Streben nach Größe
Nun kommt auch die Zuliefererseite in Bewegung. Die Halbleiterindustrie steuert 2020 erstmals auf einen Transaktionswert von mehr als 100 Mrd. Dollar in einem Jahr zu – wenn Nvidia und AMD die vor kurzem angekündigten Megaübernahmen gelingen. Auf der Seite der Wafer-Hersteller, die den Chipunternehmen Siliziumscheiben als Grundplatten liefern, ist es wieder der taiwanische Konzern Global Wafers, der die Konsolidierung vorantreibt. Vor vier Jahren hatte das Unternehmen Sun Edison in den USA gekauft. Siltronic in München fiel damit in der Umsatzrangliste der Branche von der dritten an die vierte Stelle und ist nun das Akquisitionsziel von Global Wafers.Strategisch gesehen ist die angestrebte Übernahme sinnvoll. Die zwei Unternehmen könnten sich ergänzende Produktportfolios und Technologien zusammenlegen. Größenvorteile sind in dem stark mit der volatilen Chipkonjunktur schwankenden Markt wesentlich. Stets Spitzentechnologie zu entwickeln ist notwendig, aber teuer.Doch es gibt zwei große Fragezeichen hinter dem Plan von Global Wafers: Was werden die Kartellbehörden davon halten und was die Bundesregierung? Der Wafer-Markt ist ein Oligopol, in dem sich die fünf größten Anbieter mehr als 90 % teilen. Zusammen wären Global Wafers und Siltronic schon jetzt auf dem Umsatzniveau des führenden japanischen Konkurrenten Shin-Etsu. Zwar konzentrieren sich die Kunden in der Halbleiterindustrie immer stärker, doch dürften sie nicht eine noch kleinere Auswahl der Scheibenlieferanten per se akzeptieren wollen. Dieser Aspekt hat allerdings auch eine andere Seite: Von immer besseren Technologien und einer immer höheren Produktqualität, für die Größenvorteile förderlich sind, profitieren die Abnehmer der Wafer.Und was wird die Bundesregierung zum Verkauf von Siltronic sagen? Mit dem im vergangenen Sommer verschärften Außenwirtschaftsgesetz will sie das Verlieren von Technologie verhindern und die Sicherheitsinteressen Deutschlands wahren. Gewiss, mit Wafern lassen sich auch Halbleiter herstellen, die für militärische Zwecke verwendet werden. Doch einen direkten Zusammenhang mit den Siliziumscheiben gibt es nicht. Im Sinne offener Märkte wäre der Übernahme ohnehin zuzustimmen.Für den einstigen Siltronic-Mutterkonzern Wacker Chemie schließlich wäre der Verkauf des restlichen Aktienpakets lukrativ und ein eleganter Ausstieg aus dem zyklischen und investitionsintensiven Geschäft.