Versicherer klagen über ESG-Berichtspflichten
Versicherer klagen über ESG-Pflichten
GDV warnt vor "Datenfriedhöfen" in Nachhaltigkeitsberichten – Ausnahmen für kleine Häuser gefordert
wbr Frankfurt
Ein Übermaß an Regulierung hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) beklagt und dabei auf die Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung verwiesen. Die Vorgaben seien zu umfangreich und in vielen Fällen nicht passend für die Branche. Der GDV fordert Ausnahmen für kleine Anbieter.
Die deutschen Versicherer klagen über die Vorgaben in der Nachhaltigkeitsberichterstattung: Zwar befürworte die Branche eine standardisierte Praxis, jedoch seien die Pflichten umfangreich und kleinteilig, kritisierte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) am Dienstag. "Bei der Berichterstattung sollten nur diejenigen Inhalte in den Fokus genommen werden, die nachweislich zu mehr Nachhaltigkeit führen", sagte Christoph Jurecka, Vorsitzender des GDV-Ausschusses für Unternehmenssteuerung und Regulierung, "Nachhaltigkeitsberichte sollten keine Datenfriedhöfe sein."
Die Branche werde alles daransetzen, die neue EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (Corporate Sustainability Reporting Directive, CSRD) schnell umzusetzen, hob Jurecka, der auch Finanzvorstand der Munich Re ist, auf der Presseveranstaltung hervor. Die Richtlinie gilt für Geschäftsjahre ab 2024. Zu erwarten seien 76 CSRD-Berichte der Mitglieder des Verbandes.
Leider sei Brüssel mit der Komplexität über das Ziel hinausgeschossen. Viele Vorschriften ergeben nicht unbedingt eine gute Berichterstattung, wie Jurecka argumentiert. "Die Fülle überfordert die Unternehmen." Ein Problem sei es, dass als Standard das Maximum der Berichtsanforderungen angesetzt werde. Was Unternehmen weglassen könnten, weil es sie nicht betreffe oder keinen Einfluss habe, sei oft nicht klar definiert.
Über 1.000 Regeln
Oft seien die Vorgaben nicht nachvollziehbar, etwa wenn ein Rechtsschutzversicherer nach den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) berichten müsse, wie er mit der Entsorgung von Nuklearmüll umgehe. Ein anderes Beispiel seien Versicherungen für bereits gebaute Gebäude, bei denen Angaben keine Steuerungsrelevanz mehr hätten.
Christoph Jurecka, Vorsitzender des GDV-Ausschusses für Unternehmenssteuerung und RegulierungDie Kosten gehen für die Industrie in den dreistelligen Millionenbereich oder darüber hinaus.
In Vorbereitung auf die neuen Vorgaben befassten sich derzeit alle Unternehmen mit der Nachhaltigkeitsberichterstattung, da mehr als 1.000 einzelne Verpflichtungen zu erfüllen seien. Die Herausforderung sei extrem hoch, da es einerseits um die Datenbeschaffung und die Datenqualität gehe, andererseits Prozesse aufgebaut und eine Infrastruktur geschaffen werden müssen. "Das ist ein riesiger Aufwand", sagte Jurecka. "Die Kosten gehen für die Industrie in den dreistelligen Millionenbereich oder darüber hinaus."
Der Verband fordert außerdem, dass es Ausnahmen für kleine und mittlere Versicherer mit bis zu 500 Beschäftigten gibt. Obwohl deren Marktanteile regelmäßig unter 0,5% liegen, würden sie definitorisch als große Unternehmen eingestuft, kritisiert der GDV.
Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage
Zufrieden zeigt sich der Verband mit den Nachhaltigkeitszielen in der Kapitalanlage. „Die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien ist ein fester und etablierter Bestandteil“, sagte GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. „90% der Kapitalanlagen sind inzwischen nach Nachhaltigkeitskriterien angelegt.“ Dabei seien Ausschlusskriterien (77,5%) weit verbreitet. Das normenbasierte Screening (etwa auf Basis des UN Global Compact) werde von 62,1% genutzt. Ein umfassenderer ESG-Integrationsansatz sei in 58,1% der Häuser im Einsatz.

Versicherer haben im vergangenen Jahr den Anteil nachhaltiger Anlagen deutlich erhöht und würden hier laut GDV gerne noch mehr leisten. In der Praxis zeige sich allerdings, dass etwa der Anteil von Green Bonds oder Investments in erneuerbare Energie zwar wachse, aber noch im niedrigen einstelligen Prozentbereich gemessen am gesamten Kapitalanlagevolumen von rund 1.900 Mrd. Euro liege.
CO2-Fußabdruck nimmt zu
Asmussen räumte ein, dass der Weg zur CO2-Neutralität bis spätestens 2050, zu der sich die deutschen Versicherer bekannt haben, „nicht immer geradlinig verläuft“. Das zeige sich auch im CO2-Fußabdruck. „Nach 71 Tonnen CO2 bezogen auf 1 Million Euro Investment im Jahr 2021 lag dieser Wert im vergangenen Jahr bei 79 Tonnen.“ Als Gründe nannte Asmussen durch Corona bedingte Nachholeffekte und mangelhafte Datenverfügbarkeit.