Im BlickfeldSchweizer Champions

Ein Dividendenschmaus mit Nebenwirkungen

Den Aktionären der großen börsennotierten Schweizer Unternehmen fließen seit Jahren steigende Dividenden zu. Doch das ist nicht unbedingt ein positives Zeichen. Denn die hohen Ausschüttungen könnten einen Investitionsstau provozieren.

Ein Dividendenschmaus mit Nebenwirkungen

Ein Dividendenschmaus mit Nebenwirkungen

Schweizer Konzerne beglücken ihre Aktionäre seit Jahren mit Rekorddividenden

Von Daniel Zulauf, Zürich

Den Eigentümern der 30 größten Unternehmen an der Schweizer Börse fließen in diesen Wochen insgesamt 43,6 Mrd. sfr an Dividenden zu. Es ist eine immense Summe für die kleine Schweiz. Sie ist zum Beispiel größer als die jährliche Wirtschaftsleistung Lettlands.

Die Analyse der Gewinnausschüttungen, wie sie diese Zeitung seit mehr als zehn Jahren jeweils in Frühling vornimmt, zeigt aber auch eine eindrückliche Entwicklung auf der Zeitachse. So hat sich die Dividendensumme der Firmen, deren Aktien im Swiss Leader Index (SLI) der Six Swiss Exchange enthalten sind, von 2012 bis 2022 um satte 36% erhöht. Der jetzt zur Ausschüttung kommende Gewinnanteil für das zurückliegende Jahr (2022) dokumentiert mit einer Zunahme um 5,3% zum Vorjahr sogar eine überdurchschnittliche Beschleunigung des seit Jahren hohen Dividendenwachstums.

Die 30 Champions an der Schweizer Börse zeigen sich aber auch noch auf eine andere Weise außergewöhnlich großzügig. 2022 haben die Firmen 32 Mrd. sfr ausgegeben, um eigene Aktien zurückzukaufen. Aktienrückkäufe sind vor allem bei angelsächsischen Investoren eine beliebte Alternative zu Dividendenausschüttungen.

Großkonzerne dominieren

Natürlich wird die Statistik von den größten Unternehmen stark beeinflusst. So beliefen sich die Aktienrückkäufe von Nestlé und Novartis allein auf je mehr als 10 Mrd. sfr. Die beiden Multis steuern zusammen mit Roche auch mehr als die Hälfte (22 Mrd. sfr) zur Dividendensumme der 30 SLI-Firmen bei. Das Geld für diese großen Aktienrückkäufe stammt in allen Fällen aus den Erlösen, den die Unternehmen durch den Verkauf von Beteiligungen oder von Unternehmensbestandteilen erzielt haben. Nestlé hatte Ende 2021 den eigenen Anteil am französischen Kosmetikkonzern L’Oréal verringert und dafür fast 10 Mrd. sfr eingenommen. Novartis veräußerte den gesamten Bestand an Roche-Aktien und kassierte dafür fast 20 Mrd. sfr. Und ABB ist immer noch damit beschäftigt die mehr als 10 Mrd. sfr abzuführen, die dem Elektrotechnikkonzern ab 2020 aus dem 2018 beschlossenen Verkauf der traditionsreichen Stromnetzsparte an den japanischen Hitachi-Konzern zugeflossen sind.

Diese großen Portfolioverschiebungen sind denn auch hauptverantwortlich dafür, dass sich die aggregierte Gewinnsumme der 30 beobachteten Schweizer Konzerne 2022 im Vergleich zum Vorjahr um 33,6 Mrd. sfr verringert hat. Für Thomas Meier, Manager eines auf dividendenstarke Aktien fokussierten Anlagefonds beim Frankfurter Asset Manager Mainfirst, spricht denn auch von einer derzeit “großmehrheitlich absolut stimmigen Ausschüttungspolitik” – nicht nur in den Schweizer Unternehmen.

Von einem unstimmigen Gesamtbild müsste dann gesprochen werden, wenn die Firmen mit ihren Ausschüttungen die Qualität der eigenen Bilanz in Mitleidenschaft ziehen würden. Ein solches Problem vermögen indessen, wenigstens für die großen Firmen in Europa, auch Kreditanalysten wie Matthias Hellstern, Spezialist für europäische Industriefirmen in der Ratingagentur Moody’s in London, nicht zu erkennen. Hellstern sieht im Kreis der Großfirmen keinen bedrohlichen Anstieg der Verschuldungsquoten. Dafür habe sich die Wirtschaft auch zur Überraschung von Moody’s viel zu rasch von den jüngsten Rückschlägen erholt, sagt er.

Ein unübersehbarer Fakt ist allerdings, dass die 30 größten Börsenfirmen der Schweiz in den vergangenen zehn Jahren ihre Ausschüttungen im Durchschnitt deutlich stärker erhöht haben, als ihre Gewinne gestiegen sind. Die aggregierte Gewinnzunahme der beobachteten Unternehmen belief sich zwischen 2012 und 2022 auf 9,3 Mrd. sfr (plus 20 Prozent). Das ist zwar nicht viel weniger als die Zunahme der Dividendensumme im gleichen Zeitraum (plus 11,5 Mrd. sfr). Rechnet man aber die Aktienrückkäufe hinzu, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Jede dritte der 30-SLI-Firmen hat 2022 solche Aktienrückkäufe durchgeführt, und über die vergangenen zehn Jahre haben die SLI-Gesellschaften schätzungsweise um die 100 Mrd sfr dafür aufgewendet.

Fondsmanager Thomas Meier sieht darin nichts Schlechtes, im Gegenteil: “Dividenden ausschütten zu müssen, hat einen disziplinierenden Effekt auf das Management von Unternehmen”, meint er. “Es zwingt die Leitungsorgane, die Zahlungsfähigkeit der eigenen Unternehmung im Blick zu halten. So nimmt das Risiko ab, dass Strategien nur für die Galerie entwickelt werden.”.

Anastassios Frangulidis, Chefökonom bei der Genfer Privatbank Pictet, bewertet die Entwicklung aus einer gesamtwirtschaftlichen Perspektive. So kommt er zu kritischeren Ergebnissen. Das überproportionale Wachstum bei den Gewinnausschüttungen sei ein Phänomen, das seit der letzten Finanzkrise vor 15 Jahren Bestand habe. Grund seien die Wachstums- und Konjunkturaussichten, die sich etwa im Vergleich zu den Roaring 1990ties weltweit deutlich eingetrübt hätten. “Wenn Firmen weniger Chancen zum wachsen sehen, dann werden sie vorsichtiger, nehmen weniger Risiken, investieren weniger und schütten ihre Gewinne lieber an die Aktionäre aus”, erklärt Frangulidis die dem Dividendenzyklus zugrundeliegende Logik.

Was für die Aktionäre derzeit ein Segen ist, kann sich für die Gesamtwirtschaft längerfristig als Last erweisen. Denn wenn Unternehmen weniger investieren, leidet früher oder später auch deren Produktivität. Das Phänomen ist schon seit geraumer Zeit in vielen Industrieländern zu beobachten. Ökonomen wie Frangulidis sprechen deshalb von einem “säkulären” Rückgang der Produktivität. Weil das Produktivitätswachstum maßgebend für das Lohnwachstum ist, kann sich die breite Masse der Lohnempfänger nur bedingt mit den Aktionären über deren jährlichen Dividendenschmaus freuen.

Gewiss, von den Vorsorgevermögen von mehr als 1000 Mrd. sfr, die Herr und Frau Schweizer in ihren Pensionskassen auf der hohen Kante haben, ist ein dreistelliger Milliardenbetrag in heimischen Aktien angelegt. Doch weil die Vermögen viel schlechter verteilt sind in der Bevölkerung als die Einkommen, hat in den Industrieländern in den vergangen 15 Jahren eine erhebliche Umverteilung zu Gunsten der Bevölkerungskreise mit den höchsten Vermögen stattgefunden.

In der Schweiz fließen mehr als 2,5 Mrd. sfr oder über 5% der Dividendenzahlungen der 30 SLI-Firmen direkt in die Schatullen von einem Dutzend Familien und Privatpersonen. Der ungekrönte Schweizer Dividendenkönig ist inzwischen Klaus-Michael Kühne. Der gebürtige Hamburger erhält heuer allein aus seinem Mehrheitsanteil am Logistikkonzern Kühne + Nagel Dividenden in Höhe von fast 900 Mill. sfr – 40% mehr als im Jahr davor. Als Großaktionär (30%) der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd fließen dem Deutschen gerade nochmals mehr als 3 Mrd. Euro an Dividenden zu.

Kein Segen für die Ewigkeit

Angesichts dieser Zahlen könnten selbst die Nachfahren der Roche-Gründer (Familien Hoffmann und Oeri), die verbliebenen Sandoz-Erben (Familien Sandoz und Landolt), die schwedischen ABB-Hauptaktionäre (Wallenbergs) oder auch die Schmidheinys, die Nachkommen der Holcim-Gründer, die Schweizer Zementdynastie (Holcim) oder die Hayeks mit ihrem Uhrenimperium Swatch neidisch werden.

Der große Dividendenrausch hält zwar schon erstaunlich lange an, aber es ist kein Segen für die Ewigkeit, sagt Ökonom Frangulidis. Spätestens wenn der Investitionsstau dazu führt, dass der Kapitalstock der Unternehmen zu verrotten beginnt, müssen sich die Aktionäre in Zurückhaltung üben. Sonst gefährden sie das langfristige Potential ihrer Unternehmen, höhere Gewinne zu erwirtschaften. Deshalb sagt auch Fondsmanager Meier: “Dividendenzahlungen aus der Substanz lehnen wir strikt ab.” Wann der Moment für einen Wechsel des Zyklus gekommen ist, weiß niemand so genau. Der Blick auf die Statistik weckt den Eindruck, als sei er nicht mehr allzu weit entfernt.

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