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Die Wende vom Verbrennungsmotor zum Elektroauto eröffnet Chancen für Unternehmen und Aktionäre gleichermaßen

Die Mobilitätswende ist in vollem Gange: Wind- und Solarenergiebetriebene Elektroautos (E-Autos) sind schon heute deutlich wirtschaftlicher als Autos mit Verbrennungsmotor - mit weitreichenden Folgen für Ölkonzerne, Autobauer und Batteriehersteller. Gerade im Leitmarkt China kannte der E-Autoabsatz lange Zeit nur eine Richtung: aufwärts. Zuletzt stockte die Nachfrage jedoch, so der "Electromobility Report 2019" des Center of Automotive Management (CAM). Nach Jahren des Wachstums schrumpfte der Markt zwischen Juli und September 2019 erstmals. Dank starker Zahlen im ersten Halbjahr liegt der E-Auto-Absatz jedoch weiter mit 21 % im Plus.

Stagnation in den USA

Auch in den USA, dem zweitgrößten E-Fahrzeugmarkt, stagniert der Absatz. Bis September 2019 wurden hier 236 000 E-Autos verkauft, ein mageres Plus von 0,5 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Anders in Europa, wo vielerorts eine hohe Dynamik erkennbar ist. Deutschland bleibt drittwichtigster Markt und kann seinen Vorsprung noch ausbauen. Mit einem Zuwachs von 48 % zählt es derzeit zu den am stärksten wachsenden Märkten für E-Autos weltweit. In absoluten Zahlen: Das Absatzvolumen hierzulande beläuft sich nach drei Quartalen auf rund 74 000 Stück - in China waren es im selben Zeitraum rund 871 000 Fahrzeuge.

Dies sind erst die Anfänge, noch haben sich Elektroautos nicht durchgesetzt. Doch spätestens in fünf Jahren könnten sie weltweit ihren Siegeszug antreten. So gehen die Analysten von DNV GL davon aus, dass Elektroautos 2024 kostentechnisch gleichauf mit Verbrennern liegen werden, was ihren ge-samten Lebenszyklus vom Kauf bis zum Betrieb und zu Reparaturen angeht. Den "Electric Car Tipping Point" - den Zeitpunkt, wo bereits jedes zweite Auto mit einem Elektromotor unterwegs sein wird - erwarten Experten der Boston Consulting Group um das Jahr 2030. Wirtschaftlicher sind Elektroautos verglichen mit herkömmlichen Fahrzeugantrieben schon heute.

Siebenmal wirtschaftlicher

In seiner aktuellen Untersuchung "Wells, Wires and Wheels" ermittelt BNP Paribas Asset Managenemt den Energy Return on Capital Invested (EROCI). Verglichen wird der Energieertrag von Öl im Vergleich zu erneuerbaren Energien als Antrieb von Autos. Sprich: Wie weit kommt man aktuell mit einem Investment von 100 Mrd. Dollar?

Das Urteil ist eindeutig: Schon heute bringen bei gleichem Kapitaleinsatz mit Wind- und Solarenergie betriebene Elektroautos sechs bis siebenmal mehr Energie auf die Straße als solche, deren Benzinmotoren im weitesten Sinne mit Öl betrieben werden. Der Unterschied ist weniger deutlich, wenn man von Dieselfahrzeugen ausgeht, doch auch dann sind Wind- und Solarenergie immer noch drei- bis viermal so effektiv wie der Verbrennungsmotor.

Der "Break-Even-Point", also die Schwelle, an der für dasselbe Geld dieselbe Menge an Antriebsenergie zur Verfügung steht, liegt demnach bei etwa 9 bis 10 Dollar pro Barrel Öl, wenn dieses in Benzinmotoren fließt und 17 bis 19 Dollar pro Barrel bei Dieselmotoren. Damit Öl wettbewerbsfähig bleibt, müsste der Preis also deutlich fallen: Brent-Öl kostet derzeit etwa 60 Dollar, während die Sorte WTI für rund 54 Dollar gehandelt wird.

Sprit ist teuer, gerade langfristig. Um das Mobilitätsniveau von Benzin aus dem Jahr 2018 für die nächsten 25 Jahre zu halten, braucht es Investitionen von etwa 24,6 Bill. Dollar. Die Kosten für neue Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien liegen dagegen nur bei 4,6 bis 5,2 Bill. Dollar. Kurz: In diesem Zeitraum die gleiche Mobilität mit Benzin zu erzielen wie mit Elektrofahrzeugen und erneuerbaren Energien kostet etwa sechs- bis siebenmal so viel.

Und selbst wenn man die Kosten für den Aufbau einer neuen Netzinfrastruktur berücksichtigt, um die zusätzliche Strommenge zu bewältigen, die aus all den neuen Wind- und Solarkapazitäten entsteht, zeigt die Analyse: Die Wirtschaftlichkeit der erneuerbaren Energien schlägt die von Öl klar. Ob nun in Form von Benzin oder Diesel - die Tage von Öl als alleiniger Kraftstoff für Autos scheinen gezählt.

Der Ölindustrie erwächst hier eine ernste Bedrohung für ihr Geschäftsmodell. Derzeit entfallen 36 % der Rohölnachfrage auf den Betrieb von Fahrzeugen, die sich für die Elektrifizierung eignen. Weitere 5 % fließen in die Stromerzeugung. Die konkurrierenden, erneuerbaren Energien könnten also leicht bis zu 41 % des weltweiten Ölbedarfs ersetzen. Für sie sprechen die kurzfristigen Grenzkosten von Null, ihre Umweltfreundlichkeit und ein einfacher Transport.

Hinzu kommt: Absehbare Verschärfungen der Abgasgrenzwerte zwingen die Autohersteller, ihre Investitionen in Zukunftsantriebe deutlich aufzustocken. So will der Volkswagen-Konzern bis 2025 ein Viertel seiner Flotte mit Elektro- oder Hybridantrieben ausstatten. BMW hatte zunächst auch für 2025 eine Reihe von Elektrofahrzeugen angekündigt. Die sollen nun schon zwei Jahre früher serienreif sein. Mercedes will sogar schon 2022 seine gesamte Flotte elektrifizieren. Die dafür nötigen Investitionen sind enorm, allein bei VW sind rund 44 Mrd. Euro eingeplant. Bei vielen Projekten ist jedoch schwer zu sagen, ob und wann sie Profit abwerfen.

Neue Player am Start

Die Auswertung der Weltklassepatente durch das Schweizer Wirtschaftsforschungsinstitut EconSight zeigt: Gemessen an der Anzahl der Patente sind zwar auch Autohersteller wie Ford, Honda und Toyota unter den Top-10-Unternehmen. Führend im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) in der Mobilität sind jedoch IT-Unternehmen, wie etwa Intel mit seinem Tochterunternehmen Mobileye, Microsoft oder Alphabet.

Der Wechsel zur E-Mobilität birgt aber auch Chancen für Autobauer, etwa in der Batterietechnik. Mittelfristig zweifelt wohl kaum jemand daran, dass der Bedarf an Batterien für Autos und Kleinbusse in den kommenden Jahren steigen wird. Nur: Das Geschäft mit Antriebsbatterien für Autos beherrschen derzeit Firmen wie CATL aus China und die Koreaner LG Chem und Samsung, dafür bauten sie zum Teil eigene Werke in Europa.

Der Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Peter Altmaier, verkündete daher 2018, dass der Aufbau von Produktionsstätten in Deutschland mit bis zu 1 Mrd. Euro unterstützt werden soll, damit die deutsche Automobilindustrie nicht in eine negative Abhängigkeit gerät - und die Energiewende auf deutschen Straßen womöglich auf der Strecke bleibt.

Ein Beispiel für die Produktion in Deutschland ist VW: Zusammen mit dem schwedischen Batteriehersteller Northvolt ist man in der European Battery Union führend. Unter Federführung von VW sollen in Deutschland bis zu drei Fertigungsstandorte für Batterien entstehen, bis zu 1 Mrd. Euro will sich der Konzern diese Investition in die Zukunft kosten lassen. Hier will VW nicht nur Akkus produzieren, sondern auch an neuen Technologien für die Stromspeicherung forschen. Ein Stichwort dazu ist die Feststoffbatterie, die höhere Energiedichten und damit leichtere Akkus ermöglicht. Damit könnten dann nicht nur PKW, sondern auch Nutzfahrzeuge für den mittelschweren Straßentransport betrieben werden, ohne deren Nutzlast durch schwere Akkupacks zu sehr einzuschränken.

Sich selbst eine Meinung bilden

Fest steht schon jetzt: Der E-Trend ist gekommen, um zu bleiben und die Wende vom Verbrennungsmotor zum Elektroauto eröffnet Chancen für Unternehmen und Aktionäre gleichermaßen. Anleger sollten sich aber nicht von aktuellen Kennzahlen oder euphorischen Schlagzeilen blenden lassen. Stattdessen sollten sie besonderes Augenmerk auf die Gesamtstrategie der Unternehmen in ihrem Portfolio legen und sich dann eine Meinung bilden, ob es sich um ein nachhaltiges Investment handelt.

Mark Lewis, Global Head of Sustainability bei BNP Paribas Asset Management und Ingo Ahrens, Head of Germany bei BNP Paribas Asset Management

Börsen-Zeitung, 09.11.2019, Autor Mark Lewis, Global Head of Sustainability bei BNP Paribas Asset Management und Ingo Ahrens, Head of Germany bei BNP Paribas Asset Management, Nummer 216, Seite B 4, 1101 Wörter

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