Notiert in ParisMaiglöckchen

Jahresumsatz an einem Tag

Maiglöckchen am 1. Mai als Glücksbringer zu verschenken, hat in Frankreich Tradition. Das beschert heimischen Züchtern einen Umsatz von 100 Mill. Euro. Doch sie werden immer weniger.

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Von Gesche Wüpper

In der App der SNCF heißt es allerorten: „Complet, complet, complet“. Wer seine Fahrt mit dem Hochgeschwindigkeitszug TGV im Mai nicht rechtzeitig gebucht hat, muss sich etwas anderes einfallen lassen – es sei denn, er ist bereit, Preise von teilweise über 100 Euro je Fahrt zu zahlen. Gerade, wenn es sich um ein langes Wochenende handelt, sind die im Gegensatz zu deutschen ICEs sitzplatzgebundenen TGVs bereits seit Wochen ausgebucht. Denn die Franzosen lieben ihre „Ponts“, die Brückentage, die es ihnen ermöglichen, über ein langes Wochenende wegzufahren. Nachdem der 1. und der 8. Mai letztes Jahr auf einen Sonntag fielen, sind französische Arbeitnehmer in diesem Jahr wieder auf ihre Kosten gekommen.

Doch die Inflation hinterlässt auch hier ihre Spuren. Die ausgebuchten TGVs der SNCF täuschen darüber hinweg, dass sich einige Franzosen jetzt angesichts der gestiegenen Lebenshaltungskosten verkneifen, an den Mai-Feiertagen zu verreisen. Im Vergleich zum Vorkrisenjahr fahren in diesem Mai nach Angaben von Tourismusexperten 10% weniger in Urlaub. „Das Urlaubsbudget hat sich wegen der Inflation, des Anstiegs der Preise, sehr verändert“, sagt Jean-Pierre Mas, der Vorsitzende der französischen Reiseunternehmen. Es gebe Franzosen, die sich jetzt bewusst dafür entscheiden würden, ihren Einkaufswagen im Supermarkt zu füllen, anstatt wegzufahren. Diejenigen jedoch, die jetzt verreisen, investieren im Schnitt 30% mehr. Besonders gefragt sind Ziele an der französischen Atlantikküste, in Spanien, Griechenland, Ägypten und auf Mauritius.

So manchen Feiertagsurlauber erwartet bei seiner Rückkehr daheim ein verwelkter Strauß Maiglöckchen. „Bringen die denn kein Unglück?“, fragte ich einen französischen Segelfreund, als er am 1. Mai vom Markt in Le Palais mit einem Strauß Maiglöckchen zurück an Bord kam. Blumen an Bord, so ein unter deutschen Seglern verbreiteter Aberglaube, erinnern zu sehr an Beerdigungen und sind deshalb zu vermeiden. In Frankreich dagegen gelten Maiglöckchen als Glücksbringer und werden deshalb am 1. Mai traditionell an Freunde und Verwandte verschenkt. Auf rund 100 Mill. Euro schätzt der Floristenverband den Markt für Maiglöckchen. Davon entfallen 90 Mill. Euro auf Floristen, der Rest auf Verkaufsstände am Straßenrand im ganzen Land. Auch für einige Gewerkschaften und die Kommunistische Partei ist der Verkauf von Maiglöckchen ein lukratives Geschäft. Den französischen Kommunisten beschert er je nach Jahr zwischen 500.000 und 600.000 Euro.

2 bis 2,50 Euro kosteten die Maiglöckchen in diesem Jahr im Schnitt pro Stängel. Das sind 30 Cent mehr als im Vorjahr. Sie alle stammen ausschließlich aus heimischer Produktion, vor allem aus der Gegend von Nantes, das mit seinem atlantisch-feuchten Klima ideal für den Anbau ist. Während die Nachfrage beständig ist, sinkt die Zahl der Züchter. Vor 15 Jahren habe es in der Region noch gut 150 Maiglöckchen-Züchter gegeben, berichtet Züchter Philippe Naulleau. „Heute sind wir nur noch 15.“ Ein wenig verrückt müsse man schon sein, um Maiglöckchen zu züchten, gibt er zu. „Man muss schon Poker lieben, wenn man seinen gesamten Jahresumsatz an nur einem Tag macht.“

Dieses Jahr sei es besonders schwierig gewesen, Erntehelfer zu finden, sagt Naulleau. Normalerweise beschäftigt der Nischensektor mit seinen 2.000 Festangestellten rund 4.000 Saisonkräfte. Doch wegen ungünstiger Ferientermine seien viele Studenten, die sonst helfen, ausgefallen, meint der Züchter. Einige Betriebe mussten wegen mangelnder Helfer sogar einen Teil der Maiglöckchen auf den Feldern stehen lassen. So wie der Gemüsebauer Louis Bouyer aus Divatte. Eigentlich hatte er 240 Saisonkräfte für die Maiglöckchen-Ernte erwartet, doch stattdessen sind gerade mal 80 gekommen. Eine Erklärung dafür habe er auch nicht, sagt Bouyer. Um so viele Maiglöckchen wie möglich für den Verkauf zu retten, hat er Mitarbeiter, die eigentlich Gemüse ernten sollen, für die Maiglöckchen eingesetzt.

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