Matthias Hach

„Wir sind einer der größten Neobroker“

Der zu Wallstreet Online gehörende Smartbroker wächst stark und sieht sich als einer der größten Neobroker in Deutschland. Für das Depotgeschäft, das Finanzkommissionsgeschäft und den Eigenhandel wurden BaFin-Lizenzen beantragt.

„Wir sind einer der größten Neobroker“

Von Björn Godenrath, Frankfurt

Matthias Hach war der letzte Mohikaner im Top-Management der Comdirect, der die Quickborner Ende 2020 mit der Vollintegration in die Commerzbank verließ. Und auch wenn ihm der Abschied bei der bis dahin im Grunde wie ein erwachsenes Start-up geführten Direktbank schwerfiel, so fühlt er sich nun doch wunderbar angekommen beim zwei Jahre jungen Smartbroker mit seiner Aufbruchstimmung. Seit knapp einem Jahr treibt Hach als CEO das Wachstum und die Professionalisierung des zur Wallstreet Online AG zählenden Neobrokers voran.

Ein gutes Jahr

„Ich kann jetzt schon sagen, dass der Smartbroker und mit ihm die Gruppe ein gutes Jahr erlebt haben. Wir sind auf bestem Kurs, unsere Jahresziele zu erreichen, denn wir sind per Ende November nicht so weit entfernt davon.“ Die Erwartung eines Gruppenumsatzes von 45 bis 50 Mill. Euro bestätigt er im Ge­spräch mit der Börsen-Zeitung und fügt an, das sei eine annähernde Verdoppelung, die sich auch im operativen Gruppen-Ergebnis (bereinigtes Ebitda vor Smartbroker-Kundenakquisekosten) von 16,5 bis zu 18,5 Mill. Euro wiederfinden werde. Auch für 2022 sei man sehr ehrgeizig, da zudem das von Hach als „Classic-Bereich“ bezeichnete Media-Geschäft mit einem Traffic-Plus von zuletzt 37% außerordentlich gut performe.

Für Hach steht das kommende Jahr aber noch im Zeichen der weiteren Professionalisierung. Darunter fällt auch, dass neben der entstehenden Smartbroker-App eine Verbindung zwischen dem Brokerage und den annähernd eine Million regis­trierten Nutzern der Investment-Community von Wallstreet Online geschaffen werden soll. Der Smartbroker wolle den „organischen Traffic nutzen“ und verfolge damit ein Hybridmodell, skizziert Hach die kurzfristigen Ziele.

„Bei den Assets under Management (AuM) gehen wir davon aus, dass wir im Januar die Marke von 10 Mrd. Euro reißen, womit wir innerhalb von gut zwölf Monaten eine Verdoppelung erzielt hätten. Damit sind wir einer der größten Neobroker in Deutschland, und ich würde sagen, das Momentum beim Smartbroker ist keinesfalls schwächer als bei Trade Republic oder Scal­able.“ Das Gros der zusätzlichen AuM komme von traditionellen Banken – das ist wohl bei allen Neobrokern so, die mit niedrigen Transaktionskosten zum Tradingboom unter jungen deutschen Anlegern beigetragen haben. Nach Daten von Barkow Consulting, die kürzlich von Whitebox veröffentlicht wurden, haben private Anleger im ersten Halbjahr 1,4 Millionen neue Depots eröffnet – und davon zu zwei Dritteln bei digitalen Anbietern wie Neobrokern, Neobanken und Robo-Advisors.

Der Boom setzt sich fort

Smartbroker-Chef Hach steuert das organisatorische und strategische Wachstum in einem Umfeld, in dem sich nach der üblichen Sommerflaute der Tradingboom fortsetzt. Man habe auf mehr als 100 Mitarbeiter aufgestockt, um das Geschäftsvolumen zu stemmen, sagt er. Im Hintergrund wurde eine eigene IT-In­frastruktur aufgebaut sowie ein um­fangreiches Insourcing von Dienstleistungen betrieben; zudem sollen mehr BaFin-Lizenzen erworben werden. Für das Depotgeschäft, das Finanzkommissionsgeschäft und den Eigenhandel wurden Ende Juli die Anträge bei der BaFin eingereicht. Die Erlaubnisse sollten dann im ersten Halbjahr 2022 vorliegen, so seine vorsichtige Erwartung.

Die von der EU-Kommission ge­plante Mifid/Mifir-Novelle mit dem geplanten Verbot des Payment for Orderflow (PFOF) würde alle Broker, Banken sowie Versicherer treffen, da es auch um Bestandsprovisionen geht, so Hach. Der Smartbroker sei abhängig von Rückvergütungen, gibt er mit Blick auf das Geschäftsmodell zu. Bei einem Komplettverbot würde man die Gebühren dann wohl um 1 bis 2 Euro pro Trade anheben müssen, um den Wegfall der Rückvergütungen zu kompensieren. Aber selbst ohne PFOF würde der Abstand bei der Orderbepreisung zwischen den Neobrokern und der traditionellen Konkurrenz bleiben.

Noch sei bei den Rückvergütungen aber nicht aller Tage Abend, denn im Januar stehe im Europaparlament die nächste Anhörung zur Retail-Richtlinie der Kommission an – und einige Abgeordnete haben sich, wie Sven Giegold von den Grünen, schon sehr eindeutig für Retail und damit für den Erhalt von PFOF positioniert.

Hach beteuert, der Smartbroker gebe den Vorteil aus dem Orderflow an die Kunden weiter: Unter dieser Voraussetzung ist PFOF derzeit als Ausnahme unter Mifid II erlaubt. Er weist darauf hin, dass in Deutschland mit seinem Dutzend Handelsplätzen sowieso eine einmalige Situation bestehe, die Kunden verschiedene Optionen für den besten Preis der Handelsausführung liefere. Im Prinzip gebe es in Deutschland schon das „consolidated tape“, das einen Überblick über Kurse in Echtzeit verschafft. Ob die Privatanleger den Durchblick bewahren können, wenn ihnen Echtzeitkurse von allen 365 europäischen Handelsplätzen entgegenblinken? Hach bezweifelt das, macht aber den Eindruck, dass er nicht wirklich mit möglichen und unmöglichen EU-Vorgaben hadert, sondern das umsetzen wird, was die Richtlinie vorschreibt.

Das Tradingverhalten im deutschen Retail ist sehr traditionell: Für viele Anleger sei es quasi „gelerntes Verhalten“, über Xetra zu handeln, auch wenn die Trade-Republic-Studie gezeigt habe, dass über das Orderrouting zu den Marketmakern bis zu 20% bessere Kurse gestellt würden und damit was drin sei für den Privatanleger. Ihm ist schleierhaft, warum die Deutsche Börse die Xetra-Handelszeiten nicht schon längst bis 20 Uhr ausgebaut hat; allerdings habe Tradegate so gute Liquidität nicht nur über 17.30 Uhr hinaus, dass auch Tradegate gut als Referenzpreis für „Best Execution“ herhalten könne. Bislang ist einzig Xetra die Benchmark für die Orderqualität, auf europäischer Ebene wäre es dann der besagte gemeinsame Datenträger, der ein Amalgam aller Handelsplätze als Referenzpreis abbilden soll. Allerdings zeigen sich hier bereits Hürden für die Umsetzung von Kursen in Echtzeit.

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