopolitische Weltlage ABB sogar eher in die Karten zu spielen. Der vorliegende Quartalsbericht zeigt: ABB profitiert in drei ihrer vier Geschäftsbereiche in teilweise hohem Maße von einer starken Nachfrage aus der Erdöl- und Gasindustrie. Die von ABB angebotenen Technologien werden auch von Energieunternehmen nachgefragt, die etwa durch die Automation von Produktionsprozessen oder durch Digitalisierung versuchen, energieeffizienter zu werden.

Erdölindustrie bestellt kräftig

Nach einer Schätzung der Internationalen Energieagentur investiert die Erdöl- und Gasindustrie im laufenden Jahr weltweit rund 530 Mrd. Dollar – so viel wie seit 2015 nicht mehr. Die Investitionen dieses Sektors hatten 2020 einen Tiefpunkt erreicht und bewegen sich seither steil nach oben. Es besteht erwiesenermaßen ein Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Energiepreise und den Investitionszyklen der Erdöl- und Gasindustrie.

Der russische Angriff auf die Ukraine war vermutlich ausschlaggebend dafür, dass der Erdölpreis im Frühjahr 2022 ein neues Langzeithoch erreichen konnte. Nun könnte der neue Krieg im Nahen Osten eine Entspannung der Energiepreise verhindern.

Fakt ist, dass der Geschäftsbereich "Prozessautomation" im Berichtsquartal eine Zunahme des Bestellungsvolumens von auf vergleichbarer Basis nicht weniger als 38% gegenüber dem Vorjahr ausweisen konnte. Der Bereich profitiere "von der kräftigen Nachfrage in den traditionellen Segmenten Öl und Gas", liest man im aktuellen Zwischenbericht von ABB.

Auch in den Sparten "Antriebstechnik" und "Elektrifizierung" wird die starke Nachfrage dieser Industriezweige als stabilisierendes Element besonders herausgestrichen. Dieses habe "die tiefere Auftragslage" in Teilen des dem allgemeinen Konjunkturverlauf ausgesetzten "kurzzyklischen Geschäfts" mehr als nur zu kompensieren verstanden.

Noch mehr erwartet

ABB hat im dritten Quartal auf vergleichbarer Basis 2% mehr Bestellungen hereingeholt als im Vorjahreszeitraum. Das ist zwar weniger als im gesamten Neunmonatszeitraum ( 4%), aber mit Blick auf die eingetrübte globale Konjunktur immer noch überraschend viel. Manche Investoren und Analysten hatten jedoch offensichtlich noch mehr erwartet, was die negative Kursreaktion auf die Ergebnisveröffentlichung erklärt. Die Aktie hatte am Mittwoch in der Spitze um 7% nachgegeben.

Erstaunlich ist die positive Geschäftsentwicklung von ABB auch vor dem Hintergrund, dass die Einnahmen des Elektrotechnikkonzerns aus dem Öl- und Gassektor "nur rund 12% des gesamten Umsatzes ausmachen", wie Rosengren vor gut zwei Jahren in einem Interview noch ganz zufrieden zum Besten gegeben hatte. Inzwischen dürfte dieser Anteil zur Zufriedenheit des CEO wieder markant zugenommen haben.

Enttäuschend entwickelte sich derweil der kleinste ABB-Geschäftsbereich "Robotik und Fertigungsautomation", dem im Berichtsquartal ein Viertel der mit Vorjahr vergleichbaren Aufträge weggebrochen sind. Darin kommt nicht zuletzt die markant abgeschwächte Konjunkturlage in China zum Ausdruck. Jeder zweite Industrieroboter stehe in China, und ABB habe hier im Berichtsabschnitt 32% weniger Aufträge hereingeholt.

ABB hat in den vergangenen zwei Jahren Investitionen in die Erneuerung und den Ausbau der Roboterherstellung in China, Schweden und den USA im Umfang von 450 Mill. Dollar getätigt oder angekündigt. Eindrücklich hoch erscheint die Summe auch vor dem Hintergrund, dass der ABB-Gesamtkonzern 2022 Kapitalinvestitionen von 762 Mill. Dollar getätigt hatte. An Geld für Investitionen mangelt es ABB derzeit aber nicht. Der Konzern dürfte 2023 einen Gewinn von über 3,5 Mrd. Dollar erzielen und daraus einen Cashflow von fast 3 Mrd. Dollar ziehen.

Wolken am Horizont

Die Entwicklung des Aktienkurses in der jüngeren Zeit könnte indessen ein Hinweis darauf sein, dass auch bei ABB die besten Zeiten bald zu Ende gehen könnten. Die Titel haben seit Ende Juli rund 4% ihres Wertes eingebüßt und notieren inzwischen deutlich unter dem Allzeithoch von über 35 sfr, das sie Ende 2021 erklommen hatten. Die anhaltend hohen Energiepreise sind in der Tat nicht geeignet, die Geschäftsentwicklung des Konzerns und seiner Kunden langfristig zu unterstützen. Vielmehr ist zu befürchten, dass sich die globale Konjunktur zum Schaden von ABB und ihren Kunden weiter abschwächen wird.