Notiert inSchanghai

Lokalderby ohne Dosenbier

Die Weltmacht China tut sich beim Kicken schwer. Die Profiliga CSL ist der Gähner schlechthin. Das hat auf bizarrer Weise auch mit der Krise der Immobilienentwickler zu tun.

Lokalderby ohne Dosenbier

Lokalderby ohne Dosenbier

Von Norbert Hellmann

Deutschland-Frankreich, Sieg im Finale nach dramatischem Elfmeterschießen. Mit dem 1. Advent ist gar ein Fußball-Weltmeister-Titel nach Deutschland gekommen. Es mag keine Autocorsos und keinen Spitzenplatz in den Abendnachrichten gegeben haben, weil nur die Teenies der U-17 Nationalmannschaft auf dem Platz standen.

Aber dennoch, an den WM-Sieg lassen sich Hoffnungswerte knüpfen, dass es mit dem deutschen Männerfußball wieder aufwärtsgehen gehen kann. Schließlich ist da ein besonders guter neuer Jahrgang am Heranwachsen. Genau dieses Gefühl suchen chinesische Fußballfans und Sportfunktionäre seit Jahren verzweifelt und vergeblich. Auf allen Liga- und Verbandsebenen und über alle Altersstufen hinweg ist nichts als Elend und Tristesse angesagt.

Selbstverständlich hat sich China für das U-17 Turnier, bei dem Länder wie Usbekistan, Panama, Burkina Faso und Mali flott mithalten konnten, gar nicht erst qualifiziert. Für die Männertruppe stehen bei der Asien-Qualifikationsrunde für die WM 2026 schlecht aus, obwohl die Teilnehmerzahl von 32 auf 48 aufgestockt wird und mehr Teams aus Asien eine Chance haben.

Auf der Rangliste des Weltverbands Fifa steht China auf Platz 79 hinter El Salvador und Honduras, aber immerhin vor Guinea und Gabun. Das ist genauso gut oder schlecht wie vor zehn Jahren, als der Staatspräsident und selbst erklärte Fußballfreund Xi Jinping den Aufstieg der Nation zu einer Weltfußballmacht politisch anordnen und mit einem Aktionsprogramm unterlegen ließ. Alles hatte Hand und Fuß. Der Wirtschaftsplanungsrat NDRC formulierte präzisen Ziele, zum Beispiel, dass künftig auf je 10.000 Einwohner zwischen 0,5 und 0,7 nutzbare Fußballfelder zu kommen haben. Was sollte da schon schiefgehen? Ach ja, an Vereinskultur wurde irgendwie nicht gedacht.

Die einst mit Traumgehältern für abgehalfterte ausländische Starkicker lockende Chinese Super League (CSL) ist nur noch ein lebender Toter. Manche nennen sie Chinese Zombie League. Am Wechsel von CSL zu CZL ist zum einen Chinas Pandemiepolitik schuld, die über drei Jahre hinweg keine vernünftige Saison zustande kommen ließ. Zum anderen hat die Verschuldungsmisere der chinesischen Immobilienentwickler der Liga das Genick gebrochen. Diese waren nämlich die großen Geldgeber.

Einst kaufte jeder Baulöwe, der was auf sich hielt, einen Verein, ließ ein großes Stadion bauen und sah in der VIP-Lounge mit Geschäftsfreunden inmitten spärlich besetzter Tribünen seinem Bezuschussungsspaß zu. Im Jahr 2018 trugen 9 der 16 Vereine in der höchsten Spielklasse den Namen des dahinterstehenden Immobilienkonzerns. Der erfolgreichste und bekannteste Club hieß Guangzhou Evergrande FC. Jaja, der gleiche Name wie der Negativschlagzeilen-Champion Evergrande Group. Den Immobilienkonzern gibt es noch als pleiteverdächtigen Zombie, den Verein aber längst nicht mehr. Auch die anderen Bauträger-Clubs haben den Spielbetrieb eingestellt oder wurden umbenannt.

Der neue CSL-Meister heißt übrigens Shanghai Ports. Das ist kein Schreibfehler mit mangelndem "S" vor dem "P" im hinteren Namensteil. Die Truppe wird vielmehr von Chinas größtem Hafenbetreiber Shanghai Ports International Group gestützt. Der geht zwar nicht pleite, trägt aber auch nicht sonderlich zu Begeisterung versprühender Fankultur bei.

Die Bewohner der 25-Millionen-Stadt begegnen ihren zwei Erstliga-Mannschaften mit absoluter Gleichgültigkeit. Auch beim Lokalderby zwischen Schanghai Ports und Shanghai Shenhua (ein sanfter unkommerzieller Name, der sich auf die Magnolie als Vorzeigeblume Schanghais bezieht) kochen die Gemüter nicht hoch. Die „Fans“ gehen brav und gesittet ins Stadion, niemand schreit, jubelt oder singt, es fließt kein Dosenbier in der U-Bahn. Der Begeisterungsmangel hat Konsequenzen. Das Land mag genug Kinder haben, aber keine solchen, die mit dem Ball neben dem Kopfkissen und Bettwäsche in Lieblingsvereinsfarben einschlafen, um von einer Zukunft in der U-17-Auswahl zu träumen.  

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