InterviewPhil Macartney

"Investoren beginnen zu verstehen, dass es einige echte Champions in Europa gibt"

Phil Macartney, Fondsmanager im European Equities Team bei Jupiter AM, erklärt im Interview der Börsen-Zeitung, warum der KI-Hype ohne europäische Unternehmen gar nicht möglich wäre, warum gerade viel für Small und Mid Caps spricht und auf welche Unternehmen er jetzt setzt.

"Investoren beginnen zu verstehen, dass es einige echte Champions in Europa gibt"

Im Interview: Phil Macartney

"Es gibt einige echte Champions in Europa"

Jupiter-Stratege sieht gute Chancen für europäische KI-Titel – Attraktive Ausgangsposition für „Kohorte“ von Small und Mid Caps – Neuer Zyklus für Halbleiter?

Phil Macartney, Fondsmanager im European Equities Team bei Jupiter Asset Management, erklärt im Interview der Börsen-Zeitung, warum der KI-Hype ohne europäische Unternehmen gar nicht möglich wäre, warum gerade viel für Small und Mid Caps spricht und auf welche Unternehmen er jetzt setzt.

Anleger rechnen fest mit Leitzinssenkungen in diesem Jahr. Wann, glauben Sie, Mr. Macartney, ist es so weit? Und welche Branchen dürften davon profitieren?

Sicherlich ist es eher eine Frage des Wann als des Ob. Es ist klar, dass sich die Inflation schneller verlangsamt hat, als es einige Zentralbanken erwartet haben. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sich aus den hohen Leitzinsen ergeben, das geringe Wachstum, die Lebenshaltungskostenkrise, die langsam zu spüren ist. Die Verbraucherausgaben und die Verbraucherstimmung sind weiterhin schwach. Unternehmen beginnen ihre Belegschaften zu verkleinern. In einem solchen Umfeld werden die Zinssätze angepasst werden müssen, damit wir nicht wirklich eine harte Landung erleben. Ich bin mir sicher, wir werden im Jahr 2025 über ein ganz anderes Zinsumfeld sprechen.

Mr. Macartney, bei den Blue Chips sorgte zuletzt besonders der Hype um KI-Titel für Auftrieb. Europa hat hier nur wenige Marktführer wie den Halbleiterkonzern ASML. Wo sehen Sie in diesem Sektor Chancen? Gibt es auch interessante KMUs?

Jeder konzentriert sich auf die großen sieben, von denen vier oder fünf von der KI-Euphorie profitieren, aber der Grund, warum diese Unternehmen in der Lage sind, ihre Dienstleistungen anzubieten, ist, dass ein Großteil der Ausrüstung für die Herstellung dieser Chips in Europa hergestellt wird. Sie haben ja ASML erwähnt. Aber es gibt da auch noch Unternehmen wie zum Beispiel die Schweizer VAT Group AG, die ultrasaubere Vakuumventile für Halbleiterunternehmen und für die EUV-Maschinen herstellt, eine kritische Komponente für die Herstellung von Chips. VAT ist hier Weltmarktführer mit einem Marktanteil von teils fast 90%. Das ist also ein Unternehmen vom Typ ASML, das denselben Trends ausgesetzt ist.

Gibt es andere Unternehmen, die sich als Innovatoren hervorheben?

Auch ein spannendes Unternehmen ist Comet. Das Schweizer Halbleiterunternehmen stellt Komponenten für die sogenannte Orient Power oder Radiofrequency Power her. Wenn man Material auf den Silizium-Wafer aufträgt, um Chips zu bauen, muss der Prozess sehr genau sein, sonst entstehen Mängel in den Transistoren und die Chips funktionieren nicht. Die Aktie wird mit einem Abschlag von 30% gegenüber VAT gehandelt, obwohl Comet denselben Wachstumstrends ausgesetzt ist. Es ist ein Unternehmen, bei dem in den letzten drei, vier Jahren ein gewisser Wandel im Management stattgefunden hat, und ich glaube, der Markt beginnt jetzt die Rolle zu erkennen, die das Unternehmen im Chipbereich spielen kann.

Dann möchte ich noch Reply nennen, ein italienisches Unternehmen. Dabei handelt es sich um einen Premium-IT-Berater, der Unternehmen erklärt, wie sie IT effektiv nutzen können. Reply wird ein wichtiger Wegbereiter für den Einsatz von KI in der Unternehmenswelt sein und hat sehr attraktive Wachstums- und Rentabilitätsaussichten. Das ist auch so ein Unternehmen, das oft unter dem Radar fliegt. Die Stärke eines klugen Anlegers ist für mich, diese Nischennamen zu finden, die es der KI ermöglichen, sich in den Branchen durchzusetzen.

Sie scheinen ein großer Anhänger von KI zu sein.

KI ist ein Thema, das uns weiterhin beschäftigen wird, und es breitet sich in der gesamten Digitalisierungskette aus. Ich glaube außerdem, dass KI ein echter Wegbereiter für Deflation ist, weil sie es ermöglichen wird, eine Menge Kosten aus den Unternehmen herauszuholen. Das ist eines der Dinge, mit denen wir uns in den nächsten fünf, zehn Jahren auseinandersetzen müssen.

KI wird zu einem starken Wachstum für die Unternehmen führen, die in der Lage sind, sie zu nutzen. Etwa in der Medizin. Wenn Medikamente innerhalb von Stunden statt Jahren modelliert und erstellt werden können, dann transformiert das die Gesundheitsversorgung. Darum werden wir ein Wachstum der Biologika erleben. Deshalb gibt es immer mehr personalisierte Arzneimittel. Diese Innovationen werden von der KI angetrieben. Ein anderes Beispiel sind Finanzinstrumente. Ich glaube, dass man die Erfolge von KI bei einigen der europäischen Small-Cap-Champions bereits sehen kann.

2022 erlebten Nebenwerte den stärksten Kurseinbruch seit Jahrzehnten. Auch 2023 blieben sie deutlich hinter den Blue Chips zurück. Sind Sie für die Zukunft optimistischer?

Ich denke, die Ausgangslage ist sehr attraktiv. Diese Aktien werden nicht zu den relativen Multiplikatoren gehandelt, die wir zuletzt im Jahr 2000 gesehen haben. Das Jahr 2000 – wir sprechen hier von 20 Jahren Wertsteigerung – hat sich in gewisser Weise in 18 Monaten verflüchtigt. Einer der Gründe dafür sind die höheren Zinssätze. Auch die Krise der Lieferkette hat diese Unternehmen ziemlich hart getroffen. Zudem sind die Large Caps von einem viel niedrigeren Bewertungsniveau aus gestartet. Ich glaube, viele Large-Cap-Manager haben Small-Cap-Unternehmen aus ihrem Portfolio verkauft, um zu versuchen, ein widerstandsfähigeres Portfolio zu schaffen. Es war eine wirtschaftlich schwierige Zeit. Ich kann also irgendwie verstehen, warum sie das getan haben.

Und jetzt wird es besser?

Wenn ich in die Zukunft blicke, sehe ich eine Kohorte von Unternehmen, die in den nächsten zwei, drei Jahren zweistellige Gewinnzuwächse erzielen wird, da der Druck auf die Lieferketten nachlässt und die Volkswirtschaften erste Anzeichen einer Erholung zeigen. Wenn man zum Beispiel an die Halbleiterindustrie denkt, dann sehen wir allmählich neue Investitionen und Chippreise, die zu steigen beginnen. Und das alles entspricht dem Beginn eines Zyklus. Investoren beginnen wieder, sich mit diesem Bereich zu beschäftigen, und sie beginnen, die Oberfläche abzutragen und zu verstehen, dass es einige echte Champions in Europa gibt, die nun sehr attraktive Bewertungen haben. Kleine und mittlere Unternehmen sollten gegenüber Large Caps eigentlich einen Aufschlag haben, weil sie ein höheres Gewinnwachstum haben. Darum sollten sie von dieser Ausgangsbasis auch eine höhere Rendite erzielen.

Worauf achten Sie bei der Auswahl von Unternehmen?

Ich suche nach Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht und hohen Eintrittsbarrieren. Dies ermöglicht es ihnen meist, attraktive Kapitalrenditen zu erzielen. Wenn diese dauerhaft gehalten werden können, übertreffen sie oft die Markterwartungen. Ich nenne sie globale Qualitäts-Champions und glaube, dass sie in den nächsten 18 bis 24 Monaten sehr gut abschneiden werden. Ich glaube, dass der Markt in diesen Zeiten der Unsicherheit sehr kurzsichtig ist und oft die langfristigen Themen vergisst, die vielen dieser wirklich hochwertigen Unternehmen zugrundeliegen. Ich denke, dass wir deshalb im Laufe des Jahres einen Aufschwung bei Qualitätsaktien erleben werden.

Wo sehen Sie in anderen Branchen Hidden Champions und bei welchen Titeln gibt es besonderes Aufholpotenzial? Wer wird das nächste Redcare Pharmacy?

Ich glaube, dass es einige sehr attraktive globale Themen gibt. Digitalisierung, Automatisierung und der Versuch, Dinge mit mehr Maschinen und weniger Menschen zu erledigen. Gesundheitsversorgung ist wie erwähnt ein attraktives Thema, das wir im Small-Cap-Bereich auf eine ganz andere Art und Weise spielen können. Und das tun wir etwa durch Gerresheimer und durch Schott Pharma. Das sind die beiden Unternehmen, die die Geräte oder die Fläschchen liefern, in die Medikamente gefüllt werden. Es handelt sich da um eine sehr oligopolistisch geprägte Branche. Sie wissen also, dass die Marktanteile aller Akteure recht hoch sind. Sie erwirtschaften sehr gute Gewinne und haben jetzt große, langfristige Verträge mit Unternehmen wie Novo und Eli Lilly zur Herstellung dieser Behältnisse. Wenn deren Medikamente so wachsen, wie wir alle glauben, haben diese beiden Unternehmen eine sehr attraktive Equity Story.

Und das sind auch die Unternehmen, auf die Sie setzen?

Ich denke, dass es in Europa viele großartige Unternehmen gibt, aber nur sehr wenige, die wir als echte Marktführer bezeichnen würden, mit sehr hohen Eintrittsbarrieren, mit einem hohen Maß an Preissetzungsmacht, die ihre Produkte international ausbauen können. Das ist der Grund, warum das Portfolio, das ich habe, nur 50 Aktien aus einem Universum von 1.500 umfasst. Das Interessante an diesen Unternehmen ist, dass der Gründer oder der Unternehmer immer noch dabei ist, die Familie ist dabei. Dadurch wissen Sie, dass das Geld, das Sie in das Unternehmen investieren, gut verwaltet wird.

Wenn die Inflation abflacht oder vielleicht sogar die Deflation zurückkehrt, werden Sie sehen, dass die wahren Preis-Champions auftauchen. Das ist der Zeitpunkt, an dem Qualitätsaktien zu steigen beginnen, denn sie sind diejenigen, die überdurchschnittlich abschneiden werden. Die nächsten 18 Monate werden entscheidend sein, um zu zeigen, wer wirklich über Preismacht und Wettbewerbsvorteile verfügt. Diese Unternehmen werden alle anderen übertreffen. Outsourcing-Software in Deutschland läuft gut, weil die Preissetzungsmacht von guten, qualitativ hochwertigen Unternehmen in den Vordergrund rückt und der Markt beginnt das zu erkennen.

Die deutsche Wirtschaft hat unter den Industrieländern aktuell die rote Laterne. Im Vergleich dazu performte der deutsche Aktienmarkt sehr stark. Wie beurteilen Sie diesen im paneuropäischen Vergleich?

Ich neige dazu, ziemlich indexunabhängig zu sein. Ich möchte die besten Unternehmen in Europa kaufen, die Herkunft ist mir egal, solange sie in einem Land angesiedelt sind, in dem ich das Gefühl habe, dass es eine gute Unternehmensführung gibt und dass man als Anleger geschützt ist.

Deutschland ist ein gutes Land für Innovationen und Erfindungen. Ich denke, dass es im Mid-Cap-Bereich für einige Unternehmen ein wirklich interessantes Setup gibt, zum Beispiel für die Firma Lubricants aus dem Chemiesektor mit Sitz in Mannheim (Fuchs Petrolub, Anm. der Redaktion). Das Unternehmen wird mit einem Abschlag von 20% auf sein durchschnittliches KGV gehandelt, dabei ist es sehr gut aufgestellt im Zusammenhang mit Elektrofahrzeugen oder bei der Verwendung umweltfreundlicherer Schmierstoffe.

Sie haben diese Bewertungsdiskrepanz, weil die Leute sich über die Energiepreise Sorgen gemacht haben. Das ist nun eine wirklich gute Ausgangsposition. Um diese Art von globalen Champions zu finden, die sich meiner Meinung nach im Verborgenen halten, muss man nur hingehen und sich umsehen. Und das ist unsere Aufgabe als aktiver Investor.

Welche anderen europäischen Länder haben Sie im Fokus? Kann etwa der polnische Aktienmarkt von einer Annäherung der Regierung an die EU profitieren?

Mein erstes Ziel bei jeder Investition ist es, das Kapital meiner Kunden zu schützen. Im Moment sehe ich daher gute Möglichkeiten in Skandinavien. In Ländern wie Schweden und Dänemark gibt es einige wirklich interessante Technologieunternehmen, Unternehmen wie Fortnox zum Beispiel. Ein Anbieter von Buchhaltungsdienstleistungen, der es schafft, sein Produktportfolio zu erweitern, und Preismacht hat – zu einer sehr vernünftigen Bewertung gehandelt.

In Frankreich ist meine größte Position ein Unternehmen namens Elis, ein französischer Anbieter von Textilien und Berufsbekleidung mit einem unglaublich hohen Marktanteil in Frankreich und einem Wachstum in Mexiko und Lateinamerika.

Zur Person: Phil Macartney ist Fondsmanager im European Equities Team bei Jupiter AM, wo er den Jupiter European Smaller Companies Fonds verwaltet. Bevor er zu Jupiter kam, arbeitete Macartney fünf Jahre lang bei Columbia Threadneedle als Vice President und Fondsmanager im Team für britische Aktien. Davor war er Gründungsmitglied von Bramshott Capital LLP, wo er vier Jahre lang arbeitete, nachdem er drei Jahre lang als Research-Analyst bei Moore Capital LP tätig war. Er begann seine Investmentkarriere 2007.

Das Interview führte Tobias Möllers.

Das Interview führte Tobias Möllers.

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