Devisenwoche

Wie weit trägt die Erholung des Euro noch?

Für den Euro hält sich die Fantasie in Grenzen. Er könnte höchstens noch bis auf 1,13 Dollar steigen.

Wie weit trägt die Erholung des Euro noch?

Devisenwoche

Wie weit trägt die Erholung des Euro noch?

Von Eugen Keller *)

Totgesagte leben länger! Plötzlich scheint dem Euro neues Leben eingehaucht worden zu sein. Die Gemeinschaftswährung präsentiert sich seit Ende des dritten Quartals 2022 von ihrer starken Seite, auf breiter Front ging es gegen die wichtigsten Valuten der Welt nach oben. In der Liste der Haupthandelswährungen liegt seit dem 28. September 2022 – dem Zeitpunkt, an dem der Euro zur Kehrtwende ansetzte – nur das britische Pfund gegenüber dem Euro im Plus. Hauptverlierer waren die Währungen des Dollar-Blocks und die Schwedenkrone, bei denen sich das Minus bis in den zweistelligen Bereich hochschaukelte. Von den großen Verlierern, der türkischen Lira (–40%) und dem russischen Rubel (–44%) ganz zu schweigen.

Die deutlich gestiegenen EWU-Renditen waren wohl der Hauptauslöser für die Euro-Erholung – immerhin standen wir im zehnjährigen Bund-Bereich noch Anfang März vergangenen Jahres im Minus. Aktuell rentieren zehnjährige Bunds bei 2,45%, zehnjährige italienische Staatsanleihen allerdings bei 4,09% und rangieren damit nahezu 28 Basispunkte über zehnjährigen US-Renditen. Nachdem die Fed ihren Zinserhöhungszyklus im Juni unterbrochen hat und der Markt für Ende kommenden Jahres mittlerweile fünf Zinssenkungen einpreist, hat der Greenback am Devisenmarkt Gegenwind bekommen, auch wenn der für die Geldpolitik zuständige Offenmarktausschuss morgen noch einmal zur Tat schreiten und die Fed Funds Target Rate (dann letztmalig) um 25 Basispunkte nach oben anpassen wird.

Unseres Erachtens gibt es allerdings mehrere Gründe, dass die Dollarschwäche nicht von Dauer sein sollte: Einerseits gilt der Greenback vielen Anlegern noch immer als die beste Versicherung gegen globale Rezessionsrisiken. Andererseits ziehen die US-amerikanischen Aktienmärkte, die über Jahre ihre Bastion der relativen Stärke im internationalen Kontext verteidigen konnten, noch immer Kapital an. Nicht zuletzt, da das Wachstum in den ersten beiden Quartalen nicht eingebrochen ist – trotz der aggressiven Zinserhöhungen. Positiv ist sicherlich auch, dass sich die Headline-Inflation nun mittlerweile auf 3% zurückgebildet hat und noch immer Vollbeschäftigung herrscht, was den Konsum stützt. Damit hat die Fed, die deutlich früher und aggressiver die geldpolitischen Zügel als die Europäische Zentralbank (EZB) angezogen hat, ihren Auftrag für die Gesamtwirtschaft bislang besser erfüllt.

Weiter den Dollar schwächen könnte hingegen die ausufernde Verschuldung der USA, die der Devisenmarkt noch nicht als belastendes Thema „entdeckt“ hat. Die Staatsverschuldung beträgt hier inzwischen ca. 31,5 Bill. Dollar und damit bereits mehr als 120% der Wirtschaftsleistung. Im Zusammenspiel mit den hohen US-Handels- und Leistungsbilanzdefiziten sollten die derzeit unterstützenden Faktoren für den Greenback damit auch nicht überbewertet werden.

Ungeachtet der Dollar-positiven Einflussfaktoren ist es dem Euro gelungen, aus der intakten Seitwärtsrange (1,05 Dollar bis 1,11Dollar) nach oben auszubrechen. Treiber dieser Bewegung waren hawkische Kommentare von EZB-Ratsmitgliedern, die angesichts der hohen Inflation einer Serie von weiteren Zinserhöhungen das Wort redeten. Während die Kommentare direkt nach der Ratssitzung im Juni noch unisono hawkisch waren, haben nun selbst Falken wie Bundesbankchef Joachim Nagel und der niederländische Zentralbankchef Klaas Knot ihr scharfes Wording zuletzt etwas abgeschwächt. Knot äußerte sogar, dass Zinserhöhungen über den Juli hinaus nicht sicher seien, da weitere Anhebungen das Gleichgewicht der Risiken in Richtung „zu viel“ verschieben könnten. Angesichts der technischen Rezession und der keineswegs ermutigenden wirtschaftlichen Perspektiven für das zweite Halbjahr könnte die EZB geneigt sein, etwas zurückzurudern, bzw. die Datenabhängigkeit ihres weiteren Vorgehens stärker betonen. Konjunkturpessimisten gehen entsprechend davon aus, dass sich das Zins- und Wachstumsdifferential kurz- bis mittelfristig nicht zugunsten der Eurozone bzw. des Euro verschiebt. Belastend für die Gemeinschaftswährung muss zudem eingeräumt werden, dass die „römischen Risiken“ keinesfalls vom Tisch sind. Zudem verkommt Deutschland von der ehemaligen Konjunkturlokomotive immer mehr zum kranken Mann Europas. Ein Punkt, der die Euro-Stärke mittelfristig in Gefahr bringen könnte, ist die Positionierung der Anleger. Gegenüber der Einheitswährung sind die spekulativen Marktteilnehmer mittlerweile in hohem Maße long. Aus dieser Konstellation könnte sich für den Euro durchaus Abwärtspotenzial ergeben. Auch der bereits seit knapp eineinhalb Jahren wütende Ukraine-Krieg und eine jederzeit mögliche Eskalation trüben den positiven Blick. Saisonal hingegen steht dem Euro ab Mitte August eine historisch starke Periode ins Haus. Insgesamt zeigt sich die übergeordnete Gemengelage derzeit noch relativ ausgeglichen. Anleger, die Euro-long positioniert sind, sollten allerdings die Augen offenhalten. Mit Blick auf unsere Euro-Dollar-Währungsprognose (1,10 per Jahresende) hält sich die Fantasie für eine weitere nachhaltige Euro-Erholung in engen Grenzen. Wenn überhaupt, halten wir bestenfalls ein erneutes Überschießen in Richtung 1,13 für möglich, auch wenn nach der Kaufkraftparität eine Unterbewertung der Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar abzulesen ist.

*) Eugen Keller ist Leiter der Devisen- und Rentenmarktstrategie beim Bankhaus Metzler.