Im BlickfeldNachwuchskräfte

Ausbildung im Schatten der Autokrise

Die Branchenflaute veranlasst viele Autohersteller zu massiven Sparprogrammen. Ausbildung hat für die großen deutschen Unternehmen aber weiterhin eine große Bedeutung.

Ausbildung im Schatten der Autokrise

Ausbildung im Schatten
der Autokrise

Die Branchenflaute veranlasst viele Autobauer zu massiven Sparprogrammen. Die gute Nachricht: Ausgebildet wird weiterhin kräftig – nur nicht bei VW.

Von Joachim Herr, München, und Carsten Steevens, Hamburg

Als „Kampfansage von historischem Ausmaß“ und als „historischen Tabubruch“ werteten Arbeitnehmervertreter die Pläne, die der Volkswagen-Vorstand vor einem Jahr kurz vor Beginn der Tarifrunde enthüllte. Verbunden mit Arbeitsplatzverlusten für Zehntausende wollte die Unternehmensführung mindestens drei VW-Fabriken in Deutschland schließen, alle anderen Werke verkleinern und massive Entgeltverluste für die Beschäftigten erzwingen. Auf der „Giftliste“ stand laut Betriebsrat auch eine massive Reduzierung der Ausbildungskapazitäten.

Volkswagen hat die Pläne letztlich abgeschwächt, ist aber eine Ausnahme unter den deutschen Autoherstellern. Sowohl Mercedes-Benz als auch BMW halten die Zahl ihrer Azubis, die in diesem Jahr neu starten, auf dem Niveau der vergangenen Jahre, wie eine Umfrage der Börsen-Zeitung ergeben hat. Auch der Zulieferer Schaeffler macht trotz der flauen Nachfrage und des verschärften Wettbewerbs keine Abstriche. Und das, obwohl Schaeffler wie VW und Mercedes-Benz Arbeitsplätze in Deutschland streicht.

Seinen radikalen Plan hatte der Vorstand von VW außer mit der zunehmenden Konkurrenz damit begründet, dass das Volumen der Autoverkäufe in Europa künftig mit höchstens 14 Millionen pro Jahr deutlich niedriger sein werde als vor 2020. Zunächst, so blickt man im VW-Betriebsrat zurück, habe die Arbeitgeberseite gefordert, zumindest vorübergehend gar keine neuen Auszubildenden einzustellen. Später sei es dem Unternehmen um eine Reduzierung auf rund 400 Ausbildungsplätze im Jahr gegangen.

„Zentrale Säule“

So weit kam es aber nicht: Volkswagen wird an den sechs westdeutschen Standorten Wolfsburg, Braunschweig, Salzgitter, Emden, Kassel und Hannover von 2026 an 600 Plätze pro Jahr für Auszubildende und dual Studierende anbieten – sowie 50 für die sogenannte Einstiegsqualifizierung. Angesichts der Pläne zu Beginn wertet die Arbeitnehmerseite das als Erfolg. „Volkswagen hat sich mit dem Tarifabschluss 2024 klar dazu bekannt, Ausbildung und Nachwuchssicherung als zentrale Säule der Beschäftigungspolitik weiter zu verankern“, sagt ein Sprecher der IG Metall in Hannover. Das sei auch dank Warnstreiks der Auszubildenden gelungen. Tariflich geregelt bleibt zudem die Übernahme der Ausgebildeten.

Wer seine Ausbildung erfolgreich abschließe, werde von VW weiterhin übernommen. „Das hatte das Unternehmen ursprünglich abschaffen wollen“, erinnert man sich im Betriebsrat. Die Arbeitnehmervertreter heben auch Entgeltsteigerungen für den VW-Nachwuchs hervor, obwohl der Tarifkompromiss von Ende 2024 für die übrigen Beschäftigten vorübergehende Entgelteinbußen vorsehe. Die IG Metall wertet die Entwicklung bei Volkswagen „insgesamt als zukunftsfest“. Ausbildung bleibe ein „fester Bestandteil der VW-DNA“.

„Veränderung in der Qualität“

Allerdings geht mit der Vereinbarung „Zukunft Volkswagen“, die unter anderem einen Abbau der Belegschaft an den deutschen VW-Standorten um mehr als 35.000 Stellen bis 2030 vorsieht, fast eine Halbierung der Ausbildungsplätze einher. Gemessen an der zuletzt im Herbst 2020 bereits auf rund 1.150 reduzierten Zahl der jährlichen Stellen für Auszubildende und dual Studierende. Bis zum Jahr 2019 hatte die Volkswagen AG jährlich noch rund 1.400 Plätze angeboten.

Die Verringerung während der Coronakrise hatte das Unternehmen als „Teil der bedarfsgerechten Personalplanung“ beschlossen, wie eine VW-Sprecherin erläutert. 2024 wurden aber auch nicht alle 1.150 Plätze – 900 für Auszubildende und 250 für dual Studierende – besetzt. Neu eingestellt wurden lediglich 989 Auszubildende. Es sei eine „Veränderung in der Qualität der Bewerbungen, was eine Herausforderung für die Besetzung der Stellen darstellen“ könne, so die Sprecherin. Den Fachkräftemangel in Deutschland spürt auch Volkswagen. Zugleich gilt an den deutschen Standorten der Volkswagen AG seit November 2023 ein weitgehender Einstellungsstopp.

„Die Fachkräfte von morgen“

In der Autobranche erkennt die Beratungsgesellschaft EY derzeit den stärksten Beschäftigungsabbau innerhalb der deutschen Industrie. Binnen eines Jahres seien hier knapp 7% oder rund 51.500 Jobs verloren gegangen, heißt es in einer aktuellen Studie. Fast jeder zweite Industriejob, der in den zwölf Monaten bis Mitte 2025 gekappt wurde, entfiel auf den Autosektor. Ein Ende des Abbaus sei nicht in Sicht. Das seien schlechte Nachrichten auch für Schul- und Hochschulabsolventen, so EY.

Zu den Unternehmen, die Stellen in Deutschland streichen, gehört Mercedes-Benz. Die Zahl der Plätze für Nachwuchskräfte bleibt aber stabil: Rund 1.200 junge Menschen beginnen 2025 wie in den vergangenen Jahren eine Ausbildung oder ein duales Studium, wie eine Sprecherin berichtet. Für den hohen Stellenwert nennt sie einen entscheidenden Grund: „Die Auszubildenden und Studierenden von heute sind die Fachkräfte von morgen.“

Auch ein internationales Thema

Klaus Rosenfeld, der Vorstandsvorsitzende von Schaeffler, antwortet auf die Frage zunächst nur mit einem Wort: Zukunft. Auch der Zulieferer ist dabei, Arbeitsplätze in und außerhalb Deutschlands abzubauen. Aber gute Ingenieure und handwerklich versierte Azubis bleiben gefragt, wie Rosenfeld erläutert. Zudem hält er es für wichtig, jungen Menschen eine Chance zu geben. Im Schaeffler-Konzern sind es nach der Übernahme von Vitesco nun mehr: Anfang 2025 waren es in Deutschland 1.129 Auszubildende und dual Studierende.

Nachwuchskräfte sind für die Unternehmen auch ein internationales Thema. In den USA zum Beispiel bietet Schaeffler schon seit den 60er-Jahren eine Kombination aus Lehre und Schulbesuch nach dem Vorbild der dualen Ausbildung in Deutschland an. BMW hat dieses „Erfolgsmodell“ in neun Ländern etabliert, wie ein Sprecher sagt. Auch Mercedes-Benz kümmert sich mit eigenen Programmen um junge Kräfte. Als Beispiele nennt das Unternehmen in den USA und China Trainee- und Einstiegsprogramme sowie Kooperationen mit Hochschulen.

BMW gibt Übernahmegarantie

BMW beschäftigt weltweit rund 5.000 Azubis. Die neuen Plätze an den Standorten in Deutschland bleiben mit 1.200 in diesem Jahr konstant. Hier Abstriche zu machen, könnte für die Unternehmen in der Zukunft gefährlich sein. BMW etwa stellt fest, dass sich der Wettbewerb um junge Talente intensiviere. Die Begründung: geburtenschwächere Jahrgänge und eine „fortschreitende Akademisierung“ – also ein wachsender Anteil von Studierenden. Der Münchner Auto- und Motorradhersteller plant übrigens im Gegensatz zu etlichen Wettbewerbern, die Zahl der Arbeitsplätze in diesem Jahr stabil zu halten.

Sowohl BMW als auch Mercedes-Benz heben hervor, den Nachwuchs auch für Zukunftsthemen zu qualifizieren. Beispiele sind die Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Elektromobilität. Mercedes übernimmt fast alle Azubis und dual Studierenden, denen ein erfolgreicher Abschluss gelingt. BMW garantiert in diesem Fall sogar ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Es gibt also auch noch gute Nachrichten von der deutschen Automobilindustrie.