Wagniskapital

Picus beurteilt Venture Capital positiv: „Wir haben die Talsohle erreicht“

Venture Capital scheint in die Krise geraten zu sein. Der Frühphasen-Finanzierer Picus Capital bleibt aber optimistisch. Dafür hat Partner Raphael Mukomilow gute Gründe.

Picus beurteilt Venture Capital positiv: „Wir haben die Talsohle erreicht“

Im Gespräch: Raphael Mukomilow

Picus beurteilt Venture Capital positiv:
„Wir haben die Talsohle erreicht“

Der Partner des Frühphasen-Finanzierers kündigt ein weiterhin hohes Investitionstempo an

Von Michael Flämig, München

Der Frühphasen-Finanzierer Picus Capital bleibt trotz des Dämpfers am Venture-Capital-Markt auf Wachstumskurs. „Wir rechnen mit erneut 30 bis 40 weiteren Investments im laufenden Jahr“, sagte Partner Raphael Mukomilow im Gespräch mit der Börsen-Zeitung. Mit Blick auf die gesunkenen Bewertungsniveaus erklärte er, die Jahre 2024 und 2025 versprächen gute Investmentjahrgänge zu werden: „Wir schauen uns nun wieder Firmen an, die wir im Jahr 2021 noch als überbewertet eingestuft haben.“

Die Münchner haben 185 Unternehmen primär aus der Tech-Branche in ihrem Portfolio, sie halten jeweils zwischen 1 und 25%. Diese Anteile seien aktuell über 1 Mrd. Euro wert, erklärte Mukomilow. Das Ziel sei es, den Wert des Gesamtportfolios in sieben Jahren auf rund 10 Mrd. Euro zu steigern. Unter anderem stehen in den nächsten Jahren potenzielle Exits via IPO bei zwei bis drei Unternehmen an. Dies sei beispielsweise denkbar bei dem HR-Software-Spezialisten Personio, der Auto-Abo-Firma Finn und dem Solaranlagenanbieter Enpal.

Im Jahr 2015 von den Investoren Alexander Samwer, Jeremias Heinrich und Robin Godenrath in Form einer GmbH gegründet, wurde bislang privates Kapital investiert. Vor zwei Jahren sei ein Co-Investment-Vehikel hinzugekommen, erläuterte Mukomilow: „Wir können auf diese Weise auch in A-, B- und C-Finanzierungsrunden mitmachen, für die mehr Kapital als bei Frühphaseninvestments erforderlich ist.“ Es würden beispielsweise Entrepreneurs und Family Offices einbezogen. Diese verstünden sich nicht als reine Finanzinvestoren, sondern ständen den Firmen ebenso wie Picus mit Rat zur Seite. 

Weniger Wettbewerb

Den Optimismus für die bevorstehenden zwei Jahre begründete der Picus-Partner mit drei Veränderungen. Erstens seien die Bewertungen in den vergangenen zwei Jahren stark gesunken: „Wir haben die Talsohle erreicht.“ So seien die Multiples für B- und C-Runden um rund 50% niedriger, auch die Frühphasen-Bewertungen lägen um einen niedrigen zweistelligen Prozentsatz unter den Einstufungen im Jahr 2021. Dies gelte, obwohl in einigen Sektoren wie künstliche Intelligenz oder teils auch Clean Energy die Bewertungen von 2021 schon wieder überschritten worden seien.

Der zweite Faktor: Der Wettbewerb unter den Geldgebern habe abgenommen. Beispielsweise sei in den USA das bereitgestellte Wagniskapital im vergangenen Jahr um rund ein Drittel gesunken. Damit könne ein Kapitalgeber wie Picus sich mehr Zeit nehmen für die notwendigen Verhandlungen.

Der dritte Grund für den Optimismus aus Sicht von Mukomilow: „Die Unternehmen gehen sorgfältiger mit dem Kapital um.“ Beispielsweise sei die durchschnittliche Zeit zwischen zwei Finanzierungsrunden in einigen Regionen von 600 auf 800 Tage gestiegen.

Frühe Kontaktaufnahme

Als wichtiges Merkmal des eigenen Geschäftsmodells nennt der Risikokapitalgeber, dass man teils bereits Kontakt mit potenziellen Gründern aufnehme, bevor das Unternehmen überhaupt formal aus der Taufe gehoben wurde. Es seien global rund 300 Venture Scouts sowie auch Student Venture Scouts an den Universitäten aktiv, um früh mit den Gründerteams ins Gespräch zu kommen. Oft arbeitet das Picus-Team dann – ohne Verpflichtung – mit Gründern wochen- oder monatelang zusammen, um Geschäftsmodelle gemeinsam weiter auszuarbeiten. „Diese enge Zusammenarbeit mit den Gründern ist Teil unserer Due Diligence“, sagte Mukomilow. Rund die Hälfte der Unternehmen im Portfolio sei vor maximal drei Jahren gegründet worden.

Picus versteht sich darüber hinaus als ein Finanzinvestor, der einen extrem langfristigen Anlagehorizont hat. „Wir können Firmen vom Zeitpunkt vor der Gründung bis zum IPO und darüber hinaus begleiten“, sagte Mukomilow. Man sei 10 bis 20 Jahre an Bord. Das Picus-Portfolio hat aktuell den Schwerpunkt in Europa. Dort seien rund 60% des Kapitals investiert worden, so Mukomilow. Aber: „Es ist für uns wichtig, die globale Komponente hereinzubekommen mit unseren Teams in USA, Lateinamerika und Asien.“ Hauptsächlich investiert Picus in B2B-Unternehmen, sie stellen rund 75% des Portfolios.

13% aller Firmen, in die Picus seit 2015 investiert habe, seien abgeschrieben worden, detaillierte Mukomilow. Diese Firmen ständen für 8% des investierten Kapitals. Die Internal Rate of Return liege aktuell bei mehr als 50% pro Jahr.

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