LEITARTIKEL

Banker gehen durchs Stahlbad

Kann man einen Kommentar über die Beschäftigungsentwicklung in der Kreditwirtschaft schreiben, ohne Ulrich Cartellieri zu erwähnen? Nein. Also bringen wir es gleich hinter uns: "Die Banken sind die Stahlindustrie der neunziger Jahre", prophezeite...

Banker gehen durchs Stahlbad

Kann man einen Kommentar über die Beschäftigungsentwicklung in der Kreditwirtschaft schreiben, ohne Ulrich Cartellieri zu erwähnen? Nein. Also bringen wir es gleich hinter uns: “Die Banken sind die Stahlindustrie der neunziger Jahre”, prophezeite das langjährige Vorstandsmitglied der Deutschen Bank 1990. Der Stellenkahlschlag, den Krupp & Co. teilweise längst hinter sich hatten, stünde den Banken nun bevor. Diesmal lag der für seine brillanten volkswirtschaftlichen Analysen bekannte Banker daneben – was die zeitliche Perspektive anging. In den neunziger Jahren entstanden über alle Säulen der Branche hinweg noch 30 000 neue Arbeitsplätze.Grundsätzlich aber stimmte die vorhergesagte Richtung. Durch ein Stahlbad gehen die Bankangestellten seit der Jahrhundertwende. Seit dem Höhepunkt der Beschäftigung – 780 000 Arbeitnehmer anno 1994 – haben private Banken, Sparkassen und Landesbanken, Volks- und Raiffeisenbanken, Bausparkassen und Spezialinstitute 200 000 Stellen abgebaut, was, nebenbei bemerkt, absolut betrachtet ziemlich genau der Erosion der Arbeitsplätze in der deutschen Stahlindustrie seit 1980 entspricht. Nur war dort der Einbruch relativ gesehen mit mehr als 70 % auf heute etwa 85 000 Stellen noch weitaus massiver.Doch die Banken holen auf. Das Tempo des Abbaus scheint sich zu verschärfen. Mancher Personalberater nimmt sich mit der Empfehlung wichtig, gerade jetzt die Axt am Personalbestand anzulegen, und orakelt, dass in den nächsten Jahren weitere 200 000 der 586 000 Jobs (Ende 2017) zur Disposition stehen. Wer solche Appelle und plakativen Zahlen hinausposaunt, bettelt zwar erkennbar um Aufmerksamkeit und Beratungsmandate, die Prognose muss aber im Ergebnis nicht falsch sein.Allein die Ankündigungen aus jüngerer Zeit läppern sich: Mindestens 7 000 von 97 000 Vollzeitstellen fallen bis Ende nächsten Jahres bei der Deutschen Bank dem Rotstift zum Opfer, 9 600 brutto bis 2020 sind es bei der Commerzbank. Die Nord/LB ist mit 1 250 Arbeitsplätzen dabei, die DZ Bank, wie gerade mitgeteilt, mit weiteren knapp 500 bis 2022 – und so weiter. Doch während die A-Prominenz mit ihren Abbauplänen für Schlagzeilen sorgt, findet der Aderlass zum größeren Teil unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit statt, nämlich bei den dezentral aufgestellten Verbünden. Die Sparkassen etwa haben seit Mitte der neunziger Jahre jeden vierten ihrer damals über 290 000 Arbeitsplätze gekappt. Da hier wie auch bei den Kreditgenossen stets die selbständigen Institute vor Ort entscheiden, liest man von diesen Streichaktionen allenfalls in der Lokalpresse.Die bis zum Überdruss zitierte Digitalisierung vermag den Abbau nur zum Teil zu erklären. Sie schafft ja bei Banken und außerhalb auch neue Stellen. So schätzt der Start-up-Bundesverband, dass bei den 400 deutschen Fintechs mittlerweile weit über 5 000 Menschen in Lohn und Brot stehen. Tatsächlich überlagern sich mehrere Entwicklungen und verstärken sich gegenseitig in beispielloser Intensität: der brutale Ertrags- und Kostendruck durch Null- und Negativzinsen sowie den gerade kleinere Häuser überfordernden Regulierungsaufwand, der beinharte, zusätzlich auf die Margen drückende Wettbewerb, gewiss auch die grassierende Digitalisierung bankinterner Prozesse und der Bank-Kunde-Beziehung durch diverse Formen des Robo-Banking.Nicht zuletzt macht die – zunehmend durch das Zinsumfeld und die Regulierung getriebene – Konsolidierungswelle Bankjobs en masse platt. Das “Technologieunternehmen” Commerzbank und die DZ Bank zum Beispiel nähern sich ihrem jeweiligen Beschäftigungsstand vor der Übernahme der Dresdner beziehungsweise der Fusion mit der WGZ Bank. Rechnerisch wurden allein in diesen Fällen 27 600 respektive 1 200 Stellen “wegkonsolidiert”. Insoweit erscheint das Arbeitsbeschaffungsprogramm Regulierung aus Sicht des Finanzplatzes geradezu als Glücksfall, sorgt diese doch für Entlastung am Bankenarbeitsmarkt. Und wer als Banker nicht mehr gebraucht wird, taugt vielleicht noch als Aufseher. Ein einzelner Brexit aber wird auf Dauer kaum reichen, um den Beschäftigungsstand in Frankfurt auch nur zu halten.Zurück zu Cartellieri: Einen wichtigen Unterschied gibt es zwischen den Kahlschlägen beider Branchen. Wurde in den achtziger Jahren ein Stahlwerk dichtgemacht, bebte regelmäßig der Pott. Bei den Banken hingegen vollzieht sich der Stellenabbau nahezu lautlos. Kein Wunder: Für ihre Angestellten ist das Stahlbad dank wirklich sozialverträglicher Vereinbarungen der Betriebsparteien zumeist auszuhalten.—–Von Bernd WittkowskiDie Banken sind die Stahlindustrie des 21. Jahrhunderts. 200 000 Stellen wurden abgebaut, noch einmal die gleiche Zahl ist gefährdet.—–