NOTIERT IN LONDON

Zu weiß für diese Welt

Der britische Mathematiker Bryan Thwaites (96) wird nicht schlecht gestaunt haben, als zwei Schulen, die er einst besuchte, sein Angebot ausschlugen, Fördermittel zur Verfügung zu stellen. Der langjährige Direktor des Westfield College wollte dem...

Zu weiß für diese Welt

Der britische Mathematiker Bryan Thwaites (96) wird nicht schlecht gestaunt haben, als zwei Schulen, die er einst besuchte, sein Angebot ausschlugen, Fördermittel zur Verfügung zu stellen. Der langjährige Direktor des Westfield College wollte dem Dulwich College im Süden der britischen Metropole 400 000 Pfund und dem Winchester College in Hampshire 800 000 Pfund vermachen, um Jungs aus sozial schwachen weißen Familien zu fördern. Sir Bryan war es einst selbst nur mit Hilfe von Stipendien möglich gewesen, die beiden Privatschulen zu besuchen.Wer männlich, arm und weiß ist, hat in Großbritannien nachweislich eine geringere Chance, auf der Universität zu landen, als alle, die diese Attribute nicht aufweisen. Es ist die am stärksten benachteiligte Gruppe, für die am wenigsten getan wird. Die Schulen beriefen sich auf das Gleichberechtigungsgesetz, um ihre Ablehnung der Gelder zu rechtfertigen. Jeremy Corbyns Lieblingsrapper Stormzy hatte dagegen (zu Recht) mit keinerlei Problemen zu kämpfen, als er der Universität Cambridge Stipendien für schwarze Bewerber anbot. In den Medien wurde er dafür gefeiert, dass er andere an seinem Erfolg teilhaben lassen will.Trevor Phillips, der ehemalige Chef der Gleichberechtigungskommission EHRC, macht einen “tödlichen Cocktail aus invertiertem Snobismus, rassebezogener Opferrolle und liberalem Schuldgefühl” dafür verantwortlich, dass weiße Buben aus bildungsfernen Haushalten nicht so behandelt werden wie andere benachteiligte Gruppen der Gesellschaft. Man habe das Gleichberechtigungsgesetz 2010 nicht “Seid nett zu Schwarzen”-Gesetz genannt, weil es darin um Gleichheit gehe, schrieb er im Magazin “Standpoint”. Ihm sei unverständlich, warum so viele Briten den Anschein vermittelten, als mache es ihnen keine Sorgen, dass so viele ihrer Kinder nach zehn Pflichtschuljahren mit wenig mehr Lese- und Rechenfähigkeit dastehen als ein durchschnittlicher Neandertaler. Phillips hat gut reden, schließlich ist er schwarz und muss sich nicht mit den Schuldgefühlen herumschlagen, die Britanniens linksliberales Bürgertum plagen. Dabei engagiert es sich schon gegen das Unrecht allerorten – für Rohingya aus Myanmar ebenso wie für minderjährige Migranten aus Frankreich, die glauben, einen Anspruch auf ein Leben in Großbritannien zu haben. Die Erzählung vom “weißen Privileg” macht wohlmeinenden Akademikern schwer zu schaffen. Dass mehr als die Hälfte der Privatschüler in London mittlerweile nichtweißen Bevölkerungsgruppen angehören, tut dem keinen Abbruch. Schließlich weiß es fast niemand, schon gar nicht die selbstgerechten Aktivisten, die keine Gelegenheit für Rassismusvorwürfe auslassen. Die Jungs aus sozial schwachen weißen Familien sind einfach zu weiß für diese Welt.Hinzu kommt, dass man unter Gebildeten für solche Leute nichts als Herablassung übrig hat. Waren es nicht die weißen Bewohner der Sozialwohnungsblocks, die massenhaft für den Brexit gestimmt haben? Und was sollte es den Mitschülern bringen, wenn deren Kinder in die Klasse kommen? Man zahlt schließlich keine 40 000 Pfund Schulgebühr pro Jahr, um dem Nachwuchs den Kontakt zur Gosse zu erleichtern. Man denke nur an die alleinstehenden Mütter, die mit Hilfe diverser Väter zahllose Kinder in die Welt gesetzt haben und ihr Leben zwischen Talkshows, Tattoostudio und Schmerzmitteln verbringen. Nein, mit den “Chavs” will man wirklich nichts zu tun haben, mit den Sprösslingen von Oligarchen aus Afrika, Asien und Lateinamerika dagegen schon viel lieber.Mit Rassismus hat das nichts zu tun. Es ist der pure Klassenhass von oben. “Diese Schulen haben nichts aus dem Brexit gelernt”, sagt der ehemalige Labour-Sozialpolitiker Frank Field. “Brexit war ein Votum dagegen, von der Elite auf diese Art behandelt zu werden.” Thwaites hat das Geld mittlerweile staatlichen Schulen angeboten, die weniger Berührungsängste haben. Die Wohlfahrtsorganisation Generating Genius, die sich bislang auf die Förderung schwarzer Kinder konzentrierte, will sich nun auch um Kinder aus armen weißen Familien kümmern. Und Andrew Halls, der Rektor der King’s College School in Wimbledon, sagte, er hätte die Stipendien angenommen, wenn sie ihm angeboten worden wären.