Stahlindustrie

Thyssenkrupp legt die Latte höher

Thyssenkrupp hat Rückenwind und erhöht die Prognose für den laufenden Turnus. Voraussetzung ist jedoch, dass ein Erdgasembargo ausbleibt.

Thyssenkrupp legt die Latte höher

ab Köln

Mit dem „besten Halbjahresergebnis seit über zehn Jahren“ im Rücken schraubt Thyssenkrupp die Prognose für den laufenden Turnus nach oben – trotz aller Unsicherheiten hinsichtlich der weiteren Entwicklung des geopolitischen und makroökonomischen Umfelds. Im bereinigten Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) werden jetzt mindestens 2 Mrd. Euro ins Visier genommen, wie Finanzchef Klaus Keysberg bei der Vorlage des Zwischenberichts sagte. Bislang hatten die Essener den Ausbau auf 1,5 bis 1,8 Mrd. Euro ins Auge gefasst. Zugleich soll der Konzernumsatz im niedrigen zweistelligen Prozentbereich wachsen, also etwa 5 Prozentpunkte mehr als bislang angepeilt. Der Jahresüberschuss wird allerdings unverändert bei „mindestens 1 Mrd. Euro“ verortet.

Die Prognose gilt zudem nur, wenn es nicht zu einem Erdgasembargo kommt und sich die Rohstoffpreise auf dem Niveau des zweiten Quartals einpendeln. Einschränkungen in der Gasversorgung zögen insbesondere in der Stahlerzeugung unvorhersehbare Folgen nach sich. Die Produktion könne nur bis zu einem gewissen Punkt gedrosselt werden. „Danach haben wir eine 0-1-Situation“, sagte Keysberg.

Der verbesserte Ausblick ist in erster Linie auf die signifikant gestiegenen Marktpreise für Werkstoffe bei anhaltend guter Nachfrage zurückzuführen, die Thyssenkrupp im Werkstoffhandel und im Stahlgeschäft satte Margensteigerungen bescheren. In den Industriegeschäften machen sich dagegen Lieferkettenprobleme bemerkbar.

Die Kehrseite der Medaille sind gestiegene Rohstoff-, Energie- und Frachtkosten, die das Working Capital aufblähen und letztlich zu erheblichem Mittelabfluss führen. Das hatte die Essener schon im März zur Aussetzung der Cashflow-Prognose veranlasst. Nun wird ein neues Ziel ausgegeben, unabhängig davon, dass die Prognosefähigkeit stark eingeschränkt ist: So wird für das im September endende Geschäftsjahr ein Mittelabfluss (Free Cashflow vor M&A) in Höhe eines mittleren dreistelligen Millionenbetrags erwartet. Das wäre zwar eine Verbesserung gegenüber dem Vorjahr, als 1,3 Mrd. Euro verbrannt wurden. Allerdings hatte Thyssenkrupp zunächst einen zumindest ausgeglichenen Cashflow in Aussicht gestellt. Dieser wiederum gilt als Voraussetzung für die Ausschüttung einer Dividende.

Entsprechend betonen Keysberg und Vorstandschefin Martina Merz im Aktionärsbrief einmütig, dass „die Rückkehr zu einem positiven Free Cashflow und die Wiederherstellung der Dividendenfähigkeit vorrangige Ziele bleiben“. Wann es so weit sein wird, bleibt jedoch offen. Die Investoren ließen dennoch die Sektkorken knallen. Der MDax-Wert legte in der Spitze um gut 14 % zu.

Ruf nach Förderzusagen

Trotz der nicht abschätzbaren Folgen aus dem Ukraine-Krieg und den damit einhergehenden Veränderungen in den globalen Liefer- und Wertschöpfungsketten hält Thyssenkrupp nicht nur an den Börsenplänen für das Wasserstoffgeschäft Nucera fest. Auch zeitlich – der Teilbörsengang ist für das erste Halbjahr 2022 avisiert – soll es dabei bleiben. Das hänge letztlich aber vom Marktumfeld ab, erklärte Keysberg. Zumindest Dritte treiben bereits Schindluder mit der noch nicht vorhandenen Aktie, wie aus einem Warnhinweis auf der Website des Unternehmens hervorgeht. So gibt es mit EB Finanz und Greenrock Financial zwei Firmen, welche die Nucera-Aktie unbedarften Anlegern vorbörslich zum Kauf anbieten.

Nachdem Thyssenkrupp den für die Stahlsparte geplanten Spin-off im März auf Eis gelegt hat, bleibt das weitere Vorgehen im Dunkeln. Das Management sei überzeugt, dass die Eigenständigkeit der Stahlsparte der richtige Weg in die Zukunft sei, sagte Keysberg. „Aber wir brauchen konkrete Förderzusagen“ (für die grüne Transformation). Die Anträge lägen seit geraumer Zeit in Brüssel. Inzwischen drängt jedoch die Zeit, muss die Investitionsentscheidung für die erste Direktreduktionsanlage doch in diesem Jahr fallen, damit die Anlage wie geplant 2025 in Betrieb gehen kann. „Die Investition ist so groß, dafür braucht man Klarheit“, sagte Keysberg, ergänzte aber, dass die Transformation „alternativlos“ sei.

Thyssenkrupp
Konzernzahlen* nach IFRS
1. Halbjahr
in Mill. Euro2021/222020/21
Auftragseingang23 96016 491
Umsatz19 62215 899
Bereinigtes Ebit1 180298
Ebit-Marge (%)6,01,9
Ebit1 090−49
Periodenergebnis709–313
Free Cashflow vor M&A–1 630–718
Nettofinanzposition2 4464 229
Eigenkapital12 75410 414
*) Geschäftsjahr zum 30.9.Börsen-Zeitung
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