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Boutiquen-Szene puzzelt sich neu zusammen

Zukäufe, Abspaltungen und neue Spieler: Die deutsche Landschaft für M&A- und Corporate-Finance-Berater sortiert sich neu.

Boutiquen-Szene puzzelt sich neu zusammen

Boutiquen-Szene puzzelt sich neu zusammen

Boutiquen-Szene puzzelt sich neu zusammen

Zukäufe, Abspaltungen und neue Spieler: Die deutsche Landschaft für M&A- und Corporate-Finance-Berater verändert sich

Von Philipp Habdank und Christoph Ruhkamp, Frankfurt

Ob GCA Altium, Herter & Co. oder Acxit: Etliche deutsche mittelständische M&A- und Corporate-Finance-Boutiquen sind zuletzt unter das Dach einer größeren und internationaleren Marke geschlüpft. Auf der anderen Seite gehen Zumera, Atares oder TCG den gegensätzlichen Weg und spalten sich von bestehenden Häusern ab. Die deutsche Boutiquen-Szene sortiert sich gerade neu. Da positionieren sich auch neue Spieler wie Dealcircle oder Leverest, die mit ihren technologischen und plattformbasierten Ansätzen den Markt und die Art und Weise von M&A- und Finanzierungsberatung aufmischen wollen.

Dem Markt entwachsen

Für die jüngsten Übernahmen gibt es sehr unterschiedliche Gründe: Auf der einen Seite der Versuch großer Investmentbank-Boutiquen, auch im mittelständischen Beratungsgeschäft (Mid Cap) Fuß zu fassen – insbesondere vor dem Hintergrund, dass dieser Markt nach Beginn der Zinserhöhungen bislang noch nicht so stark eingebrochen ist wie das Großkundengeschäft (Large Cap). Auf der anderen Seite stehen die mittelständischen und deutsch geprägten Boutiquen, die beim Wachstum so langsam an ihre Grenzen stoßen – oder ganz im Gegenteil in eine Position der Schwäche geraten sind, weil ihnen internationale Verbindungen fehlen.

Da findet unstreitig eine Konsolidierungswelle statt. Oft wird das beschönigt.

Sebastian Freitag, Freitag & Co

"Da findet unstreitig eine Konsolidierungswelle statt. Oft wird das beschönigt", sagt Sebastian Freitag, Gründer der Investment-Banking-Boutique Freitag & Co und mit dieser seit mehr als 20 Jahren im Geschäft. Er hat gerade erst die deutsche Filesharing-Firma Owncloud beim Verkauf an den kalifornischen Datenschutzspezialisten Kiteworks beraten sowie den größten deutschen Windenergieanlagenhersteller Enercon beim Verkauf des „Sorgenkinds“ WEC Turmbau, den US-Finanzinvestor Cerberus beim Erwerb der HSH Nordbank und Freenet beim Erwerb von 28% an Sunrise.

Freitag keilt gegen "Möchtegern-Boutiquen"

Freitag vergleicht die Folgen der aktuellen Dealflaute für seine Branche mit ihren Ursprüngen: "Boutiquen sind einmal geschaffen worden, um Interessenkonflikten aus dem Weg zu gehen. Ältere und sehr erfahrene Dealmaker wie Bruce Wasserstein haben eine der großen Investmentbanken wie First Boston verlassen, nahmen ihre Kunden mit, gründeten eine eigene kleine Firma wie Wasserstein Perella und mussten die Fees fortan nur noch auf eine kleine Zahl noch besser bezahlter Leute verteilen. Sie haben mühsam aufgebaute Vertrauensbeziehungen monetarisiert. Die CEO-Mandanten erhielten höchste Aufmerksamkeit zu einem hohen Preis."

Ganz anders sehe das heute mit Boutiquen aus, die oft nur auf schnelle und datengetriebene Internetbeziehungen setzten: "Die greifen nicht nach den Sternen. Die Corporate-Finance-Berater werden bei den Zusammenschlüssen heruntercommoditisiert. Die neuen Möchtegern-Boutiquen arbeiten oft nur noch für die M&A-Abteilung der Unternehmen und bekommen selbst den CEO niemals zu sehen", sagt Freitag.

Herter & Co geht in Teneo auf

Ein aktuelles Beispiel für Boutiquen, die in größere Unternehmen eingegliedert wurden, ist Herter & Co. Die Corporate-Finance-Boutique wurde im Jahr 2012 von Marcel Herter gegründet – dem ehemaligen Head of Debt Advisory und Financial Restructuring Deutschland der Investmentbank-Boutique Lazard. Unter eigener Flagge positionierte der langjährige Leverage-Finance-Chef der Dresdner Kleinwort Herter & Co. als eine der Finanzierungs- und Restrukturierungsberatungen in Deutschland. Zuletzt war Herter beispielsweise für die Restrukturierung des Automobilzulieferers Leoni mandatiert. In diesem Jahr verkaufte Herter seine Firma dann an die deutlich größere US-amerikanische Strategieberatung Teneo, die dem Finanzinvestor CVC gehört.

„Ich werde unbefristet in der Firma bleiben und das Financial-Advisory-Geschäft weiterentwickeln“, sagte Herter der Börsen-Zeitung. Er konkurriert gegen die bedeutenderen Rivalen Rothschild, Houlihan Lokey und PJT (in der Restrukturierungsberatung), die 2018 auch den Corporate-Governance-Berater Camberview übernommen hatte.

Houlihan Lokey schluckte GCA Altium

Firmenkunden der Berater-Boutiquen sehen die vermeintlichen Wachstumsgeschichten etwas nüchterner: "Es gibt in der Beraterlandschaft einen zunehmenden Konsolidierungsdruck und die Notwendigkeit, internationale Verbindungen aufzubauen", benennt Goetz Hertz-Eichenrode, Chef des Finanzinvestors Hannover Finanz, Gründe für die Neuordnung.

Es gibt in der Beraterlandschaft einen zunehmenden Konsolidierungsdruck und die Notwendigkeit, internationale Verbindungen aufzubauen.

Goetz Hertz-Eichenrode, Hannover Finanz

Im vergangenen Jahr schluckte die US-Investmentbank Stifel die deutsche M&A-Beratung Acxit. Ein Jahr zuvor hatte bereits die US-Investmentbank Houlihan Lokey GCA Altium übernommen – ein direkter Wettbewerber von Herter, der neben der Finanzierungsberatung aber vor allem auch in der M&A-Beratung aktiv ist. M&A spielte in der eigenen Wachstumsgeschichte schon immer eine Rolle, ging die Boutique 2016 doch aus dem Zusammenschluss von der deutsch geprägten Altium und GCA Savvian hervor.

Spin-offs

M&A spielt auch in der Entstehungsgeschichte von Alantra eine Rolle. Den deutschen Markt betrat die spanische Investmentbank 2013 noch unter der Firmierung "N+1". Unter der Leitung von Wolfram Schmerl und Robert von Finckenstein mauserte sich Alantra hierzulande zu einem der aktivsten mittelständischen M&A- und Debt-Berater. Doch auch Alantra strebt nach Höherem und will künftig auch größere Deals machen. Schmerl und Finckenstein traten dem Vernehmen nach aus diesem Grund in diesem Jahr zurück. Neuer Deutschlandchef ist mit Jan Caspar Hoffmann ein ehemaliger Investmentbanker der Large-Cap-Boutique Moelis.

Mit den Übernahmen deutscher Boutiquen kauften sich in den vergangenen Jahren auffällig viele US-Large-Cap-Häuser in den deutschen Mid-Cap-Markt ein. „Gleichzeitig beobachten wir schon, dass diese Häuser in ihren neuen Strukturen deutlich größere Transaktionen machen als vorher, da größere Deals höhere Fees abwerfen“, sagt Felix Engelhardt vom M&A-Berater Zumera. Für Small- und Mid-Cap-Berater wie ihn sei das natürlich eine Chance, auch wenn die Wettbewerbsintensität dennoch zunehme.

Zumera spaltet sich von Saxenhammer ab

Zumera selbst spaltete sich dieses Jahr von der mittelständischen Corporate-Finance-Beratung Saxenhammer ab. Unter anderem, um sich von dem Restrukturierungsimage zu lösen, mit dem die Marke Saxenhammer im deutschen Markt verbunden ist. „Wir glauben aber auch, dass sich das M&A-Beratungsgeschäft strukturell verändern wird“, sagt Engelhardt. Seiner Meinung nach werden künftig nur noch solche M&A-Boutiquen erfolgreich sein, deren Incentivierungsstrukturen Zusammenarbeit fördern.

Wir glauben aber auch, dass sich das M&A-Beratungsgeschäft strukturell verändern wird.

Felix Engelhardt, Zumera

„Traditionell sieht das ja so aus, dass ein Partner jährlich einen Betrag X an Umsatz bringen muss und folglich nur an seinen eigenen Deals interessiert ist“, so Engelhardt. Zumera hingegen setze in einem immer wettbewerbsintensiveren M&A-Geschäft auf den Teamerfolg und nutze Technologie, um die eigenen Berater untereinander zu vernetzen und Wissen allen zugänglich zu machen. „Dafür haben wir über sechs Jahre auch einen siebenstelligen Betrag in unsere technologische Infrastruktur investiert“, sagt Engelhardt. Also in Projektmanagement-Tools, CRM-Software und Ähnliches. Solche Investitionen könnten kleinere M&A-Häuser allein schwer stemmen, weshalb Engelhardt eine weitere Konsolidierung der mittelständischen Beraterszene durchaus für möglich hält.

Atares und TCG verlassen das Mutterschiff

Andere Teams kappten dieses Jahr die Verbindungen zum Mutterschiff, um ihr Profil als Tech-M&A-Berater zu schärfen. Ein Beispiel ist der M&A-Berater Proventis, dessen rund 20-köpfiges Tech-Team um Jan Pörschmann und Rainer Wieser sich Anfang November mit Atares selbständig gemacht hat. Einen Tag später gab Proventis wiederum die Neueröffnung eines Büros in Frankfurt bekannt. Im September gründeten Harald Mährle und Monika Nickl TCG Corporate Finance, einen auf "digitale Champions" spezialisierten M&A-Berater. Beide arbeiteten zuvor lange für Mummert & Company, die 2016 von der US-Investmentbank Raymond James übernommen wurde.

Markt wird reifer

Grundsätzlich sieht M&A-Berater Engelhardt noch Platz für neue Boutiquen, die kleinere Deals betreuen. "Wir schätzen, dass in Deutschland derzeit immer noch rund zwei Drittel aller Small-Cap-Transaktionen ohne M&A-Berater erfolgen", so Engelhardt. Aus diesem Grund nimmt auch Kai Hesselmann in diesem Marktsegment – Unternehmen mit 0,5 bis 5 Mill. Euro Ebitda – gerade sehr viel Dynamik wahr. Dem Mitgründer von Dealcircle zufolge winken bei diesen Transaktionen zwar nicht die großen Fees, auf die die GCAs und Alantras neuerdings aus sind.

Wir schätzen, dass in Deutschland derzeit immer noch rund zwei Drittel aller Small-Cap-Transaktionen ohne M&A-Berater erfolgen.

Felix Engelhardt, Zumera

Der Charme für M&A-Berater liege vielmehr in den vielen kleinen Transaktionen, die es in diesem Segment auch im aktuell schwierigen Marktumfeld weiterhin geben soll. Hesselmann beobachtet deshalb neue Berater, die mit dem Ziel antreten, den Small-Cap-M&A-Markt zu professionalisieren. So ging im vergangenen Jahr beispielsweise Benchmark International in Deutschland an den Start. Der ehemalige Raymond-James-Berater Tobias Ramminger gründete LSJ Advisory und der Finanzierungsberater Cubus Partners schlüpfte unter das Dach von MCF Corporate Finance.

Der deutsche Corporate-Finance-Beratermarkt ist reifer und transparenter geworden. Dazu tragen auch immer mehr Datenbank- und Technologieanbieter bei. Im M&A-Geschäft zählt dazu Dealcircle, die M&A-Berater und Firmen zusammenbringt und dafür auf eine Datenbank zurückgreift. In der Finanzierungsberatung hat sich diesem Ziel das Start-up Leverest verschrieben, das unter anderem mit Alantra kooperiert.