Claus Born, Franklin Templeton

„Die Digitalisierung wäre ohne Indien nicht zu leisten“

Im bevölkerungsreichsten Land der Welt, Indien, stehen in diesen Wochen Wahlen an. Der Aktienmarkt des Landes eilte zuletzt von Rekord zu Rekord. Aktienstratege Claus Born von Franklin Templeton erklärt im Interview der Börsen-Zeitung, was das Land ausmacht, wo seine Vorteile liegen und was er für die Zukunft erwartet.

„Die Digitalisierung wäre ohne Indien nicht zu leisten“

Im Interview: Claus Born

„Digitalisierung wäre ohne Indien nicht zu leisten“

Der Franklin-Templeton-Fondsmanager sieht weiter großes Potenzial für das Land und erklärt, was Präsident Modi anders macht als andere Politiker

Im bevölkerungsreichsten Land der Welt stehen in diesen Wochen Wahlen an. Der Aktienmarkt Indiens ist zuletzt von Rekord zu Rekord geeilt. Claus Born von Franklin Templeton erklärt im Interview der Börsen-Zeitung, was das Land ausmacht, wo seine Vorteile liegen und was er für die Zukunft erwartet.

Herr Born, Amtsinhaber Narendra Modi ist als nationalistisch orientierter Politiker nicht unumstritten, wirtschaftspolitisch hat seine wachstumsorientierte Politik Indien aber enorm gestärkt. Was erwarten Sie von und nach den Wahlen?

Kein Politiker ist wahrscheinlich unumstritten, so auch nicht Modi. Wirtschaftspolitisch hat er das Land in den letzten zehn Jahren wirklich vorangebracht. Er hat für eine Stabilität, die es so vorher nicht gegeben hat, gesorgt. Während dieser zehn Jahre hat Modi sehr wichtige Reformen durchgeführt, die das Wachstum in Indien auf eine solidere Basis für die nächsten Jahre bringen sollten. Das hat dort sehr viel Zuversicht erzeugt. Bezüglich der Wirtschaft, bezüglich auch der internationalen Stellung von Indien. Man fühlt sich dort mehr beachtet als in der Vergangenheit. Das ist nicht allein Modis Verdienst und natürlich auch ein Resultat der veränderten geopolitischen Lage. Aber das hat er auch sehr gut auszunutzen gewusst.

Was hat Modi im Fall seiner Wiederwahl, die ja recht wahrscheinlich ist, noch vor? Wo möchte er weitere Reform durchführen?

Er wird in seinem eingeschlagenen Wirtschaftskurs weiter auf Stabilität setzen. Das bedeutet, dass der öffentliche Haushalt weiter solide geführt wird. Modi war sehr erfolgreich darin, die Staatseinnahmen zu erhöhen. Durch die Konsolidierung von Steuern, durch eine effizientere Vereinnahmung von Steuern. Das Ungewöhnliche ist, dass er die Steuern anders ausgegeben hat als Vorgängerregierungen, die häufig auf Sozialprogramme fokussiert waren, um damit letztendlich Wählerstimmen zu gewinnen. Das hat Modi nicht so gemacht. Er hat die erhöhten Staatseinnahmen insbesondere für Infrastrukturmaßnahmen ausgegeben. Ein ganz klarer Wandel.

Die Infrastruktur hat den aktuellen Indien-Boom also befördert?

Das war vor Modi auf jeden Fall eine Schwachstelle von Indien. Und da hat sich in den letzten zehn Jahren einiges geändert. Was den Ausbau des Straßennetzes, des Fernstraßennetzes betrifft, was den Ausbau der Schieneninfrastruktur betrifft und auch bei der Elektrifizierung der Schieneninfrastruktur, was die Modernisierung und den Ausbau von Flughäfen betrifft und, wenn man auf den städtischen Bereich schaut, den Aus- und Neubau von Metrolinien in vielen Städten. Da wird sehr, sehr viel Geld reingesteckt. Wenn man sich die Budgetzahlen anschaut, sieht man einerseits, dass die Staatseinnahmen und -ausgaben gestiegen sind und dass innerhalb der Ausgaben auch die Ausgaben für Infrastrukturmaßnahmen prozentual stark gestiegen sind.

Welche Faktoren haben noch zu dem Wirtschaftsboom beigetragen? Gibt es das klischeebehaftete Indien mit den Callcentern noch?

Die Callcenter gibt es natürlich auch noch in Indien. Die führenden IT-Outsourcing-Unternehmen kommen ja weiterhin aus Indien. Da ist man aber schon viel weiter als das relativ einfache Callcenter-Management, mit dem das mal angefangen hat. Indien ist inzwischen auch bei der IT-Beratung, der Digitalisierung und dem Export von Digitalisierung eine führende Nation. Man kann durchaus sagen, dass die Digitalisierung zu vernünftigen Kosten ohne Indien und die indische IT-Dienstleistungsbranche auch bei uns wahrscheinlich nicht zu leisten wäre. Es wird sehr viel dorthin outgesourct.

Gilt das auch für Franklin Templeton?

Wir haben seit bestimmt 15 Jahren oder sogar noch länger sehr große Standorte in Indien, u.a. im IT-Bereich. Es gibt sehr viele Unternehmen, die Geschäftsbereiche nach Indien ausgelagert haben. Was neu unter Modi ist, ist, dass er Anreize geschaffen hat, neben der IT-Dienstleistung Indien auch als Produktionsstandort auszubauen. Der Grundgedanke ist, weniger zu importieren und mehr in Indien zu produzieren. Im Handybereich, im Elektronikbereich, mittlerweile auch beim Halbleiterbereich. Beispielsweise bei der Herstellung von Mobiltelefonen, die hat wirklich abgehoben in den letzten sieben, acht Jahren. Mittlerweile hat sich Indien zu einem Exporteur von Mobiltelefonen entwickelt.

Auch dank der großen Unternehmen?

Das erste Unternehmen, das dort war, war Samsung. Inzwischen sind aber auch die Apple-Zulieferer da. Ich glaube, Apple produziert mittlerweile schon 15% der iPhones in Indien, und das Ziel sind über 20 bis zu 25% in den nächsten Jahren. Der Standort wird also massiv ausgebaut. Dabei sind Mobiltelefonhersteller wie Samsung eigentlich in den indischen Markt gegangen, weil die Nachfrage im Land selber nach Mobiltelefonen rasant angestiegen ist. Aber mittlerweile und auch dadurch, dass man alternative Standorte zu China sucht, wird auch für den Export produziert.

Was macht den Standort Indien denn so attraktiv? Stichwörter sind sicherlich die Demografie, die vergleichsweise geringen Lohnkosten.

Natürlich ist die Demografie ein Faktor. Indien ist ein wachsendes Land mit einer großen Anzahl an Arbeitskräften. Ein Ziel der Modi-Regierung ist, diese auch entsprechend auszubilden und ihnen die notwendigen Fähigkeiten mitzugeben. Das war in den letzten Jahrzehnten garantiert keine Stärke von Indien, und da arbeitet man nun dran. Wie Sie schon erwähnt haben, sind auch die Arbeitskosten in Indien noch vergleichsweise gering, wenn man das mit den meisten anderen Schwellenländern vergleicht. Die sind günstiger als in China, sogar günstiger als in Vietnam. Auch das macht Indien zu einem sehr attraktiven Land. Und auch politisch ist Indien sicherlich ein Standort, der der westlichen Welt näher ist als beispielsweise China.

Nicht nur das Land ist in den letzten Jahren rapide gewachsen, sondern auch der Aktienmarkt. Nach mehreren Allzeithochs gilt er inzwischen im internationalen Vergleich mit einem KGV von über 20 als relativ teuer.

Der Markt ist auf KGV-Basis natürlich relativ teuer im Vergleich zu praktisch allen anderen Schwellenländermärkten, wahrscheinlich sogar im Vergleich zu den meisten Aktienmärkten weltweit, vielleicht außer den USA. Aber das ist auf der anderen Seite nichts Neues. Wenn ich 20 Jahre zurückgehe, schon da haben wir darüber gesprochen, dass der indische Aktienmarkt teuer ist. Es ist also ein Markt, der strukturell immer schon teuer war. Wir haben über die letzten 20, 25 Jahre immer einen Bewertungsaufschlag in Indien gehabt.

Was ist der Grund dafür?

Die Unternehmen in Indien sind im Schnitt profitabler, rentabler als der Durchschnitt der Schwellenländer. Zudem waren die Gewinne nicht so volatil wie in anderen Märkten. Es gibt sehr viele Unternehmen, die sehr profitabel sind und dadurch auch höhere KGVs verkraften. Darüber hinaus haben wir schon immer eine sehr hohe Nachfrage aus dem indischen Markt selbst heraus gehabt.

Woher kommt diese hohe Nachfrage?

Vor 20 Jahren war es praktisch unmöglich für einen Inder, außerhalb von Indien zu investieren. Das ist mittlerweile etwas lockerer und innerhalb von gewissen Grenzen möglich, aber noch immer hat man einen Markt, der eine sehr, sehr starke Nachfrage hat. Indien ist einer der Märkte, wo man die besten Renditen absolut erzielt hat über die letzten Jahre. Nicht nur über die letzten drei Jahre, sondern über die letzten 20, 25 Jahre. Wenn man sich diese langen Zeitreihen anschaut, dann ist der indische Markt besser gelaufen als die Schwellenländer insgesamt und beispielsweise auch besser gelaufen als China. Indien ist also schon in den letzten Jahrzehnten einer der Märkte gewesen, wo man immer sehr gutes Geld verdienen konnte.

Rechnen Sie denn nun zunächst mit einer Korrektur oder gehen Sie davon aus, dass die Rally noch eine Zeit lang weiterlaufen könnte?

Das ist natürlich immer schwierig zu sagen. Ich würde jetzt nicht sagen, das geht in den nächsten fünf Jahren in einer geraden Linie nur noch nach oben. Eine gewisse Volatilität ist normal. Und wir können und werden in den nächsten Jahren im indischen Aktienmarkt sicher auch Korrekturen sehen. Wir sind trotzdem positiv gestimmt. Wenn man sich die nächsten zwei, drei Jahre anschaut, haben wir bei den Gewinnaussichten der Top-Unternehmen Wachstumsraten von knapp 20%. Im Mid- und Small-Cap-Bereich sind die Erwartungen sogar noch höher. Wenn sich dieses Gewinnwachstum realisieren lässt, machen wir uns keine Sorgen um die Bewertungen. Wir sehen keine Überbewertung im indischen Markt, sondern sind noch auf einem vernünftigen Niveau.

Anders als zuletzt in den USA und Europa steigt in Indien der breite Aktienmarkt an und nicht nur einige wenige Unternehmen.

Das reflektiert, dass die breite Wirtschaft wächst, dass viele Unternehmen gute Gewinne erwirtschaften können und nicht nur vereinzelte große Unternehmen die treibende Kraft im Aktienmarkt sind. Wir erwarten sogar, dass sich die Basis für das Gewinnwachstum in den nächsten Jahren noch weiter verbreitern wird. So sind beispielsweise Internetunternehmen in Indien relativ spät an die Börse gekommen. Der Smartphone-Boom hat später angefangen als in anderen Schwellenländern und somit auch die Möglichkeit, an breite Bevölkerungsschichten Internetdienstleistungen anzubieten oder zu verkaufen. Das ist ein wichtiger Unterschied der Schwellenländer zu den Industrieländern: Der Internetboom hat bei uns mit Computern, mit Laptops, Tablets angefangen, aber in den meisten Schwellenländern ist er handygebunden.

Investiert Ihr Fonds auch in die Breite des Aktienmarkts oder haben Sie gewisse Sektoren und Unternehmen, denen Sie besonders großes Potenzial zutrauen?

Wir investieren in den gesamten Aktienmarkt, aber natürlich setzen wir gewisse Schwerpunkte. Das ist einmal im Finanzdienstleistungssektor. Wir haben eine relativ hohe Gewichtung im Bankenbereich, aber mittlerweile auch bei Versicherungen und anderen Dienstleistungen. Der Grund dafür ist relativ einfach: Das Kreditwachstum in Indien ist weiterhin hoch, dieses Jahr so um die 16 bis 17%. Das sollte auch noch eine Weile so andauern, die Penetration von Bankdienstleistungen ist noch relativ gering. Da ist also noch viel Luft nach oben. Zusätzlich zum Kreditwachstum.

Wo investieren Sie noch?

In Banken aus dem Privatsektor. Der öffentliche Bankensektor hat immer noch einen Marktanteil von 60 bis 70%, doch der private wird dem öffentlichen Sektor Marktanteile wegnehmen. Außerdem im Konsumbereich. Basiskonsum, aber auch immer stärker im Nicht-Basiskonsumgüter-Bereich. Da gibt es interessante Unternehmen. Nestlé etwa hat eine Tochtergesellschaft, die in Indien notiert ist. Unilever hat eine Tochter in Indien. Und dann Diageo, der größte Spirituosenhersteller weltweit. Auch der hat eine Tochter an der Börse in Indien.

Namens?

United Spirits. Das ist ein sehr schnell wachsendes Unternehmen, das wir auch im Portfolio haben. Wenn Inder Alkohol trinken, dann sehr häufig Spirituosen. Indien ist mittlerweile der größte Importeur von schottischem Whisky. Aber die importieren nicht nur Whisky, sondern machen auch sehr viel Whisky selber, auch auf internationalem Niveau. United Spirits ist ein schönes Beispiel für schon nicht mehr Basiskonsum. Das gilt auch für Kleidung. Da haben wir ein Unternehmen wie Trent, das hauptsächlich lokale Marken hauptsächlich für Frauen vertreibt. Trent ist zudem der Joint-Venture-Partner für Zara.

Was macht Nicht-Basiskonsum so interessant?

Indien ist ein Markt, der sehr, sehr schnell wächst und in einer Phase ist, wo breitere Bevölkerungsschichten in die Mittelschicht kommen und mehr Geld übrig haben für den Konsum. Daher ist das auch ein Thema, in das wir investieren. Einer unserer anderen Schwerpunkte ist der in Indien noch junge Internetsektor. Wir waren einer der Ersten, die einen eigenen Internetanalysten im Team hatten. 

Was ist denn Ihre größte Position?

Die größte Position derzeit ist die ICICI Bank und die zweitgrößte Position ist Larsen & Toubro. Das ist ein Konglomerat, das insbesondere im Infrastrukturbereich tätig ist. Denn natürlich versuchen wir auch, im Infrastrukturbereich zu investieren, da das einer der Bereiche ist, wo wir sehr, sehr viel Wachstum sehen. Und Toubro ist bei so großen Infrastrukturprojekten wie beispielsweise dem Bau von Metronetzwerken dabei.

Zur Person: Claus Born ist Senior Vice President und institutioneller Portfoliomanager für Franklin Templeton Emerging Markets Equity mit Sitz in Frankfurt. In Indien managt Franklin Templeton ein Vermögen von 12 Mrd. Dollar. Born verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in Schwellenländer-Aktienmärkten. Bevor er im Jahr 2000 zu Franklin Templeton kam, war er Business Analyst bei Mannesmann Eurokom.

Das Interview führte Tobias Möllers.

Das Interview führte Tobias Möllers.