SAP will Integrationsversäumnisse aufholen
Betrachtet man nur die jüngsten SAP-Geschäftszahlen, scheint es für den Softwarekonzern brillant zu laufen. Doch ein Blick hinter die glänzende Fassade zeigt, dass es auch in Walldorf zahlreiche Baustellen gibt. Die jüngste Befragung der DSAG zeugt von vielen Unzufriedenen unter den deutschsprachigen Anwendern. Vorstand Christian Klein zeigt dafür Verständnis und ist überzeugt, die Stimmung in den kommenden zwölf Monaten drehen zu können. Von Sebastian Schmid, FrankfurtChief Operating Officer Christian Klein redet nicht lange um den heißen Brei herum. SAP befinde sich mit der deutschsprachigen Anwendergruppe DSAG in einem ständigen und intensiven Austausch. “Insofern war uns bekannt, dass es an einigen Stellen Unzufriedenheit gibt – insbesondere beim Thema Integration. Der Fortschritt war in den vergangenen Jahren eventuell nicht so, wie wir uns selbst erhofft hatten, aber wir arbeiten mit Hochdruck daran, hier nun zu liefern.” Die Unzufriedenheit lässt sich seit der jüngsten, vor ein paar Tagen veröffentlichten DSAG-Umfrage in Zahlen fassen. Der Aussage, dass sie Vertrauen in die Strategie und Roadmaps von Europas größtem Softwarekonzern haben, stimmten nur 24 % der befragten SAP-Anwender voll und ganz oder wenigstens größtenteils zu. 30 % stimmten weniger oder gar nicht zu. Auch als wichtiger Partner in der digitalen Transformation haben die Walldorfer offenbar Kredit verspielt. Fast drei Viertel der befragten SAP-Anwender sahen in dem Unternehmen einen wichtigen oder sehr wichtigen Partner. Vertrauen in diesen Partner haben 2019 aber lediglich 37 %. Damit schneidet der schwerste Dax-Konzern auch schlechter ab als seine Partnerunternehmen (siehe Grafik). Höhere MesslatteDer Vertrauensverlust ist auch aus Sicht des Chief Operating Officer nicht über Nacht gekommen. “Dass Kunden sagen, beim Thema Integration wurden uns schon einmal vor drei Jahren Versprechungen gemacht und dann nicht geliefert, spiegelt auch das Umfrageergebnis wider”, räumte er gegenüber der Börsen-Zeitung ein. Das Gute sei aus seiner Sicht, dass SAP wisse, wo die Probleme liegen würden. “Ich verantworte bei SAP auch die IT und kenne die Integrationsherausforderungen daher aus erster Hand.” Eine wesentliche Herausforderung sei, dass die Messlatte für die Integration eigener Produkte höher liege. Diese sei komplexer als die Integration von SAP zu einem Produkt eines Drittanbieters. “Letztere werden über Schnittstellen angebunden, unsere eigenen Produkte integrieren wir vollständig”, erklärt er. “Technisch sind die Produkte integriert. Unsere Kunden erwarten aber eine vollständige Geschäftsprozessintegration.”Der Standard, der an SAP in Bezug auf die Integration der Produkte angelegt werde, sei zwar oft “schon ein höherer als bei vielen unserer Wettbewerber. Aber wir haben eben auch ein sehr breites Portfolio von Produkten, und wenn man das hat, ist der Anspruch der Kunden, dass diese sehr gut integriert sind, gerechtfertigt”, sagt Klein. Er ist indes guter Hoffnung, dem Anspruch zeitnah besser gerecht zu werden. “Das Gute ist, dass die Stammdatenharmonisierung innerhalb der SAP für Daten von Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern schon erfolgt ist. Wir sind jetzt an der Umsetzung, die ersten Auslieferungen an unsere Kunden folgen bereits dieses Jahr”, kündigt er an.”Unsere Kunden erwarten, dass -wenn Daten zwischen SAP-Produkten ausgetauscht werden – die zugrunde liegenden Stammdatenmodelle übereinstimmen.” Ein Kunde solle etwa in S4/Hana (Software für die Unternehmensplanung, ERP) und C4/Hana (Software zum Kundenbeziehungsmanagement, CRM) die gleiche Nummer haben. “Oder nehmen Sie das Beispiel Reisekostenabrechnung – auch hier greift man auf unterschiedliche SAP-Anwendungen zu. Entsprechend müssen die Daten produktübergreifend stimmig sein”, erklärt Klein. SAP habe einen klaren Fahrplan für die Integration der Produkte in S4/Hana. “SAP Success Factors, Qualtrics und SAP Analytics Cloud sind bereits oder werden noch in diesem Jahr integriert – inklusive Stammdaten der Mitarbeiter”, verspricht der mit 39 Jahren zweitjüngste SAP-Vorstand. Nächstes Jahr komme dann Ariba – also der Einkauf mit Harmonisierung der Lieferantenstammdaten. “Das klingt einfach, aber an den Lieferanten sind einige betriebswirtschaftliche Prozesse gekoppelt. Außerdem liefern wir integrierte Lösungen mit S/4Hana Cloud für SAP Fieldglass, SAP Concur und Callidus Cloud und auch für unsere Kundenmanagementplattform C4/Hana”, zählt Klein auf. “Wir haben dezidierte Teams, die ausschließlich für das Thema Geschäftsprozessintegration zuständig sind.” Diese habe SAP Anfang des Jahres basierend auf dem Kundenfeedback eingesetzt. ERP-Geschäft läuft rund Nun hofft Klein, dass die Maßnahmen Wirkung zeigen. “Eine Steigerung des Anteils der sehr zufriedenen Kunden um 10 bis 20 Prozentpunkte würde ich mir schon wünschen”, gibt er zu. Trotz der Unzufriedenheit laufe es für SAP an vielen Stellen weiter rund. “Im ERP-Geschäft gewinnen wir weiter Marktanteile. Insbesondere im Lizenzgeschäft haben wir uns über die vergangenen Quartale deutlich besser entwickelt als unsere Wettbewerber”, stellt Klein fest, der die globale Entwicklung und Auslieferung von SAPs Kernanwendungen verantwortet. Auch in der Cloud beschleunige sich das ERP-Geschäft. Als schwieriger erweise sich das CRM-Geschäft. Dieses sei “sicherlich wettbewerbsintensiver als viele andere Bereiche.” Umso wichtiger sei hier das Thema Integration. “Denn SAP kann die gesamte Wertschöpfungskette von Unternehmen abbilden und damit eine Integration bieten, die unsere Wettbewerber nicht offerieren können.” Die Integration von C4/Hana Commerce mit S/4Hana Cloud werde nächstes Jahr kommen, verspricht Klein. Ein Zielzeitpunkt dürfte auch definiert sein – die Anwendermesse Sapphire im Mai.