SGL Carbon vor nächster Etappe der Transformation
SGL Carbon vor nächster Etappe der Transformation
SGL Carbon vor nächster Etappe der Transformation
Hohe Umbaukosten sorgen für Nettoverlust – Aufträge aus Auto- und Halbleiterindustrie stocken – CEO erwartet auch kurzfristig schwache Nachfrage
Von Martin Dunzendorfer, Frankfurt
SGL Carbon befindet sich einerseits auf der Zielgerade der Neuausrichtung einer Sparte, die erste Früchte trägt, andererseits vor der nächsten Etappe des Konzernumbaus. „Die Restrukturierung des Geschäftsbereichs Carbon Fibers ist weitgehend abgeschlossen“, sagte Vorstandschef Andreas Klein. Doch wie SGL sich bis 2030 verändern wird, soll die neue Strategie aufzeigen, die der Anfang des Jahres angetretene CEO im März 2026 anlässlich der Bilanzvorlage präsentieren will.
Abhängig von externen Faktoren
Vorläufig bleibt das Unternehmen aber vor allem abhängig von externen Faktoren, auf die SGL keinen Einfluss hat – etwa die globalen Handels- und Zollkonflikte sowie die Automobil- und Halbleiterkonjunktur. Mit der Neuausrichtung, verbunden mit einer strengen Kostenkontrolle – „Wir haben die gesamte SGL Carbon auf Kosten- und Prozesseffizienz ausgerichtet“, so Klein –, ist immerhin das Fundament für eine profitablere Zukunft gelegt worden. Der Konzern muss nun zeigen, dass mit weniger Umsatz höhere Margen erzielt werden können und die Wende in der Problemsparte Carbon Fibers nachhaltig ist.
Insbesondere hinter der Nachfrage aus der Autoindustrie steht ein großes Fragezeichen. Die Branche ist für die SGL-Geschäftsbereiche Composite Solutions und Carbon Fibers von großer Bedeutung; die schwer prognostizierbare Absatzentwicklung von Elektrofahrzeugen darüber hinaus für den Bereich Graphite Solutions. Neben den US-Importzöllen für Autos aus Europa ist es vor allem die verbreitete Zurückhaltung der Konsumenten bei der Neuanschaffung von Fahrzeugen, die die Autoindustrie von größeren Bestellungen bzw. Investitionen abhält.
„Das Auftragsvolumen für Spezialgraphitprodukte zur Herstellung von Halbleitern auf Siliziumkarbid-Basis wird sich erst wieder erholen, wenn die Lagerbestände in der gesamten Halbleiter-Wertschöpfungskette deutlich abgebaut sind.“
„Die Verkaufszahlen für Elektrofahrzeuge sind in den letzten Monaten wieder gestiegen“, stellt Klein gegenüber der Börsen-Zeitung fest. „Dies ist grundsätzlich ein gutes Zeichen für unser SiC (Siliziumkarbid)-Graphitgeschäft. Wir beobachten auch einen Abbau der Lagerbestände unserer Kunden“, macht sich der CEO Mut, bleibt aber Realist: „Dennoch erwarten wir für die kommenden Monate eine weiterhin schwache Kundennachfrage. Das Auftragsvolumen für Spezialgraphitprodukte zur Herstellung von Halbleitern auf Siliziumkarbid-Basis wird sich erst wieder erholen, wenn die Lagerbestände in der gesamten Halbleiter-Wertschöpfungskette deutlich abgebaut sind.“ Was die Nachfrage der Automobilkunden von SGL betrifft, „bleiben unseres Erachtens die Auftragseingänge auch in den kommenden Monaten auf einem niedrigen Niveau und werden kurzfristig eingehen“, sagte Klein.
Problembereich Carbon Fibers
Kernstück des Umbaus bei der in Wiesbaden ansässigen SGL ist der Geschäftsbereich Carbon Fibers. Im Februar war beschlossen worden, eine umfangreiche Restrukturierung des viele Jahre defizitären Bereichs durchzuführen – auch weil ein vollständiger Verkauf des Bereichs nicht realisierbar sei, wie der Vorstandschef im März auf der Bilanzpressekonferenz gesagt hatte. Seither wurden unprofitable Geschäfte eingestellt und ein Standort geschlossen: In Lavradio (Portugal) wurden vor allem Acrylfasern produziert. Diese Maßnahmen hatten einen Umsatzrückgang in der Division zwischen Januar und Ende September um ein Fünftel auf knapp 126 Mill. Euro zur Folge.
Erfolgreiches Joint Venture mit Brembo
Doch nicht alle Aktivitäten von Carbon Fibers laufen mehr schlecht als recht. So ist Brembo SGL Carbon Ceramic Brakes, ein Joint Venture mit dem italienischen Bremsanlagenhersteller Brembo, zwar bilanztechnisch der Sparte Carbon Fibers zuzuordnen, von der Restrukturierung aber nicht betroffen. Die Kapazitäten des Gemeinschaftsunternehmens wurden aufgrund steigender Nachfrage nach Carbon-Keramik-Bremsscheiben sogar um 50% erhöht; ursprünglich war eine Aufstockung um 70% geplant. Dafür wurden in Meitingen (bei Augsburg) und Stezzano (Italien) neue Produktionshallen in Betrieb genommen; allein am Standort Meitingen, dem weltweit größten Standort von SGL, wurden dafür 120 Mill. Euro investiert. Carbon-Keramik-Bremsscheiben werden häufig im hochpreisigen Automobilsegment genutzt, da sie eine höhere Bremsleistung, starke Hitzebeständigkeit und lange Lebensdauer bieten.

Foto: SGL Carbon
Nach den ersten neun Monaten wird für Carbon Fibers ein bereinigtes Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 9,5 Mill. Euro gezeigt, nach minus 7,9 Mill. Euro in der Vorjahreszeit und minus 18 Mill. Euro im Gesamtjahr 2024. Kosteneinsparungen von rund 25 Mill. Euro hätten wesentlich zur Verbesserung beigetragen. Allerdings sind in dieser Zeit 76 Mill. Euro Restrukturierungsaufwendungen angefallen – „insbesondere durch Maßnahmen im Zusammenhang mit der Schließung des Standorts Lavradio sowie für das Herunterfahren der Produktion am Standort Moses Lake in den USA“, wie Klein sagte. Diese umfassen zu großen Teilen nicht-liquiditätswirksame Effekte wie Wertberichtigungen auf Anlagen oder Vorräte und die Bildung von Rückstellungen.
Marge bricht von 25 auf 9 Prozent ein
Der umsatzstärkste Geschäftsbereich von SGL ist Graphite Solutions, in dem u.a. Spezialgraphit für die Herstellung von Siliziumkarbid-Halbleitern produziert wird. Die Division steht seit längerem unter Druck: Hohe Lagerbestände bei Kunden, vor allem aus der Chipindustrie, und verschobene Fahrzeugmodell-Einführungen westlicher Autohersteller drücken auf die Nachfrage. Infolgedessen sanken die Erlöse im Jahresvergleich um 21% auf 326 Mill. Euro. Noch stärker ging es mit dem Ebitda bergab: Es brach um 44% auf 58 Mill. Euro ein, so dass die Marge auf 8,9 (i.V. 25,3)% fiel. Gemäß Klein hätten Gegenmaßnahmen zur Aufrechterhaltung der Rentabilität den geringeren Margenbeitrag des Siliziumkarbid-Marktes teilweise ausgeglichen.

Die beiden kleineren Geschäftsbereiche von SGL sind Composite Solutions und Process Technology; letztere richtet sich mit ihren Produkten vor allem an die Chemieindustrie. Composite Solutions ist eng an die kriselnde Automobilindustrie sowie die wechselhaften Entwicklungen in der Elektromobilität geknüpft. Während hier der Umsatz in den ersten drei Kalendervierteln um 11,5% auf 85 Mill. Euro zurückging, blieben die Erlöse in Process Technology mit 102 Mill. Euro vergleichsweise stabil. Deutlicher ist der Unterschied in der Entwicklung der Ebitda-Marge: Bei Composite Solutions sank sie auf 9,8 (11,2)%, bei Process Technology nahm sie dank eines Ebitda-Anstiegs um fast 10% auf 28 Mill. Euro auf 27,3 (24,1)% zu.
Umsatz und operatives Ergebnis sinken im Gleichschritt
Konzernweit ging der Umsatz in den ersten neun Monaten 2025 im Vergleich zur Vorjahreszeit um 16,5% auf 653 Mill. Euro zurück. Das bereinigte Ebitda sank um 15% auf 108,6 Mill. Euro, während die Marge leicht auf 16,6 (16,3)% zulegte. Restrukturierungskosten von insgesamt knapp 85 Mill. Euro führten zu einem negativen Ebit von 15,3 Mill. Euro, nach einem Plus von 68,3 Mill. Euro im Vorjahr. Auch das Nettoergebnis vor Anteilen Dritter wechselte das Vorzeigen: Aus einem Gewinn von fast 33 Mill. Euro wurde ein Verlust von gut 52 Mill. Euro.
Jahresprognosen bekräftigt
Im Juli hatte SGL die Umsatzprognose für 2025 gesenkt, die übrigen Schätzungen aber unverändert gelassen. Nun wurde der Ausblick bestätigt: Die Erlöse sollen um 10 bis 15% unter dem Vorjahreswert von 1,03 Mrd. Euro liegen. Bis zum Sommer war „leicht unter dem Vorjahreswert“ avisiert worden. Das bereinigte Ebitda wird weiter auf 130 Mill. bis 150 (163) Mill. Euro geschätzt.
Die Rendite auf das eingesetzte Kapital (Roce) soll zwischen 9 und 10 (11,4)% landen; nach neun Monaten lag der Wert bei 9,7%.
Der Free Cashflow werde „signifikant unter dem Niveau von 2024“ (38,7 Mill.) liegen, aber positiv sein. Bis Ende September sank der freie Mittelzufluss um ein knappes Fünftel auf 12,5 Mill. Euro. Die Nettofinanzschulden sind seit Jahresanfang um 8% auf 116,5 Mill. Euro gestiegen. Die Eigenkapitalquote von SGL pendelt unverändert um die Marke von 40%. Finanzvorstand Thomas Dippold sagte dazu: „Wir haben eine solide Bilanz, mit einem geringen Verschuldungsgrad von 0,8 und sind somit für die Zukunft auch finanziell sehr gut aufgestellt.“
Aktienkurs seit Juni 2024 um 60 Prozent gesunken
Der Kurs der SGL-Aktie pendelt derzeit um die 3-Euro-Marke. Die Marktkapitalisierung beträgt nach dem Kurssturz der vergangenen 17 Monate um rund 60% nur noch knapp 360 Mill. Euro. Das Analysehaus Jefferies hat das Anlageurteil „Halten“ für SGL Carbon nach Veröffentlichung der Neunmonatszahlen bestätigt und nennt ein Kursziel von 3,50 Euro. Henrik Paganetty attestierte dem Kohlefaserspezialisten ein gutes drittes Quartal. Der positive Free Cashflow sei durch eine disziplinierte Kostenkontrolle und reduzierte Investitionen begünstigt worden.
