Im GesprächStephen Voss, Neodigital

„Schneller und kostengünstiger als ein komplett proprietäres System“

Vor allem kleine Versicherer haben bei der Digitalisierung Nachholbedarf, sagt Stephen Voss von Neodigital. Denn lange sei IT keine Kernkompetenz der Versicherer gewesen. Der Rückstand könne zuweilen auch Grund für eine Fusion sein.

„Schneller und kostengünstiger als ein komplett proprietäres System“

Im Gespräch: Stephen Voss

Versicherer haben bei Digitalisierung Nachholbedarf

Der Gründer und Vorstand des Insurtechs Neodigital spricht sich für Standardlösungen aus – Telematiktarife wieder im Kommen

Von Thomas List, Frankfurt

Die Versicherer in Deutschland und anderen europäischen Märkten müssen laut Stephen Voss, Mitgründer und Chief Security Officer des Insurtechs Neodigital in puncto Digitalisierung noch einiges tun. Keiner dieser Märkte sei durchdigitalisiert. „Aber es ist ein großes Thema“, sagt er im Gespräch mit der Börsen-Zeitung. Die Unternehmen leiden unter großem Fachkräftemangel – nicht nur in der IT, sondern auch im Betrieb und im Kundenkontakt, sei es der Endverbraucher oder der Vertriebspartner wie ein Makler.

Viele Versicherer kämpften mit großen Rückständen, von der Antragsbearbeitung bis zur Schadenabwicklung. Auf der anderen Seite seien die Kunden anspruchsvoller geworden, sagt er: „Sie erwarten im Grunde, dass ihre Anliegen in Echtzeit erledigt werden. Das sind sie inzwischen gewohnt.“

Automatisierung als Lösung

„Diese Themen ließen sich durch Automatisierung lösen.“ Dafür sei geschultes IT- und Fachpersonal und eine möglichst homogene IT-Systemlandschaft erforderlich, sagt Voss. „Aber die wenigsten Versicherer haben echte eigene Entwicklungskapazitäten. Denn vor 15 oder 20 Jahren war IT keine Kernkompetenz.“ Deshalb bieten Dienstleister wie IBM, SAP, Adesso, Accenture oder EY Digitalisierungsprojekte an, die aber Zeit brauchen.

„Versicherer, mit denen wir gesprochen haben, bestätigen uns, dass man Projekte mit den Anbietern durchführen kann“, sagt Voss. Diese Projekte nähmen Jahre in Anspruch und beanspruchten in hohem Maße auch interne Kapazität und erforderten ein Investitionsbudget im mindestens zweistelligen Millionenbereich.

Stephan Voss, Foto: Neodigital

Neodigital nimmt für sich in Anspruch, mit einer eigenen Lösung („Factory“) schneller („binnen weniger Monate“), effizienter (mit „geringem Einsatz an Fachkapazität“) und günstiger („deutlich geringere Investitionskosten“) zu sein und vom Start weg eine sehr hohe Automatisierung zu erreichen.

Digitalisierungsvorhaben sind sehr teuer. „Das ist für die ganz Großen wie Allianz & Co kein Problem, für alle anderen aber schon.“ Die Lösung könnten Fusionen sein – ein Beispiel wäre der angekündigte Zusammenschluss von Gothaer und Barmenia – aber auch Kooperationen.

„Wir als Neodigital haben zum Beispiel die Technik für die Krankentagegeldversicherung der Süddeutschen Krankenversicherung geliefert. Diese Lösung ist einfach schneller und kostengünstiger, als ein komplett proprietäres System aus dem Boden zu stampfen.“ Auch wenn Technik und Daten vorhanden seien, stelle sich die Frage, wie man diese in die Bestandssysteme integriert.

Voss illustriert die Probleme an einem Projekt: „Ein Pkw-Glasschaden bietet die Option einer sehr hohen Automatisierung.“ Durch ein Joint Venture mit HDI werde das Fintech die Automatisierungsquote auf bis zu 90% erhöhen. Die gewählte Lösung sehe vor, dass der Kunde seinen Schaden dem Versicherer meldet, das Fintech die Kunden- und Schadendaten aus den Bestandssystemen bezieht und den Schaden auf einer eigenen technischen Strecke bearbeitet. Dieser Prozess sei für den Versicherer jederzeit verfolgbar.

Acht Schnittstellen

„In diesem konkreten Fall gab es acht Schnittstellen mit den Systemen des Versicherers, was im Zuge der Herausforderungen in den IT-Systemlandschaften größerer Versicherer aus Sicht der IT-Architektur ein sehr gutes Ergebnis ist“, sagt Voss. Denn Versicherer hätten in der Regel historisch bedingt kein integriertes System, sondern Stand-Alone-Systeme, etwa für Kundendaten, Schäden und Inkasso.

In der Kfz-Versicherung sind die Schadenkosten in der vergangenen Jahren kräftig gestiegen. Voss: „Über die vergangenen zehn Jahre haben die Schadenkosten um mehr als 43% zugelegt.“ Eine Möglichkeit, dies abzufedern, ist die Automatisierung von Standardprozessen. „Das lässt sich von Versicherern mit einem kleinen Kfz-Bestand kaum wirtschaftlich darstellen“, gibt Voss zu bedenken. Das dürfte einer der Gründe für manch Fusionsvorhaben in der Branche sein.

Telematiktarife wieder interessant

Da die Versicherer nur einen Teil der Kostensteigerungen an den Kunden über Beitragserhöhungen weitergeben können, müssen neben der Automatisierung und Digitalisierung weitere Effizienzpotenziale gehoben werden. Auf Kundenseite kann das (neben Klassikern wie der Werkstattbindung) die Telematik sein. „Ich rechne in den nächsten Jahren mit einem größeren Angebot an Telematiktarifen, weil sich über die erhöhte Datendichte die Risiken besser steuern lassen. Gleichzeitig kann der Kunde mit Rabatten von bis zu 30% rechnen.“

Telematiktarife wollten einige Versicherer schon vor einigen Jahren einführen, haben es dann aber wieder gelassen. „Die Stückkosten für die Technik waren so hoch, dass sie den möglichen Rabatt aufgefressen haben“, so Voss. „Heute kostet unser Erfassungssensor im Einkauf 2 oder 3 Euro, je nach Verfügbarkeit und Halbleiterpreis.“ Neodigital nutzt Telematiktarife im eigenen Geschäft, will die Technik aber ab kommendem Jahr auch anderen Versicherern anbieten. „Wir arbeiten in diesem Projekt mit 25 Versicherern zusammen. Anfang 2024 wollen vermutlich drei Gesellschaften mit unserer Lösung starten.“ Neodigital stellt neben der Technik den Sensor zur Verfügung.

Die erfassten Fahrdaten gehen in einen Datenpool von MSK aus Köln, den diese auch als Treuhänder verwaltet, weil verständlicherweise keine Versicherung einem Wettbewerber die eigenen Kundendaten zur Verfügung stellen will. Auf Grundlage der erfassten Fahrdaten hat MSK für Neodigital einen Algorithmus entwickelt, um die jeweilige Fahrt mit einem Score bewerten zu können. Der Score ist vergleichbar einem Bonitätsscore bei der Schufa. Der Versicherer muss dann entscheiden, bei welchem Score er dem Kunden welchen Rabatt geben will.

Vor allem kleine Versicherer haben bei der Digitalisierung Nachholbedarf, sagt Stephen Voss von Neodigital. Denn lange sei IT keine Kernkompetenz der Versicherer gewesen. Der Rückstand könne zuweilen auch Grund für eine Fusion sein. Das Insurtech wirbt dafür, bestimmte Funktionen auszulagern.

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