Firmen verschlafen Digitalisierung

KPMG-Studie: Nur wenige deutsche Unternehmen nutzen Erfahrungsdaten - Sorge um Zukunftsfähigkeit weit verbreitet

Firmen verschlafen Digitalisierung

Deutsche Unternehmen hinken bei der Digitalisierung hinterher. Zu dieser Erkenntnis gelangt eine Studie von KPMG und Easy Software, bei der 400 deutsche Unternehmen verschiedenster Größen und Branchen interviewt wurden. Zugleich bescheinigt eine Studie von Euler Hermes dem Standort Deutschland für das Thema Digitalisierung hervorragende Rahmenbedingungen. ab Düsseldorf – Deutsche Unternehmen verschlafen die Möglichkeiten der Digitalisierung. Das ist das Resümee, das KPMG und der Softwareanbieter Easy Software aus einer Studie zum Stand der Digitalisierung in deutschen Unternehmen ziehen. Für die repräsentative Studie wurden 400 deutsche Unternehmen quer durch alle Branchen zu den Themen Digitalisierung und Experience Management interviewt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Nicht einmal 40 % der Befragten nutzen zur Verbesserung ihrer Geschäftsprozesse und -modelle erfahrensbezogene Daten (X-Data) ihrer Stakeholder. Zugleich sehen aber 80 % der Befragten die Zukunftsfähigkeit ihres Unternehmens durch die Digitalisierung bedroht. “Die tatsächliche Digitalisierung hält leider mit der allgegenwärtigen verbalen Aufgeschlossenheit der Entscheider nicht Schritt”, stellt Dieter Weißhaar, Vorstandschef von Easy Software, fest und verweist darauf, dass fast 60 % der Befragten mit dem Digitalisierungsgrad in ihrem Unternehmen unzufrieden sind. Das perfekte ErlebnisBesonders erschreckend ist nach Einschätzung von Weißhaar, dass 60 % der befragten CEOs mit dem Begriff Experience Data gar nichts anzufangen wissen. Erst seit SAP Qualtrics gekauft habe, sei die Bedeutung der Nutzung von Kundendaten auch in deutschen Vorstandsetagen angekommen. Dabei machten Amazon, Apple, Uber und andere Digitalkonzerne schon lange vor, wie man Kundendaten erhebt und über Feedback das “perfekte Erlebnis” und damit Kundenbindung schaffe. Aus der Erhebung erfahrensbezogener Daten und deren direkter Verknüpfung mit operativen Daten verschafften sich diese Unternehmen erhebliche Wettbewerbsvorteile.In Deutschland dagegen erheben gemäß der Studie nicht einmal 40 % der Unternehmen Erfahrungsdaten. Erschwerend komme hinzu, dass von diesen Unternehmen nur 42 % die Erfahrungsdaten mit ihren Systemen verknüpften. Problematisch sei zudem, dass Erfahrungsdaten nur selten erfasst würden. Lediglich 0,9 % der Befragten erhebt mindestens einmal monatlich X-Data. Das Gros der Firmen macht das nur alle vier bis sechs Monate. “Wenn Daten der Rohstoff des 21. Jahrhunderts sind, dann lassen die deutschen Unternehmen ihren Treibstoff in den Tanks liegen und spannen stattdessen Pferde vor den Wagen”, verdeutlicht KPMG-Partner Henning Bauwe.Immerhin haben die Unternehmen jedoch klare Vorstellungen, wenn es um die mit der Digitalisierung erhofften Vorteile geht: Ganz oben steht natürlich die Steigerung der Kundenzufriedenheit (85,7 %), gefolgt von Effizienzsteigerung (71,3 %) und Kostenreduktion (64,1 %). Nach Einschätzung der Studienautoren spiegelt sich in diesen Aussagen wider, dass Digitalisierung hierzulande noch immer vornehmlich als Werkzeug zur Optimierung des Status quo angesehen wird. Dabei müssten Geschäftsmodelle im Zuge der zunehmenden Digitalisierung womöglich neu gedacht werden.Die Hauptziele, die Unternehmen mit der Erhebung erfahrensbezogener Daten verfolgen, sind gleichwohl andere. Hier stehen Effizienzsteigerung und Wachstum ganz oben auf der Liste, während die Verbesserung des Kundenverständnisses und der Kundenbindung nur selten als Ziel genannt wird (siehe Grafik). Rahmenbedingungen topDie gern genutzte Ausrede der mangelhaften Digitalinfrastruktur in Deutschland will Weißhaar nicht gelten lassen. Unterstützt wird er in dieser Sichtweise von einer Studie von Euler Hermes, die Deutschland hervorragende Rahmenbedingungen für die Digitalisierung bescheinigt. Im einschlägigen Ranking des Kreditversicherers steht Deutschland weltweit auf Platz 2 und muss sich nur den USA geschlagen geben. Deutschland punkte vor allem “mit dem besten Ökosystem” für Wissen und Bildung sowie einer hervorragenden Infrastruktur beim Handel. Doch auch hier lautet die zentrale Erkenntnis: “Viele Unternehmen lassen noch viel Potenzial ungenutzt auf der Straße liegen.”