Gesellschaftliches Klima

Jenoptik-Chef Traeger steht für Toleranz

Rechtspopulistische Strömungen werden zusehends stärker. Jenoptik-Chef Stefan Traeger will gegenhalten und startet eine Kampagne für Offenheit und Toleranz.

Jenoptik-Chef Traeger steht für Toleranz

Jenoptik-Chef Traeger steht für Toleranz

Von Helmut Kipp, Frankfurt

Mit einer ungewöhnlichen Kampagne wendet sich der Photonikkonzern Jenoptik an die Öffentlichkeit. Es geht nicht darum, optische Technik und Ausrüstungsgüter zu verkaufen, sondern um Grundsätzliches wie Toleranz und Offenheit. Für den Geschäftserfolg ist nicht nur Technologie und Innovation entscheidend, sondern auch das gesellschaftliche Umfeld, ist Vorstandschef Stefan Traeger überzeugt. Und das ist oft genug von Vorbehalten und Ausgrenzung geprägt.

Denn rechtspopulistische Strömungen werden zusehends stärker. Die Wahl- und Umfrageerfolge der AfD schrecken ausländische Fachkräfte ab und können zu Spannungen in der Belegschaft der Unternehmen führen. In Thüringen – das Bundesland, in dem Jenoptik zuhause ist – kommt die AfD laut einer vor wenigen Wochen veröffentlichten Umfrage inzwischen auf 34% der Stimmen, obwohl der Landesverfassungsschutz in Thüringen die Partei als gesichert rechtsextremistisch einstuft. Auch zugewanderter Antisemitismus heizt die Stimmung in Deutschland auf, seit die Terrororganisation Hamas mit dem Massaker in Israel einen Krieg im Gazastreifen ausgelöst hat.

"Wer sich abschottet, macht dicht"

Jenoptik nimmt auf solche Entwicklungen nicht direkt Bezug, sondern kleidet den Hintergrund in die Worte "aktuelle geopolitische Entwicklungen und regionale Trends". CEO Traeger hält Offenheit für eine Schlüsselkompetenz: "Wer sich abschottet, macht dicht." Die mit seinen Mitarbeitern gestartete Kampagne, die zunächst auf Deutschland ausgerichtet ist, soll Mitmenschen ermutigen, tolerant zu sein und sich für Diversität einzusetzen.

Anders als viele Topmanager, die sich öffentlich kaum zu Ausgrenzung und Diskriminierung äußern, setzt Traeger damit klare Akzente. Selbstredend geht es nicht allein um gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern auch um geschäftliche Interessen. Als Technologie-Unternehmen ist Jenoptik auf Spitzenkräfte aus anderen Ländern angewiesen. Und die werden kaum nach Jena kommen oder dort bleiben, wenn sie sich nicht akzeptiert fühlen. Schon jetzt beschäftigt der Konzern in Thüringen Menschen aus 29 Nationen und verkauft seine Produkte weltweit.

Aufgewachsen in der DDR

Das Werben für eine offene Arbeitsatmosphäre und diverse Teams passt zu Traegers beruflichem Werdegang. Der Manager hat in diversen Ländern gelebt und gearbeitet. Die FAZ bezeichnete ihn mal als "Kosmopolit mit ostdeutschen Wurzeln". Dabei war ihm das Internationale eigentlich gar nicht in die Wiege gelegt. Denn Traeger wurde 1967 in Jena geboren, stammt also aus einer Zeit, als die DDR der Bewegungsfreiheit ihrer Bürger enge Grenzen setzte. Nach der Wende ging er für Physikstudium und Promotion nach Hannover und dann als Postdoc zur Stanford-Universität in Palo Alto in Kalifornien, um schließlich einen Master of Business Administration der Purdue-Universität in Lafayette im US-Bundesstaat Indiana draufzusetzen.

Es geht um die Stimmung

Im Zeiss-Konzern, wo der Manager seine Karriere startete, führten ihn die Wege unter anderem ins britische Cambridge. 2007 wechselte Traeger als Geschäftsführer zu Leica Microsystems CMS, einer Firma der amerikanischen Danaher-Gruppe, um dann in die Konzernleitung der Schweizer Tecan Group aufzusteigen. Seit Mai 2017 leitet Traeger Jenoptik – verbunden mit der Rückkehr in seine Geburtsstadt, wo er zuvor schon berufliche Stationen eingelegt hatte.

Geschäftlich läuft es gut für ihn – Jenoptik wächst jährlich mit etwa 10% und erwirtschaftet ordentliche Margen. Gerade hat Traeger das Margenziel für 2025 von 20 auf 21 bis 22% angehoben. Der Halbleiterboom schiebt das Geschäft an – Jenoptik stattet Maschinen zur Chipherstellung mit Optik aus. Weiterer Wachstumstreiber ist das Medizintechnikgeschäft. Mit dem tagespolitischen Geschäft der Parteien hat Traeger wenig im Sinn: "Da halten wir uns raus." Ihm geht es um die Stimmung: "Da ist etwas, was uns quer liegt." Deshalb erhebt er seine Stimme.

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