Pandemie beschert Westwing einen Boom

2020 stellt ein Ausnahmejahr dar - Aktie des E-Commerce-Unternehmens notiert nach Absturz wieder deutlich über dem Ausgabepreis - Unsicherer Ausblick

Pandemie beschert Westwing einen Boom

Die Coronakrise hat Unternehmen, die Investoren bereits weitgehend abgeschrieben hatten, zurück ins Rampenlicht katapultiert. Wie den Onlineverkäufer von Wohnaccessoires und Möbeln Westwing. Die Pandemie schafft nahezu ideale Rahmenbedingungen für den Konzern aus München, wenn man einmal von den üblichen Erschwernissen durch Hygiene- und Abstandsvorschriften absieht.Von Helmut Kipp, FrankfurtDramatisch anmutende Kursverluste und ein ebenso ungewöhnlicher Wiederanstieg kennzeichnen die noch recht kurze Börsenhistorie der E-Commerce-Firma Westwing. Die im Oktober 2018 zu 26 Euro platzierte Aktie verlor zunächst binnen eines Jahres mehr als 90 % ihres Ausgabepreises. Im Tief wurde der Anteilschein mit weniger als 2 Euro gehandelt. Nach monatelanger mühsamer Stabilisierung setzte ab Mai 2020 eine Kursrally ein, die ihresgleichen sucht. Von weniger als 5 Euro schoss die Notierung bis auf rund 35 Euro nach oben. Inzwischen ist das Wertpapier sogar in den Small-Cap-Index SDax aufgestiegen. Begehrte RumsteherliWie praktisch der gesamte Onlinehandel profitiert auch Westwing von der pandemiebedingten Verlagerung der Konsumnachfrage ins Internet. Kunden meiden den stationären Einzelhandel, um Ansteckungsrisiken zu reduzieren. Stattdessen bestellen sie ihre Waren auf Onlineplattformen. Sind die meisten Geschäfte wie jetzt und im Frühjahr ohnehin geschlossen, müssen Käufer auf digitale Bestellungen ausweichen.Bei Westwing kommt ein Effekt hinzu, den Konsumexperten Cocooning nennen. Damit ist der Rückzug aus der Öffentlichkeit in das häusliche Leben gemeint. Homeoffice sowie Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen führen dazu, dass die Menschen viel mehr Zeit als früher in ihrer Wohnung verbringen. Damit wird der Wunsch stärker, das Zuhause wohnlicher und behaglicher zu gestalten. Es werden vermehrt Möbel angeschafft – und Wohnaccessoires. Gerade mit schicken Accessoires, sogenannten Rumsteherli, hat sich Westwing einen Namen gemacht. Das in München ansässige Unternehmen unterhält eigens eine Kreativabteilung, um bei der Auswahl trendiger Gegenstände für die Inneneinrichtung am Puls der Zeit zu sein. Die Trendscouts suchen weltweit nach Produktideen.Verstärkt wird der geschäftliche Aufschwung durch Skaleneffekte. Das auf Wachstum ausgelegte Set-up der Logistik und die Verwaltungskosten verteilen sich jetzt auf ein stark erhöhtes Umsatzvolumen. Damit schießen die operativen Margen in die Höhe, und der Cash-flow verbessert sich erheblich.Bei seiner Präsentation auf dem Eigenkapitalforum im November beschrieb das Management 2020 als Ausnahmejahr mit Blick auf Wachstum und Profitabilität. Diverse Langfristziele könnten bereits 2020 erreicht worden sein (siehe Grafik).Gemäß der vor zweieinhalb Monaten erhöhten Prognose peilt der Vorstand eine Umsatzausweitung zwischen 55 und 65 % auf 415 Mill. bis 440 Mill. Euro an. Das um Sondereinflüsse bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) soll auf 37 Mill. bis 48 Mill. Euro oder 9 bis 11 % des Umsatzes steigen. Im Vorjahr waren operative Verlust in Höhe von 4 % der Erlöse angefallen. Angesichts des neuerlichen Lockdowns, dessen Umfang und Länge bei Bekanntgabe der Prognose am 19. Oktober nicht absehbar war, gibt es kaum Zweifel, dass der Ausblick zumindest erreicht wurde. Rocket hält AktienpaketHerausfordernd dürfte aber das neue Jahr werden. Zum einen, weil Westwing dann gegen eine stark erhöhte Umsatz- und Ergebnisbasis ankämpfen muss, zum anderen weil mit dem Hochfahren der Coronaimpfungen und den ab Frühjahr steigenden Temperaturen der coronabedingte Schub für das Geschäft nachlassen wird. Das Management selbst spricht von volatilen Wachstumsaussichten und hoher Unsicherheit für 2021. Zumal weitere Investitionen anstehen, etwa erhöhte Marketingaufwendungen, Nachholinvestitionen in Technologie und Ausgaben für den Ausbau des wichtigen Eigenmarkensegments. An der Börse bringt der Konzern gut 700 Mill. Euro auf die Waage. Größter Aktionär ist der inzwischen nicht mehr börsennotierte Start-up-Investor Rocket Internet, der gemäß den Angaben im Delisting-Rückerwerbsangebot ein Viertel des Grundkapitals hält. Weitere größere Pakete liegen laut den Angaben auf der Westwing-Homepage bei den Investmentgesellschaften Capital Group, Summit Partners, Amiral Gestion und Tengelmann Ventures.Im dritten Jahresviertel 2020, eigentlich ein saisonal eher schwaches Quartal, kletterte der Umsatz um zwei Drittel auf 99 Mill. Euro. Die bereinigte Ebitda-Marge drehte vom – 7,1 % im Vorjahreszeitraum auf 10,9 % – ein Anstieg um 18 Prozentpunkte. So wurden 7 Mill. Euro freier Cash-flow erwirtschaftet, verglichen mit Abflüssen von 5 Mill. Euro im dritten Quartal 2019. Entsprechend wuchs die Netto-Cash-Position per Ende September auf 92 Mill. Euro (31. Dezember 2019: 73 Mill. Euro).Das 2011 gegründete Unternehmen beschreibt sich selbst als “Marktführer für inspirationsgetriebenen Home & Living-E-Commerce”. Möbel machen aber lediglich ein Drittel des Geschäfts aus. Der Großteil entfällt auf andere Gegenstände für die Wohnungsgestaltung, etwa Teppiche und Textilien, Leuchten, Dekor und Accessoires sowie Produkte für Küche und Essen. Kreativchefin ist zurückFür das Kreative ist Delia Lachance (geborene Fischer) verantwortlich, die nach ihrer Babypause als Chief Creative Officer zurückgekehrt ist, aber nicht mehr dem Vorstand angehört. Lachance, eine frühere Redakteurin der Zeitschrift “Elle”, gehört ebenso wie CEO Stefan Smalla zu den Gründern. Das Geschäftsmodell ist als Shopping Club konzipiert nach dem Motto “Alles für ein schönes Zuhause”. Angemeldete Kunden werden fortlaufend per Mail mit neuen Einkaufsvorschlägen beliefert. Was gut läuft, wird ins ständige Sortiment aufgenommen. “Wenn ein Produkt richtig gut funktioniert, kommt es ins Private Label”, erläuterte Smalla das Vertriebskonzept beim Börsengang. Die Eigenmarken steuern inzwischen gut ein Viertel zum Bruttoverkaufsvolumen bei. Der Ausbau dieses Geschäfts gilt als Hebel für eine langfristig höhere Profitabilität.Westwing ist in elf europäischen Ländern tätig. Schwerpunkt ist der deutschsprachige Raum mit 55 % Umsatzanteil. Die Kundenzahl liegt inzwischen bei 1,3 Millionen, vor allem Frauen. Gut 80 % der Erlöse werden mit Bestandskunden erzielt. Das Marktvolumen der adressierten Länder veranschlagt Westwing auf 117 Mrd. Euro. Potenzial verspricht sich das Management vor allem von einer höheren Onlinedurchdringung. Diese liege erst bei 5 %, während es bei Mode bereits 14 % und bei Elektronikartikeln 24 % seien.