Im InterviewWirtschaftssystem

"Die Schocks haben die Ungleichheit erhöht"

Die Krisen sind zum Dauergast geworden, auch in den Demokratien. Eingriffe der Regierungen scheinen unvermeidlich, damit dies nicht in Rezessionen mündet. Das Staats-Geld verändert nicht nur die Wirtschaftsweise, sondern produziert Gewinner und Verlierer, wie Allianz-Chefvolkswirt Ludovic Subran feststellt.

"Die Schocks haben die Ungleichheit erhöht"

Im Interview: Ludovic Subran

“Die Schocks haben die Ungleichheit erhöht”

Der Chefvolkswirt der Allianz analysiert die Bevorzugung von Kapitalbesitzern vor den Lohnempfängern infolge der Pandemie

Die Krisen sind zum Dauergast geworden, auch in den Demokratien. Eingriffe der Regierungen scheinen unvermeidlich, damit dies nicht in Rezessionen mündet. Das Staats-Geld verändert nicht nur die Wirtschaftsweise, sondern produziert Gewinner und Verlierer, wie Allianz-Chefvolkswirt Ludovic Subran feststellt.

Herr Subran, wo liegen die größten Risiken für die weltwirtschaftliche Entwicklung?

Das Liquiditätsrisiko wird aktuell unterschätzt. Der Schock des Zinsanstiegs hinterlässt nun auch in der Realwirtschaft seine Spuren. Wir stehen vor einer Kreditklemme in der zweiten Hälfte des Jahres.

Warum?

Die Zentralbanken nehmen viel Liquidität aus dem System. Außerdem erhöhen Kapitalsammelstellen wie Pensionsfonds ihre Geldhaltung. Dies ist in Zeiten der Angst vor Bankenkrisen normal. Darüber hinaus gilt aber auch für produzierende Unternehmen, dass Cash King ist. Dieses branchenübergreifende Streben nach Liquidität führt zu einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung: Liquidität wird knapp.

Welche weiteren Risiken sehen Sie?

Die Energiekrise wird im Winter 2023/2024 zurückkommen. Die Gasspeicher in Europa sind aktuell zwar zu 60% gefüllt. Bei einem etwas kälteren Winter, wie zum Beispiel 2010, sind die Gasspeicher in Deutschland aber bereits im Januar leer. Ich bin besorgt, und zwar vor allem hinsichtlich der Energiepreise.

Die befürchtete Energiekrise 2022/2023 ist ausgeblieben. Warum soll dies im kommenden Winter anders sein?

Im vergangenen Jahr haben wir von Faktoren profitiert, die sich nicht wiederholen lassen. Beispielsweise hatten Haushalte und produzierende Unternehmen ihren Verbrauch stark gesenkt, und Russland hat noch bis in den Sommer hinein Gas geliefert. Der Eindruck der Allgemeinheit, dass das Problem gelöst ist, stimmt also nicht. Zudem haben höhere Energiepreise auch Einfluss auf das dritte Risiko: soziale Instabilität. 

Inwiefern?

Die Bevölkerung protestiert verstärkt auch auf den Straßen gegen die Verschlechterung ihrer ökonomischen Situation. Generalstreiks gibt es etwa schon in Großbritannien, Portugal oder Frankreich. Sogar in Deutschland nimmt die Zahl der Arbeitsniederlegungen zu.

Wie reagiert die Politik?

Die Regierungen werden ihre Ausgaben steigern, um soziale Stabilität zu erkaufen. In Frankreich wird über Gutscheine für den Kauf von Lebensmitteln diskutiert. In Großbritannien und Deutschland geht es um niedrigere Steuern – zumindest eine Anhebung wird ausgeschlossen.

Welche Folgen hat dies?

Der Stress für die öffentlichen Finanzen wächst, die Schulden steigen. Allein Frankreich hat für die Preisdeckelung von Energie im vergangenen Jahr 25 Mrd. Euro ausgegeben.

Wie wird sich die Inflation entwickeln?

Die höheren Energiepreise haben die Lebenshaltungskosten erhöht. Alle dachten, anschließend würde das größte Problem die Lohn-Preis-Spirale sein. Stattdessen beobachten wir opportunistische Preiserhöhungen von Firmen. Besonders große Unternehmen verfügen über eine ausgeprägte Preissetzungsmacht.

Das hat ja auch die EZB angemerkt.

Richtig. Tatsächlich gibt es für gut ein Viertel der Inflation keine Erklärung. Es setzt sich die Erzählung einiger Politiker durch, dass dafür zu hohe Preiserhöhungen der Unternehmen verantwortlich sind.

Stimmt dies?  

Da ist auch Populismus im Spiel. Aber die Inflationsbekämpfung ist nicht nur die Aufgabe der Zentralbanken. Die Kartellpolitik muss ebenfalls besser werden. Wenn die Unternehmen die Preise zugunsten ihrer Margen stark steigern können, bedeutet dies, dass wir zu wenig Unternehmen für dieselben Produkte haben. Außerdem würde ein Senken der schuldenfinanzierten staatlichen Ausgaben helfen. Wenn das Wachstum künstlich hochgehalten wird, dann treibt dies die Preise.

Wird die Margenerhöhung der Firmen dauerhaft sein?

Sobald das Überschuss-Sparvermögen der Konsumenten aufgebraucht ist, das sie während der Pandemie aufgebaut haben, schwindet die Preissetzungsmacht der Firmen. Schon im laufenden Jahr werden die Firmen ihre Preiserhöhung nicht wiederholen können.

Welcher Mechanismus greift?

Letztlich senken die Käufer ihre Nachfrage. Dies beobachten wir bereits beispielsweise bei Haushaltsgeräten. Es gibt hier also anders als von der EZB durchgespielt keine Spirale, sondern eine zyklische Entwicklung – übrigens auch bei den Löhnen. Erhöhungen werden irgendwann zu einer höheren Arbeitslosigkeit führen. Aktuell sind allerdings Lohnerhöhungen das dominierende Thema, wie die Streiks allerorten zeigen. Die Bevölkerung dringt auf mehr Entlohnung, auch weil sie sieht, dass die Aktienmärkte wieder auf Rekordniveau gestiegen sind.

Es geht also um Gerechtigkeit?

Absolut. Seit Beginn der Pandemie hat sich die Lage für Kapitalbesitzer und Lohnempfänger sehr unterschiedlich entwickelt. Die abhängig Beschäftigten haben verloren.

Das müssen Sie erklären.

Es hat mit der Bekämpfung der Pandemiefolgen begonnen und sich mit der Reaktion auf steigende Energiepreise fortgesetzt. Das Ziel der Politik war, Pleiten zu vermeiden. Die Folge: Der Kapitalismus ist gezombiefied. Eigentümer von Unternehmen mit einem zweifelhaften Geschäftsmodell haben ihren Besitz nur dank staatlicher Förderungen erhalten. Die Verstaatlichung von Energieunternehmen geht die gleiche Richtung: Anteilseigner, die in den Jahren zuvor hohe Dividenden erhalten hatten, mussten kein Kapital nachschießen. Die Regierungen haben also viel für die allgemeine Bevölkerung geleistet, aber mehr für die Kapitalbesitzer.

Warum?

Die Politik hatte in den Jahren 2008/2009 zu wenig gemacht. Daraus hat sie ihre Lehren gezogen, auch um Arbeitslosigkeit und Insolvenzen zu vermeiden. Die Folge: 2021 standen die Börsen auf Rekordniveau, während die Löhne nur um 4 bis 5% stiegen. Der Rückschlag für die Vermögenden 2022 hat nichts an der Gesamtentwicklung von 2019 bis 2023 geändert. Dies ist ein Grund, warum die Leute auf die Straße gehen.

Besonders massiv in Frankreich.

Dies ist ein gutes Beispiel. Die Franzosen gehen nicht auf die Straße, weil sie zwei Jahre länger arbeiten sollen. Sie demonstrieren vielmehr, weil sie nicht verstehen, warum die Regierung alleine im vergangenen Jahr 25 Mrd. Euro für die Deckelung der Energiepreise per Gießkanne auch an Reiche und Unternehmen ausgegeben hat, aber nun keine 12 Mrd. Euro investieren will, um den Männern, die zwischen 1961 und 1966 geboren worden sind, eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit zu ersparen.

Die Allgemeinheit steht also eher auf der Verliererseite.

Dafür gibt es viele Beispiele. Die Steuerquote französischer Unternehmen ist im Schnitt auf 25% gesunken. Beim Amtsantritt des Präsidenten Emmanuel Macron 2017 betrug sie noch 33%. 10 Prozentpunkte in sechs Jahren sind eine Menge. Dies wird nun zum Problem. Die Leute hörten in der Pandemie: Dies ist die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg – und plötzlich machten die Firmen Rekordgewinne. Das Geld der Steuerzahler hat die Bewertungen von Unternehmen nach oben getrieben.

Wie reagieren die Menschen?

Die Lohnabhängigen beobachten, in welcher Weise die Unternehmen letztlich von den Fördermaßnahmen im Rahmen der Pandemie profitiert haben, und fragen sich: Erhalte ich genügend Lohn dafür, was ich in meinem Unternehmen beisteuere? Sie beginnen zu thematisieren, warum die CEOs so viel mehr verdienen als die Sachbearbeiter. Dies ist eine kopernikanische Wende, die erhalten bleiben wird. Menschliche Arbeitskraft war niemals so zentral wie heute.

Welche Rolle hat nun die Politik?

In der Pandemie glaubten viele, dass der Staat für sie sorgen werde, etwa durch Lohnfortzahlung und die Unterstützung von Kurzarbeit. Später erkannten sie: Das war nicht die Rückkehr des Wohlfahrtsstaats, sondern es waren Auswüchse eines Wall-Street-Staats. Wer an der Börse investiert war, hat sehr viel mehr Geld hinzugewonnen, als in Kurzarbeit gesteckt wurde. Mit der Inflation sinkt der Lebensstandard der Mittelklasse zusätzlich. So verspielt die Politik gerade in Krisen so wichtiges Vertrauen.

Was ist die Lösung?  

Die Soforthilfen haben zu lange angehalten und waren oft zu breit angelegt. Ich möchte nicht einstimmen in den Chor derjenigen, die im Nachhinein alles besser wissen. Aber: Wir brauchen eine Evaluation der Maßnahmen, damit wir es in der nächsten Krise besser machen. Denn natürlich ist die Inflation eine Folge der hohen staatlichen Ausgaben der vergangenen Jahre.

Sind es nur wahrgenommene Ungleichheiten, oder gibt es sie wirklich?

Diese Ungleichheiten existieren erst einmal in der Wahrnehmung der Menschen. Manche sind wirklich da. Die meisten Daten zeigen das Ausmaß von Ungleichheit aber nicht. Richtig ist dennoch: Die Schocks der vergangenen Jahre haben die Ungleichheit erhöht. Dies ist eine Folge eines neuen Modus des Wirtschaftens, in das die westlichen Wirtschaften infolge der Krisen wechseln: eine Kriegswirtschaft.

Was sind die Charakteristika von Kriegswirtschaft?

Eine Reallokation von Kapital zugunsten der Krisen- und Kriegsbereiche und damit einhergehender Verlust an Wettbewerb, schuldenfinanzierte Ausgaben und Rationierung. Dies führt zu staatlichen Interventionen, Fragmentierung und Ungleichheit. Dies sehen wir in den vergangenen Krisen, der momentanen Energiekrise, und wir können es auch beim Kampf gegen Klimawandel beobachten.

Inwieweit trifft dies auf die Eindämmung der Klimaerwärmung zu?

Die Klimaerwärmung ist die nächste Super-Krise, eine Art versteckter Krieg, vor dem wir stehen. Darauf sind wir nicht vorbereitet. Wir haben eigentlich mehr Zeit zur Vorbereitung, sind aber zu inaktiv, weil das Ausmaß des wirtschaftlichen Schadens noch nicht so greifbar ist wie eine akute Krise.

Andererseits spricht alle Welt über ESG.

Trotzdem sehe ich keine Politiker, die hier führen und die volle Wahrheit sagen. Die Politik spricht weder über das Thema Steuern noch über den Einfluss steigender CO2-Preise. Ich befürchte, dass die nächste Krise bzw. der nächste versteckte Krieg wieder mit öffentlichem Geld bekämpft wird.

Wie könnte die Politik dies vermeiden?

Es gibt den Vorschlag der grünen Steuer. Jeder zahlt den gleichen Anteil seines Einkommens. Dieses Geld wird an Leute verteilt, die durch die Transformation benachteiligt werden. Ich bin mir aber nicht sicher, ob dieser Vorschlag von der Bevölkerung akzeptiert werden würde.

Das Interview führte Michael Flämig.
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